Kein Spiegel der Wirklichkeit

Wie sich die Sprache ändern muss (2)

Für mich ist das Jahr 2022 ein Jahr, in dem sich vieles ändern muss. In der Corona-Pandemie sowieso, aber auch in der Kommunikation. In der internen genauso wie in der externen. In der Pressearbeit wie im Journalismus. Bei Unternehmen, Medien, in der Politik und auch in der Kommunikation der Kirche.

Anfang des Jahres wurde ich in einem Interview gefragt, welche Schlagzeile ich gerne einmal lesen würde. Meine Antwort: „Eine positive.“

Natürlich bringen es Corona-Pandemie, Kirchenkrise, Klimawandel, Inflation, Ukraine und andere Entwicklungen und Ereignisse mit sich, dass sie als Negativschlagzeilen auftauchen. An weltweiten Krisenherden besteht schließlich kein Mangel. Aber die Konzentration auf das Negative, wie ich sie bei immer mehr Zeitungen, in Radio, Fernsehen oder Online-Redaktionen sehe, spiegelt ganz sicher nicht die gesamte Wirklichkeit wider.

Diese scheinbare Einseitigkeit in den Veröffentlichungen hat Konsequenzen. Sie macht die Menschen mürbe und nervös. Sie hemmt unsere Konzentrationsfähigkeit, verkürzt die oft ohnehin schon auf Skandal-Headline verkürzten Nachrichten weiter und schafft dem Geschrei aus manchen Foren und Social-Media-Kanälen eine immer größere Bühne in der öffentlichen Wahrnehmung. Nach dem Motto: Alles ist schlecht, wenn möglichst viele immer wieder sagen, dass alles schlecht ist. Man muss es nur oft genug wiederholen.

Konzentration auf Negativschlagzeilen wird zum Problem

Ich hatte – weil das Thema ja nicht neu ist – an früherer Stelle schon mal den Schweizer Autor Rolf Dobelli zitiert, der von einem „Zusammenhang zwischen anschwellender Nachrichtenflut und der sinkenden Qualität des politischen Diskurses“ spricht. Hervorgerufen durch Dauerdiskussion in den klassischen wie auch den sozialen Medien, aber auch durch die seit einigen Jahren zunehmende Konzentration auf eine Berichterstattung, die scheinbar die Vorgaben „only bad news are good news“ mit Bravour erfüllen möchte. Es passiert auch sehr viel Positives in unserem Land und in der Welt. Auch darüber darf berichtet werden.

Das Problem ist aber nicht nur die Negativierung und Skandalisierung der Berichterstattung, sondern auch eine für mich als von außen betrachtenden Journalisten erschreckend zunehmende Inkompetenz, zwischen objektiver Nachricht und subjektiver Bewertung zu unterscheiden.

Wenn eine Radio-Moderatorin (in diesem Fall beim WDR) den Interviewpartner nicht fragt, sondern ihre Meinung als gesetzt positioniert (in diesem Fall Präsenzunterricht an Schulen) und sich darüber echauffiert, dass der- oder diejenige ihr nicht zustimmen mag, dann hat die gute Frau ihren Job verfehlt. Ihre Aufgabe ist eben nicht, ihre Meinung zu manifestieren und Gegenmeinungen als völlig unhinnehmbar zu brandmarken. Ihre Aufgabe hat vor allem einen Sinn: die Zuhörer informieren und ihnen mit Hilfe des Interviews verschiedener fachlich spezifizierter Gesprächspartner eine Vielfalt an Meinungen zu präsentieren. Nur so kann Meinungsbildung stattfinden.

Medien sollten Kritik ernst nehmen

Der von mir sehr geschätzte Harald Martenstein hat das zum Jahreswechsel im „Zeit-Magazin“ in einem Retro-Beitrag über seine Hochschulzeit in Freiburg in einem Nebensatz wie folgt formuliert: „In keinem Seminar hatte ich den Eindruck, dass vorsätzlich auf Teufel komm raus und ohne die Möglichkeit des Widersprechens eine bestimmte Weltsicht in die Hirne der Studenten gepflanzt werden soll, ein Eindruck, den ich bei manchen Medien ständig habe.“ Das ist, wie es sich für Kolumnisten gehört, spitz formuliert. Ich würde es aber unterschreiben.

Stutzig macht mich immer wieder, wenn solche Medienkritik von vielen Medienschaffenden nicht ernst genommen, sondern zurückgewiesen wird. Was per se schon mal ein Fehler ist, denn mit Feedback richtig umgehen geht bekanntlich anders.

In einer Zeit, in der manches Lokalblatt ob massiv sinkender Auflagen nur noch durch – mit Blick der Meinungsvielfalt ebenfalls kritisch zu betrachtenden – Verlags- und Redaktionsfusionen überleben kann, sollten diese Lokalredaktionen eine fundierte Kritik ob der Wahrnehmung einer doch recht einseitigen Berichterstattung ernst nehmen. (Puh, was für ein Satz. Aber das musste jetzt einfach mal sein.)

Medien geben radikalen Minderheiten zu viel Raum

Denn wenn sich trotz Kritik nichts ändert und mich eine einseitig-subjektive Berichterstattung zunehmend verärgert, hilft es manchmal nur, mich von Medien zu trennen und das eine oder andere Abonnement zu kündigen. Online sowieso, da ich die Flut von Newslettern und angeblichen Eilmeldungen ohnehin nicht verarbeiten kann – und auch gar nicht will.

Den News den Hahn abzudrehen, ist übrigens auch ein Vorschlag von Dobelli. In seinem Buch „Die Kunst des digitalen Lebens“ schreibt er: „Seit 2010 lebe ich gänzlich ohne News und kann die Auswirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: höhere Lebensqualität, klareres Denken, wertvollere Entscheidungen und viel mehr Zeit.“

Manchmal findet sich dann aber auch online der ein oder andere interessante Beitrag, der erklärt, warum wir so oft Negatives hören und lesen. In einem Gespräch mit Tagesschau.de erläuterte Paula Köhler von der Stiftung Wissenschaft und Politik, dass die Corona-Pandemie ihrer Meinung nach bislang nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt habe. Dass in den Medien aber ständig über Proteste gegen Corona-Maßnahmen berichtet wird, hänge damit zusammen, „dass sich radikale Minderheiten besonders lautstark zu Wort melden“.

Ich meine, Redaktionen sollten auch mal den leisen Menschen zuhören. Recht hat nicht automatisch der, der am lautesten schreit. Auch hierbei darf sich 2022 ruhig die Sprache ändern.