Mit Nachrichten die Agenda bestimmen

dpa

Herr Gösmann, es gibt Kommunikator*innen, die sagen etwas überspitzt: Wenn sie es mit ihrem Thema in eine dpa-Meldung schaffen, können sie sich die restliche Pressearbeit sparen. Für wie groß halten Sie den Einfluss der Agentur auf die öffentliche Meinung?

Gösmann: Es stimmt natürlich, dass die dpa eine sehr große Reichweite hat, weil sie – anders als ihr manchmal unterstellt wird – nicht nur für Printmedien von großer Bedeutung ist, sondern auch für alle elektronischen und digitalen. Dazu kommt dieser Stempel: Das ist glaubwürdig, dem kannst du vertrauen. Das ist immer wichtiger geworden in den letzten Jahren.

Wann hat ein Thema für Sie einen Nachrichtenwert?

Gösmann: Eine Nachricht muss möglichst viele Menschen betreffen und für uns recherchierbar sein. Das heißt, es muss die Möglichkeit geben, sie zu verifizieren. Der alte Agenturgrundsatz “Be first, but first be right” ist unser ehernes Gesetz. Wir definieren Relevanz auch nach dem, was unsere Kunden von uns wollen – darunter die 174 Gesellschafter der Deutschen Presse-Agentur: alle Fernsehanstalten, private wie öffentlich-rechtliche, nahezu alle Rundfunkanstalten und die Zeitungsverlage und Digitalpublisher.

Auf welchen Wegen erreichen Sie Inhalte aus PR und Unternehmenskommunikation?

Gösmann: Auf vielfältigste Art und Weise. Wenn man eine solche Reichweite bieten kann, haben natürlich viele Menschen Interesse daran, dass sie mit ihren Produkten, Leistungen und Versprechungen gehört werden. Aber es ist sicherlich so, dass nahezu alles, was PR ist, bei uns keine Berücksichtigung findet. Das ist nicht der Kern unseres Versprechens für unsere Kunden. Unser Versprechen steckt im Begriff der Gattung ­Nachrichten.

Äußerungen von Politiker*innen sind für Sie aber relevant. Welche Kriterien muss eine Politikeraussage erfüllen, damit sie zu einer dpa-Meldung wird?

Gösmann: Das wichtigste Kriterium ist, dass sie eine gewisse Bedeutung hat aufgrund des Amtes oder der Bekanntheit der Person. Gerhard Schröder hat kein Amt mehr, ist aber eine bekannte Person. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlt und sich dazu bei LinkedIn äußert, hat das einen Aufmerksamkeitswert. Wichtig ist auch hier die Wirkung auf das Leben der Menschen.

Sven Gösmann beim Gespräch mit KOM-Autorin Kathi Preppner in Berlin.

Das heißt, der Rezipient steht im Mittelpunkt.

Gösmann: Unser Hauptprinzip ist Kundennutzen. Das unterscheidet uns von anderen Marken, die stärker aus sich schöpfen. Für uns ist sehr wichtig: Was erwartet der Kunde von uns zu welcher Zeit und in welcher Darreichungsform? Das ist die erste Frage, die wir uns stellen.

Sie beliefern unter der Marke dpa-Governance auch die Politik mit Inhalten. Wie schätzen Sie den Einfluss Ihrer Agentur auf die Politik ein?

Gösmann: Der ist groß, wahrscheinlich größer als in der normalen Bevölkerung bekannt. Das hat damit zu tun, dass Verlässlichkeit eine immer wichtigere Rolle spielt. Es war kein Zufall, dass im SMS-Service des Bundespresseamtes für die Bundeskanzlerin Angela Merkel sehr viele dpa-Meldungen auftauchten. Olaf Scholz ist aus einer ähnlichen Alterskohorte. Diese Politiker, die vielleicht noch nicht so sehr in Twitter leben, setzen stark auf Informationen aus ihren Stäben. Es gibt andere, die vielleicht ein bisschen affektorientierter digital unterwegs sind. Der eine oder andere hat sich aber auch schon wieder davon verabschiedet. Zum Beispiel Robert Habeck.

Inwieweit ist die dpa in der Verantwortung, das Regierungshandeln kritisch zu hinterfragen und zu begleiten?

Gösmann: Wie hoffentlich jeder Journalist und jede Journalistin. Wir haben zwar das “Deutsche” im Namen, aber wir sind unabhängig von jedem staatlichen Einfluss. Darauf legen wir auch sehr großen Wert. Nehmen wir mal eine aktuelle politische Debatte: den Tankrabatt. Funktioniert er, funktioniert er nicht? Was sagen Expertinnen und Experten dazu? Die Gewichtung, die die dpa dem Ganzen gibt, ist natürlich eine Form von Einfluss auf die politische Diskussion. Dessen sind wir uns sehr bewusst.

Nehmen Sie als Chefredakteur diese Gewichtung vor? Sie können vermutlich nicht alle 650 Meldungen überblicken, die im Schnitt am Tag veröffentlicht werden.

Gösmann: Jede gute Redaktion, die ich kenne, ist eine Vertrauenskultur. Wir haben zahlreiche gute Journalistinnen und Journalisten, die sich in vielen Bereichen besser auskennen als ich und die das entscheiden. Ein Beispiel: Ich bin kein großer Freund der Raumfahrt, weil es mich nicht so interessiert. Wenn ich meinen angestaubten Scherz mache, aus der Raumfahrt sei eigentlich nur die Teflonpfanne entstanden, und keiner lacht – dann weiß ich, ich liege falsch. Das muss man akzeptieren. Natürlich liegen wir auch in Einschätzungen mal falsch oder unterlaufen Themen.

Wie ist das Feedback Ihrer Kunden, wenn mal etwas nicht so gut lief?

Gösmann: Es gibt sehr konstruktives Feedback, das wir auf den unterschiedlichsten Wegen empfangen. Einer ist unsere Kunden-Plattform dpa-News, auf der sich Kunden melden und auch bemängeln, wenn Dinge aus ihrer Sicht nicht schnell genug kommen. Dort können wir dann erklären, woran das liegt. Wir haben den dpa-Infokanal bei Slack etabliert, auf dem wir über unsere Arbeitsschritte informieren oder vor Fake News warnen. Es gibt natürlich das Telefon und persönliche Kontakte. Und es gibt eine etwas quengelige Form bei Twitter: “Hey, dpa! Kann das sein?” Manchmal verfolgt so jemand natürlich seine eigene Agenda und versucht, vermeintliche Wahrheiten unterzubringen. Das ist keine Diskussionsform, die ich gut finde. Aber ich nehme jede Kritik an der dpa erst einmal ernst.

Wie sichern Sie darüber hinaus die Qualität Ihrer Meldungen?

Gösmann: Eine der Grundmaßnahmen ist das Vier-Augen-Prinzip. Bei großen Fragen sind es sechs oder acht Augen. Da kommt zu dem bearbeitenden Kollegen der Nachrichtenchef oder die Nachrichtenchefin hinzu, bei großen Fragen auch noch eine Chefredakteurin oder ein Chefredakteur vom Dienst. Es gibt die Möglichkeit, unsere Faktencheck-Einheit hinzuzuziehen. Und trotzdem passieren Fehler.

Auf welchen Wegen korrigieren Sie Fehler?

Gösmann: Sehr transparent. Das Schlimmste, weil es furchtbar heißt und auch weh tut, ist der Kill, also das Zurückziehen einer dpa-Meldung in jeder Form und die Bitte an die Kunden, diese nicht zu verwenden und aus ihren Archiven zu löschen. Wir haben auch sehr transparente Berichtigungen. Da erklären wir, warum wir etwas falsch gemacht haben – von falsch geschriebenen Namen über falsch beschriebene Zusammenhänge oder Sachverhalte. Wir kommunizieren das auch öffentlich in einer breiteren Form, als das viele andere machen, zum Beispiel bei Twitter.

Kriegt das denn jemand mit?

Gösmann: Ja, unsere Kunden sehen das, und es gibt eine interne Kritik, in der wir thematisieren, was wir daraus lernen können. Das ist eigentlich der wichtigste Aspekt, der Fehler ist ja passiert. Schlecht ist es, wenn wir einen Fehler zweimal machen.

Messen Sie generell die Reichweite Ihrer Meldungen?

Gösmann: Soweit das geht, machen wir das. Die einfachste Währung ist die Rohminute im Videobereich, weil da nur bezahlt wird, was gesendet wurde. Alles andere folgt eher dem Abonnementprinzip. Da ist es nicht ganz so einfach. Im Digitalen kommt hinzu, dass wir auch halb- und vollautomatische Ticker bestücken. Das heißt, wir wissen nicht genau, ob die Entscheidung der Kundenseite redaktionell getroffen wurde. Für uns ist es natürlich die interessantere Währung, wenn der Kunde sich selbst dafür entschieden hat.

Welche Bedeutung haben die Ticker?

Gösmann: Für die schnelle Information sind sie nicht zu unterschätzen. Sie sind überall: auf den Anmeldeseiten großer E-Mail-Portale, auf den Out-of-Home-Screens in Bahnhöfen, im Bus-TV, in Push-Nachrichten auf dem Handy. In vielen Dingen steckt dpa drin, wo man das nicht erwartet. Mein Vorgänger Wolfgang Büchner (Anmerkung: heute stellvertretender Regierungssprecher) hat den schönen Satz geprägt: “Die dpa ist das Wasserwerk der deutschen Demokratie.” Daraus könne man sowohl Bier brauen als auch Cola machen oder es pures Wasser sein lassen. Ich finde, das ist genau das, was unseren Charakter ausmacht.

Das heißt, Sie wollen so neutral sein wie möglich.

Gösmann: Natürlich hat jeder Journalist und jede Journalistin Sympathien für eine Partei, eine Marke, einen Fußballverein. Sie werden aber kritische Berichterstattung über Bayern München bei dpa finden, obwohl der Chefredakteur ein irrationaler Aficionado ist. Das zeigt die innere Pluralität in einem vermeintlich unverfänglichen Feld. Das soll aber für alles gelten. Wer haltungsgetriebenen Journalismus machen will, ist bei uns natürlich nicht richtig.

Zum dpa-Infokanal gehört auch die Speedboat-Einheit, die weichere Themen aus dem Netz aufgreift. Ist der Klick auch eine wichtige Währung für Sie?

Gösmann: Erst mal ist für uns wichtig, alles mitzubekommen, was Menschen im Netz reden, um es zu verstehen. Und noch mal: Wir treffen ja nicht aus uns heraus eine Entscheidung, weil wir sagen, etwas passe zu unserer Marke. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es eben Fernsehsendungen gibt, um die sich weite Teile der Bevölkerung versammeln und über die sie diskutieren. Dann braucht die dpa dazu ein Angebot, am besten ein intelligentes – oder den Spielbericht: Wer ist bei Heidi Klum weiter und wer nicht?

Sind diese weichen Themen wichtiger geworden?

Gösmann: Was ist heute noch ein weiches Thema? An vielen Themen entlang verlaufen Kulturdiskussionen, manchmal Kulturkämpfe. Erst mal muss man unterscheiden: Ist das nur eine digitale Blase, die darüber diskutiert, oder ist es eine breitere Bevölkerung? Dann ist die Frage: Wie viele Menschen betrifft es? Ist eine royale Hochzeit heute nur ein weiches Thema? Nein, weil sie Gesellschaftsbilder zur Rolle der Frau verkörpert. Dahinter liegen durchaus ernste Themen.

Gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen auch den Journalismus. Da gibt es die Debatte darüber, dass der Klimawandel nicht ausreichend beachtet wird. MeToo-Themen nehmen immer größeren Raum ein. Wie gehen Sie mit solchen Themen um?

Gösmann: Indem wir sie aufmerksam beobachten und prüfen, was davon für uns passt. Es ist immer die Frage: Wie viel öffentliche Beachtung findet die Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen? Auf einmal ist der Klimawandel aus den Nachrichtensendungen und von den Titelseiten weitgehend verschwunden, weil es eine andere globale Katastrophe gibt. Das heißt dann nicht, dass das Klima sich nicht weiter wandelt. Deshalb ist für uns die Kontinuität des Angebots sehr wichtig. Wir haben ein dpa-Klimateam installiert, das sich um diese Fragen kümmert.

Das heißt, beim Klimawandel gehen Sie nicht nur nach Reichweite, sondern geben dem Thema bewusst mehr Raum?

Gösmann: Ja, wir versuchen, es wissenschaftlich einzuordnen. Phänomene zu erklären, zu sagen, was als Nächstes ansteht. Dazu gehört es, zähe politische Prozesse wie Weltklimakonferenzen mit einem Team zu begleiten. Das ist vielleicht nicht so spannend wie diejenigen, die sich aus Protest gegen den Klimawandel auf einer Berliner Kreuzung festkleben. Aber die Nachricht mit der größeren Bedeutung – das mögen mir die Festkleber nachsehen – ist natürlich: Woran liegt es, dass es politisch nicht schneller geht? Und welche Auswirkungen hat das auf die Gradziele, auf Fauna und Flora? Wir rücken die Basics immer wieder in den Mittelpunkt – und nicht nur die Effekte, die erzielt werden.

Was glauben Sie, welche Themen werden wir in Zukunft häufiger in den Medien finden?

Gösmann: Ich glaube, dass uns drei Themen sehr beschäftigen werden. Das eine wird alles sein, was mit dem Klimawandel zu tun hat: Hungersnöte, Dürren, Wetterveränderungen, Wanderungsbewegungen und der Druck, den das auf die wohlhabenderen Länder haben wird. Das zweite Thema ist der nächste Schub der Digitalisierung, also autonomes Fahren. Und das dritte wird die Überalterung in den Wohlstandsgesellschaften des globalen Nordens sein: Was bedeutet es, wenn Gesellschaften im Durchschnitt 90 Jahre werden? Das sind Themen, die journalistisch eine Riesenrolle spielen werden. Und dann wird leider ein Thema, das wir ja jetzt schon erlebt haben, auch noch eine Rolle spielen: Krieg auf europäischem Boden.

Sven Gösmann ist seit 2014 Chefredakteur der dpa. Nach einem Volontariat bei der „Braunschweiger Zeitung“ und dem Studium der Politikwissenschaft an der FU Berlin arbeitete er unter anderem für „Berliner Morgenpost“ und „Welt“, als Landeskorrespondent für „Braunschweiger Zeitung“ und „Weser-Kurier“ und als Politikchef für die „Welt am Sonntag“. 2001 wurde er stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung mit Zuständigkeit für Politik und Wirtschaft. 2005 ging er als Chefredakteur zur „Rheinischen Post“.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #AgendaSetting. Das Heft können Sie hier bestellen.

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