Den Mutigen gehört die (PR-)Welt

Essay

Den Mutigen gehört die Welt, heißt es. Doch mit dem Mut ist das so eine Sache. Er ist oft schwer zu fassen. Buchstäblich.

Wer wäre nicht gern allzeit furchtlos, entschlossen, unverzagt? Wer wollte nicht stets Schneid bewahren, Courage zeigen, Tapferkeit beweisen? Nicht selten will sich der notwendige Mut partout nicht einstellen. Duckmäuser statt Drachentöter – wir alle kennen das wohl. Zum Glück verkünden Psychologen eine frohe Botschaft: Mut kann man lernen. Er liegt nicht in unserer DNA. Das hat etwas Tröstliches.

Und nicht für jeden bedeutet Mut das Gleiche. Dem Begriff immanent ist gleichwohl, dass er stets mit einem Risiko in Verbindung steht. Robert Biswas-Diener, einer der prominentesten Vertreter aus dem Bereich der sogenannten Positiven Psychologie und Autor des Buchs „The Courage Quotient“, umreißt den Begriff so: „In großen Teilen ist Mut der Wille, trotz Angst zu handeln.“ Übersetzt heißt das: aktiv sein, nicht passiv.

Wegducken hat keinen Zweck

Das zählt in Zeiten des Wandels umso mehr. Wie wenig Gewohnheiten von gestern heute noch taugen und wie rasch vermeintliche Gewissheiten erodieren, bekommen Kommunikatoren in ihrem Alltag mehr denn je zu spüren.

Die Digitalisierung treibt. Disruptionen lassen den vermeintlich sicheren Boden unter den Füßen vibrieren, schneiden ausgetrampelte Pfade ab, über die man früher im Schlaf gewandelt ist. Wer sich wegduckt und die Herausforderungen auszusitzen versucht, wird abgehängt werden. Das Vertraute gilt plötzlich nicht mehr viel. Umso wichtiger ist es, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu schöpfen und Mut zu fassen. (Und wir reden hier nicht vom Mut der Verzweiflung.)

Können Kommunikatoren Kommunikation allzeit kontrollieren? Nein, diese Zeiten sind – wenn es sie denn überhaupt je gegeben hat – passé. Mutig sein bedeutet heute unter anderem: Loslassen zuzulassen. Zwar bleibt der Sprecher, dem klassischen Sinn des Begriffs folgend, Sprachrohr und Stimme seiner Organisation. Doch darüber hinaus wird er zum Enabler. Er befähigt andere, Botschaften gemäß der Organisationsstrategie kommunikativ einzusetzen. Er macht sie zu Corporate Influencern.

Mut beweisen – nach außen und nach innen

Mutig sein, das bedeutet auch: sich nicht kleinmachen und die Stimme erheben, wenn es darauf ankommt. Zum einen nach außen, wenn es darum geht, eine unbequeme Position oder Haltung zu vertreten. Dazu gehört unter anderem, Hate Speech entschlossen entgegenzutreten, selbst wenn es mühsam ist und die Attacken zahlreich und wutgeladen sind.

Zum anderen mutig sein nach innen, wenn es darum geht, die eigene Bedeutung innerhalb einer Organisation klarzumachen gegenüber jenen, die Kommunikationsabteilungen heute fälschlicherweise noch immer als einen nachrangigen Dienstleister empfinden, als Anhängsel gar. Oder dem reizbaren CEO mit möglicherweise klopfendem Herzen, aber in deutlichen Worten klarzumachen, wie sehr er in einer Annahme irrt. Dass der Führungsanspruch von PR und die Realität indes nach wie vor deutlich auseinanderklaffen, illustriert die neue Berufsfeldstudie auf schmerzliche Weise.

Ob es leicht ist? Nein. Ob es sich lohnt? Oh ja!

Dabei ist ein Sprecher heute idealerweise und je nach Befähigung Berater statt Sprachrohr, Themenmanager statt Medienanfragen-Abarbeiter, Sparringspartner auf Augenhöhe für den CEO statt Befehlsempfänger. Mit der zunehmenden Zahl von Kanälen, Zielgruppen und Adressaten verändert sich naturgemäß die Kommunikation. Sie muss sich stetig anpassen. Oder, um ein Buzzword unserer Zeit aufzugreifen: agil sein. Umso wichtiger ist es, den Fortschritt mit voranzutreiben, statt sich von ihm treiben zu lassen. Auch auf die Gefahr hin, hier und da Fehler zu machen oder sogar zu scheitern.

Leicht ist das zugegebenermaßen nicht. Und der Ausgang ist – die Zukunft hat es nun mal so an sich – ungewiss. Aber es lohnt! Wie sagte der Philosoph Ludwig Marcuse einmal so schön? „Wie mutig man ist, weiß man immer erst nachher.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe MUT. Das Heft können Sie hier bestellen.