Traditionskonzerne im CEO-Neuland

CEO-Duell

Fast wäre Martina Merz die erste Frau an der Spitze eines deutschen Dax-Konzerns geworden. Doch dann flog Thyssenkrupp wenige Tage vor ihrem Amtsantritt aus der ersten Börsenliga. Jetzt führt die 58-Jährige einen MDax-Konzern und beschert dem Unternehmen nach langen Krisenjahren erstmals beachtliche Sanierungserfolge.

Wie kaum ein deutsches Unternehmen repräsentiert Thyssenkrupp seit dem 19. Jahrhundert die Macht der Montanindustrie und der deutschen Industrialisierung. Ein in die Jahre gekommener Gigant, der allein rund 2,5 Prozent der CO₂-Emissionen in Deutschland verantwortet. Thyssenkrupp goss Eisenbahnreifen, produzierte Geschütze für die Kriege der deutschen Kaiser. Seit 150 Jahren thront die Villa Hügel, das einstige Stammschloss der Krupp-Familie, mit 169 Zimmern über der Ruhr in Essen. Thyssenkrupp lebt bis heute von dieser Vergangenheit. Obwohl die goldenen Zeiten des Stahls vorbei sind, wurde das Unternehmen lange von quasifeudalen Machtstrukturen beherrscht und schlitterte immer tiefer in die Krise. Bis Merz kam.

Merck wurde 1668 als Apotheke gegründet und ist heute das älteste chemisch-pharmazeutische Unternehmen der Welt. Das Wachstum begann, als Heinrich Emanuel Merck 1816 die Produktion von Medikamenten startete. Bis heute ist das Unternehmen im Mehrheitsbesitz der Familie geblieben. 2011 wechselte die spanische Medizinerin Belén Garijo zu dem Darmstädter Konzern und schaffte es in wenigen Jahren bis in den Vorstand – als erste Frau in der Firmengeschichte. Dort brachte sie den lange glücklosen Pharmabereich wieder auf Vordermann und war so erfolgreich, dass es irgendwann nur logisch war, Garijo zur CEO zu machen, als erste alleinige Vorstandschefin an der Spitze eines Dax-Konzerns.

Wie ist ihr Bild in der Öffentlichkeit?

Merz stammt aus dem kleinen Dorf Durchhausen im schwäbischen Kreis Tuttlingen. Nach dem Maschinenbaustudium an der Berufsakademie Stuttgart folgte die Blitzkarriere bei Bosch, wo sie es mit viel Durchsetzungsvermögen und Fachkenntnis in wenigen Jahren auf mehrere Spitzenpositionen schaffte. 2015 machte sie die Unternehmensaufsicht zu ihrem Hauptberuf und wurde Aufsichtsrätin bei Volvo, der Lufthansa und später auch bei Thyssenkrupp, wo sie im Februar 2019 den Vorsitz des Aufsichtsrats übernahm und – durchaus ungewöhnlich – nur wenige Monate später auf den CEO-Posten wechselte.

Die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt hat ihr ganzes Leben in wechselnden männerdominierten Welten verbracht: im Studium, in der Autobranche und jetzt bei Thyssenkrupp, wo sie in holzgetäfelten Vorstandsbüros oft auf Möbeln sitzt, die so groß sind, dass ihre Füße nicht einmal den Boden berühren, wie sie einmal in einem Interview anmerkte. Auf die Stahlkocher von der Ruhr muss Merz mit ihrer roten Lederjacke wirken, als ob jemand nach langer Zeit endlich einmal das Fenster aufgemacht hat. Und auch in der Öffentlichkeit vermittelt sie erfolgreich den Eindruck, dass ihr Konzern doch mehr sein könnte als nur ein hoch verschuldeter Sanierungsfall.

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Das „Manager Magazin“ machte Martina Merz zur „einflussreichsten Frau der deutschen Wirtschaft“. Ungewöhnlich: Sie wechselte von der Spitze des Aufsichtsrats auf den Posten der Vorstandsvorsitzenden. Hier zu sehen bei einem Besuch eines Stahlwerks. (c) picture alliance/dpa

Garijo wollte Ärztin werden, doch nach dem Studium gab es nicht genug Jobs. Sie wechselte in die Pharmabranche. Acht Jahre verbrachte sie bei Abbott in der Forschung. 1996 wechselte Garijo zu Rhone-Poulenc Rorer als Leiterin des Geschäftsbereichs Onkologie. Vor ihrem Einstand bei Merck war Garijo bei Sanofi-Aventis für das Europageschäft zuständig. Auch sie hat ihre Karriere als Frau in einer Männerwelt erkämpft. Auch sie ist zierlich, liebt farbenfrohe Mode und Schuhe mit hohen Absätzen. Und auch sie muss im biederen Darmstadt anfangs wie ein Paradiesvogel gewirkt haben – und wird inzwischen geachtet für ihre Fachkompetenz und ihre Führungsqualitäten.

Merck war bei Weitem kein Sanierungsfall, als Garijo gerufen wurde, um die Pharmasparte aufzuräumen. Doch der letzte große Kassenschlager war vor über zehn Jahren auf den Markt gekommen. Die Forschung stockte. Und „Belén“, wie sie in Darmstadt jeder nennt, war der frische Wind und das Temperament, die das Unternehmen brauchte, um die leere Pipeline wieder zu füllen. Seitdem ging es im zackigen Tempo bergauf – für den Konzern genauso wie für Garijos Karriere.

Wer hat die bessere ­Medienpräsenz?

Garijo steht schon seit Jahren in der Öffentlichkeit und fühlt sich dort erkennbar wohl. Bereits als 17-jährige Abiturientin schaffte sie es 1977 auf die Titelseite der Wochenzeitung „ABC“. Das Foto von damals zeigt eine kämpferische junge Frau, verstrickt in eine hitzige Diskussion mit dem damaligen Gesundheitsminister. Wochenlang demonstrierte sie damals mit anderen angehenden Medizinstudenten für mehr Studienplätze – und gewann. Garijo schrieb bereits vor ihrer Beförderung zur Konzernchefin Meinungsstücke im amerikanischen „Time Magazine“.

Merz ist stiller. Nach ihrem Amtsantritt hielt sie sich mit Medienauftritten lange zurück. „Das Nicht-Öffentliche ist Teil ihrer Marke“, sagte ein Freund von ihr einmal der Zeitschrift „Capital“. Als „redliche Schwäbin“ wolle sie an den Ergebnissen ihrer CEO-Zeit gemessen werden und verzichte daher auf Interviews zum frühen Zeitpunkt ihres Engagements, ließ sie den Redaktionen über ihre Pressestelle ausrichten.

4.732 Print- und Online-Artikel beschäftigten sich im vergangenen Jahr mit Martina Merz. Sie steht damit auf Platz 19 des „CEO Communication Monitors“ von Keynote. Garijo (Platz 24) verzeichnete im gleichen Zeitraum 3.456 Beiträge. Bei beiden ist die Tonalität fast durchweg positiv. Auf Linkedin liegt Garijo mit über 52.000 Followern deutlich vorn und postet mehrmals pro Woche kurze Beiträge und Geschichten. Zum chinesischen Neujahrsfest Anfang Februar gratulierte sie Kunden und Mitarbeitern in einem Kurzvideo auf Chinesisch. Sie kommuniziert zu sozialen Themen, Diversität und dem Kampf gegen vernachlässigte tropische Krankheiten, die viele Menschen in ärmeren Ländern betreffen.

Merz (2.885 Follower) nutzt Linkedin vor allem, um Mitarbeitern und Weggefährten digitalen Dank und Zuspruch auszudrücken. Eine klare Positionierung ist nicht erkennbar. Auch ihr Twitter-Account (@MMDurchhausen) wirkt mit 86 (!) Followern nicht wie ein Baustein einer ausgefeilten Strategie zur CEO-Kommunikation. Bei den Suchanfragen auf Google liegen beide Frauen etwa gleichauf. Auf Wikipedia ist der Artikel über Martina Merz etwas populärer als der über Belén Garijo.

Wo treten sie auf?

Spätestens seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr ist Garijo auf dem besten Weg, zur Business-Celebrity zu werden. Der Stadtrat ihrer kastilischen Heimatstadt Almansa erklärte sie in einer Plenarsitzung zur Lieblingstochter der Stadt. Kein Wunder, dass Garijo inzwischen zu einer gefragten Rednerin geworden ist, die auf dem studentischen Business-Kongress EBS-Symposium auftritt, in der Konferenz „Zeit für Forschung“ oder im „Stern“-Podcast „Die Boss“.

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Belén Garijo, hier mit Hessens Minister­präsident Volker Bouffier, arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Ärztin in einem Krankenhaus in Madrid. Die 61-Jährige ist die erste Frau, die ein Dax-Unternehmen alleine führt. (c) picture alliance/dpa/dpa/POOL

Martina Merz hat ihre anfängliche Zurückhaltung inzwischen abgelegt. Im November trat sie auf dem BDI-Klimakongress auf. Sie sprach auf dem indischen Karriere-Kongress India Skill Summit, beim Deutschen Diversity-Tag, der Wirtschafts-Uni WHU oder dem Klimakongress der nordrhein-westfälischen Grünen. Überhaupt ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig für Merz, die seit fast 30 Jahren Mitglied bei Greenpeace ist.

Beiden Frauen liegt das Thema Gleichberechtigung am Herzen. Man darf vermuten, dass es beide Frauen nervt, ständig auf ihre Rolle als Frau angesprochen zu werden. Dem „Stern“ sagte Garijo, dass sie gerne weniger über ihr Geschlecht reden würde. Das Thema solle nicht im Vordergrund stehen. Merz war ohnehin nie eine Vorkämpferin der Frauenbewegung und hält sich selbst „nicht für ein Vorbild für weibliche Karrieren“. Beide sind gegen Quotenregelungen.

Wer berät sie?

Seit Merz bei Thyssenkrupp die Fäden in der Hand hält, ist es still geworden um den Konzern – und das ist in diesem Fall als Kompliment gemeint. Früher war die Konzernführung aus dem Ruhrgebiet bekannt dafür, ihre Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit auszutragen. Kandidaten für Führungspositionen in Vorstand und Aufsichtsrat wurden vorab verunglimpft und demontiert. Details aus vertraulichen Verhandlungen sickerten durch. Die Gewerkschaften ließen die Muskeln spielen. Die Zeiten sind vorbei. Allenfalls positive Äußerungen dringen jetzt noch an die Öffentlichkeit, loben die „hohe technische Kompetenz“ der Chefin oder ihre „Fähigkeit zum offenen Wort“.

Und das, obwohl Thyssenkrupp viel sparen musste. Auch in der Kommunikation wurden Ressourcen gestrichen und Stellen reduziert. Im Herbst 2019 verließ Kommunikationschef Alexander Wilke das Unternehmen. Die Inhouse-Digital- und Werbeagentur Bobby & Carl, die 2016 gemeinsam mit den Hamburger Werbern Thjnk gegründet worden war, musste nach vier Jahren schließen. 24 Festangestellte waren dort tätig und sollten unter anderem die gescheiterte Fusion mit Tata kommunikativ begleiten. Der Deal platzte. Und Merz trat auf die Kostenbremse. Seit November 2019 wird Merz vom erfahrenen Kommunikationschef Christoph Zemelka betreut, der vorher 14 Jahre bei Bosch verbracht hatte, wo er die Digitalisierung der Kommunikation vorantrieb und das Unternehmen kommunikativ aus der Dieselkrise führte.

Merck hat die Unternehmensbereiche Corporate Affairs und Group Communications im vergangenen Jahr zusammengelegt. Im Januar hat die ehemalige Allianz-Kommunikatorin Sabia Schwarzer den Bereich übernommen. Ihre Aufgabe liegt laut Pressemitteilung darin, den „Impact von Merck auf globaler Ebene zu schärfen und dabei die Reputation des Unternehmens als der führende Player in Wissenschaft und Technologie des 21. Jahrhunderts aufzubauen“. Schwarzers Vorgänger Thomas Möller wechselte in die Kommunikationsberatung.

Hoch- und Tiefpunkte

Merz’ größter Erfolg war der erfolgreiche Verkauf der Aufzugsparte für 17,2 Milliarden Euro an ein Konsortium aus Finanzinvestoren. Die Finanzspritze war dringend nötig. Konzernbilanz, Schuldenstand und Eigenkapitalquote waren vor dem Verkauf regelrecht desaströs. Hinzu kamen hohe Pensionsverpflichtungen. Mit dem Verkauf des einstigen Tafelsilbers hat Thyssenkrupp wieder Mittel frei für neue Investitionen, beispielsweise in den Bau größerer Wälzlager für Windräder oder in neue Beschichtungen für Autobleche. „Wir haben die Abstiegszone verlassen“, sagte Merz auf der digitalen Hauptversammlung Anfang Februar.

Garijo hat bei Merck bereits eine lange Liste von Erfolgen produziert. Sie etablierte ihr Unternehmen in China und den USA als ernstzunehmenden Pharmahersteller. Sie reanimierte ein längst abgeschriebenes Medikament zur Multiple-Sklerose-Behandlung, auch in der Halbleiterherstellung spielt Merck inzwischen in der Spitzenklasse. Der Aktienkurs stieg rasant.

Die Siegerin im ­CEO-Duell …

… ist Belén Garijo, auch wenn sie erst seit wenigen Monaten im Amt ist. Denn ihre Positionierung ist klarer und ihr Profil schärfer, auch wenn sie im Medienpräsenzranking hinter Martina Merz liegt. Dass beide Frauen bereits jetzt ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben haben, ist ohnehin unumstritten.“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Leadership. Das Heft können Sie hier bestellen.

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