Vollgas und Klimaschutz?

Nachhaltigkeitskommunikation

Ein paar Stunden nach dem Rennen im englischen Silverstone im Juli sieht man Sebastian Vettel mit Mundschutz durch die Ränge der Haupttribüne laufen. Er hebt Müll zwischen den Sitzen auf und steckt ihn in durchsichtige Plastiksäcke, die er anschließend die Treppe hinunterträgt. „Die Idee heute ist, einfach zu zeigen, dass es noch einiges an Handlungsbedarf gibt an unserem Verhalten“, sagt er.

Aufnahmen von der Aktion findet man auf seiner Website. Neben den Navigationspunkten Rennen, News, Fakten, Helme und Fans steht ganz unten der Punkt Nachhaltigkeit, wo das Video vom Müllsammeln und ein weiteres vom Bau eines Bienenhotels zu sehen sind. „Es liegt an uns, glaube ich, die Welt ein Stück besser zu machen“, sagt Vettel am Ende des Silverstone-Videos. „Irgendwo müssen wir anfangen. Und jeder von uns kann den Unterschied machen. Jetzt.“ Sebastian Vettel, der vierfache Formel-1-Weltmeister, ein Vorbild für Umweltschutz?

„Mit der Klimakrise beschäftigt sich Sebastian schon seit längerer Zeit intensiv“, sagt Britta Roeske, die seit zwölf Jahren Vettels persönliche Sprecherin ist. „Insbesondere im Frühjahr letzten Jahres, als wir wegen Corona an den Wochenenden nicht gereist sind, konnten wir dem Thema mehr Zeit widmen und Ideen entwickeln.“ Die Idee für die Müllsammelaktion in Silverstone sei auf dem Weg in die Fabrik entstanden. Vettel sei entsetzt gewesen, wie viel Müll am Wegrand lag. „Also haben wir überlegt, wie man die Menschen zum Nachdenken anregen und für mehr Respekt im Umgang mit der Natur sensibilisieren kann“, sagt Roeske.

Vettel ist nicht der einzige Prominente mit überdurchschnittlich großem CO₂-Fußabdruck, der für Umwelt- und Klimaschutz wirbt. Sein Formel-1-Kollege Lewis Hamilton zum Beispiel erklärte 2019 am Rande des Großen Preises von Mexiko, dass er versuche, weniger zu fliegen, sein Flugzeug und mehrere Autos verkauft habe, Plastik vermeide – und überhaupt versuchen wolle, klimaneutral zu leben. Leonardo DiCaprio gründete schon 1998 eine Stiftung für Umweltschutzprojekte. Der Schauspieler fährt Hybridautos und nutzt Solarenergie. 2007 und 2019 produzierte er Dokumentarfilme über die Klimakrise.

Was sie alle begleitet: der Vorwurf der Heuchelei. DiCaprio lässt für die Galas seiner Stiftung schon mal Hunderte Promis in Südfrankreich einfliegen, fliegt selbst gern mit dem Privatjet oder feiert auf riesigen Luxus-Yachten. Bei den Rennfahrern liegen die Vorwürfe auf der Hand. Sie rasen nicht nur über die Pisten, sie reisen vor allem samt Fahrzeugen und Gefolge quer über den Planeten und machen dabei Werbung für schnelles Autofahren. Ist das öffentliche Eintreten für Klimaschutz in solchen Fällen nicht zwangsläufig scheinheilig, heuchlerisch oder absurd, wie gerne kommentiert wird?

Reden und Handeln ­müssen übereinstimmen

Für die Glaubwürdigkeit von Unternehmen, Verbänden, Parteien und Einzelpersonen sei „eine möglichst einhundertprozentige Übereinstimmung von Reden und Handeln nahezu unabdingbar“, sagt Stephan Brause, Leiter PR und Unternehmenskommunikation der Hamburger Agentur Brinkert Lück Creatives. „Gerade in unserer stetig schneller und politischer werdenden Gesellschaft, in der die öffentliche Erregung sehr schnell anschwillt, wenn jemandem ein vermeintlicher Verstoß gegen die von ihm zuvor öffentlich propagierten Werte und Normen nachgewiesen wird.“ Brinkert Lück konzentriert sich als Agentur auf gesellschaftliche und politische Kommunikation. Zusätzlich hat sie diverse Kunden aus dem Sport. Die Agentur betreute in diesem Jahr den Bundestagswahlkampf der SPD.

Also keine Chance für Rennfahrer, Klimaschutz zu propagieren? Sport-Profi Brause, der beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) Sprecher des Präsidenten und PR-Abteilungsleiter war, findet es nicht korrekt, einzelne Fahrer von vornherein als unglaubwürdig abzustempeln. „Vor allem dann nicht, wenn sie sich glaubhaft und wiederholt für nachhaltige und ökologische Verbesserungen in ihrer Branche und darüber hinaus für die Werte einer modernen Gesellschaft einsetzen“, sagt er. Glaubwürdig könnten sie allerdings nur sein, wenn sie auch als Privatpersonen entsprechend handeln.

Seinen privaten Einsatz für den Umweltschutz hat Vettel bereits mehrfach in Interviews thematisiert: Im Dezember sprach er mit der „FAZ“ darüber, dass er schon mal beim Spazierengehen Müll aufhebt und genau plant, wann er Auto, Zug oder E-Auto fährt. Dem „Spiegel“ erzählte er im Juni von der Photovoltaikanlage auf seinem Dach, dass er Ökostrom beziehe, kein Fleisch aus Massentierhaltung kaufe und Plastik vermeide. Er habe zunächst seine Gewohnheiten geändert, unter anderem „die Vielfliegerei“. Erst dann habe er darüber geredet.

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Schauspieler Leonardo DiCaprio bei einer Demonstration für mehr Klimaschutz. Sein Lebensstil ist weiterhin glamourös. (c) picture alliance / newscom

Tue Gutes und rede darüber – so einfach ist es natürlich nicht. Alexander Balow hat im vergangenen Jahr die Schweriner Agentur 2020 gegründet, die Unternehmen in Nachhaltigkeitsfragen berät. Letztlich setze sich die Glaubwürdigkeit aus vielen kleinen Teilen zusammen, sagt er. „Jeder ordnet die Dinge für sich selbst ein. Die bunte Welt da draußen rauscht ja hauptsächlich in Feeds auf dem Handy an uns vorbei. Wenn man sich mit jemandem auseinandersetzt und ein bisschen recherchiert, dann bekommt man ein Gefühl für diesen Menschen und vertraut ihm vielleicht.“

Dennoch bleibe immer ein Restrisiko, was die Glaubwürdigkeit angeht, sagt Balow. Natürlich gebe es auch Menschen, die Teil von Kampagnen sind und dafür gekauft werden. Letztlich beruhe die persönliche Einschätzung der Glaubwürdigkeit aus einer Mischung aus Gefühl, Erfahrung und Recherche. Balow engagiert sich ehrenamtlich für den Verein German Zero, der vorantreiben will, dass Deutschland bis 2035 klimaneutral wird und ein entsprechendes Gesetzespaket entwickelt. Ungefähr als Balow dort anfing, warben 66 Prominente für die Initiative, darunter Jan Delay, Carolin Kebekus und André Schürrle. „Das hat mich schon beeinflusst“, sagt Balow. „Grundsätzlich tragen Prominente mit dazu bei, Reichweite und damit Aufmerksamkeit zu erlangen.“

Die ersten Monate mit der Agentur hätten ihm gezeigt, wie groß das Interesse, aber auch die Unsicherheit bei den Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit sei, sagt Balow. „Sie fangen mit kleinen Schritten an – und werden dann dafür kritisiert, weil das nicht genug sei.“ Transformation müsse aber immer auch von innen heraus passieren. Sebastian Vettel sei ein gutes Beispiel dafür, wie man anfangen kann. „Es ist völlig richtig, dass die Formel 1 damit viel zu spät ist. Aber was wäre die Alternative? Ohne jemanden wie Vettel würde ein Umdenken vielleicht noch später einsetzen.“

Über die aus seiner Sicht notwendige Veränderung der Formel 1, die bis 2030 klimaneutral sein will, spricht Vettel in seinen Interviews ausführlich – von der Entwicklung synthetischer Kraftstoffe bis zur Vielfliegerei. Die Formel-1-Betreiber hätten ihn zuletzt in Monte Carlo zu einem runden Tisch über Umweltthemen eingeladen, da habe auch der Rennkalender zur Diskussion gestanden. „Ich hoffe, das wird jetzt angepackt“, sagt er dem „Spiegel“. Und: „Gehen Sie bitte davon aus, dass ich den Entscheidungsträgern, die die Regeln machen, offen meine Meinung sage.“ Als er von der „FAZ“ gefragt wird, ob er nicht „um der Glaubwürdigkeit willen“ aus der Formel 1 austreten müsse, antwortet er: „Es geht nicht darum zu sagen, das ist schlecht, darauf musst du verzichten. Es geht darum, die Chance zu sehen, es besser zu machen.“

Besondere Aufmerksamkeit erregte Vettel im erwähnten „Spiegel“-Interview mit dem Satz: „Ja, ich werde grün wählen.“ Während DiCaprio zum Beispiel schon lange öffentlich die Demokraten in den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen unterstützt, ist man hierzulande mit parteipolitischen Bekenntnissen zurückhaltender. Kritik kam unter anderem von Axel Wallrabenstein, Chairman von MSL Germany: „Ernsthaft?“, fragte er auf Twitter. „Wie heuchlerisch kann man eigentlich unterwegs sein? Völlig absurd!“ Das wiederum war „Bild“ einen Beitrag wert: „CDU-Berater wettert gegen Vettel, weil er Grüne wählen will“, schrieb das Boulevard-Blatt. Vettel legte nach und gab dem bekennenden Sportwagenliebhaber Ulf Poschardt in der „Welt“ ein Interview – an der Seite des früheren Grünen-Chefs Cem Özdemir.

„Mein Job ist es, seine Standpunkte national und international zu kommunizieren“, sagt Pressesprecherin Roeske über Vettels Bekenntnis zu den Grünen. „Natürlich diskutieren wir immer sehr viel, und ich zeige ihm auf, welche Konsequenzen bestimmte Statements nach sich ziehen könnten. So bereite ich ihn und uns vor, damit wir von den potenziellen Reaktionen nicht überrascht sind.“ Er habe sich dann entschieden, das genau so zu sagen. „Wenn Sebastian sich positioniert, dann ohne Wenn und Aber“, sagt Roeske. „Das macht meine Arbeit für ihn gleichermaßen herausfordernd und spannend.“ Die Müllsammelaktion in Silverstone und der Bau des Bienenhotels sollen jedenfalls erst der Anfang sein.

Sebastian Vettel fällt es sicherlich leichter als anderen, öffentlich seine Haltung zu zeigen, weil er in der Formel 1 bereits große Erfolge gefeiert hat. Da nimmt er auch schon mal eine Verwarnung in Kauf – wie beim Ungarn-Grand-Prix im August. In diesem Fall ging es allerdings nicht um Klimaschutz, sondern um ein T-Shirt in Regenbogenfarben mit der Aufschrift „Same Love“, das er während der Nationalhymne trug. Als ihn nach dem Rennen ein Journalist darauf anspricht, fragt Vettel zurück: „Was halten Sie denn davon?“ Der Journalist windet sich, und Vettel sagt: „Sie können mit mir machen, was sie wollen, das ist mir egal. Ich würde es wieder tun.“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Nachhaltigkeit. Das Heft können Sie hier bestellen.