Zwei Punkte für ein Halleluja

Gendergerechte Sprache

Mit dem Gendern von Texten ist das so eine Sache, auch und erst recht für jene, deren Profession es ist zu kommunizieren. Grob eingeteilt gibt es vier Gruppen von Menschen, wenn es um die Frage geht, ob Sprache – vor allem geschriebene – gendergerecht und inkludierend sein sollte oder nicht.

Die erste Gruppe, nennen wir sie die Besorgten, sieht darin einen weiteren Dammbruch gegen die westliche Zivilisation. Sie meint, zögen erst einmal Sterne, -Innen oder Unterstriche in Texte ein, könnten womöglich bald auch andere kulturelle Eckpfeiler des Abendlandes in Frage gestellt werden. Nachher gerät es noch außer Mode, Frauen mit „Fräulein“ oder „Mädel“ anzusprechen – vielleicht gibt es irgendwann sogar schiefe Blicke, sobald man Worte wie „Mongo“, „Neger“ oder „Schwuchtel“ verwendet. Wo soll dieser Genderwahn nur hinführen?

Auf die zweite Gruppe trifft die Bezeichnung „die Nostalgischen“ vielleicht am besten zu. Sie haben nicht das Bedürfnis, sprachlich zu diskriminieren, tun sich aber schwer mit dem Wandel, den das Gendern für Sprache und Schriftbild unweigerlich mit sich bringt. Alles wird umständlicher, hässlicher, technischer. Ist das wirklich nötig? Verliert Sprache, verliert Kommunikation dadurch nicht an Eleganz und Klarheit? Ist es das wert? Auch wir haben diese Diskussion schon dokumentiert.

Gruppe drei: die Unentschlossenen. Im Prinzip sind sie dafür, Texte zu gendern, um sprachlich nicht mehr zu diskriminieren. Doch die zur Verfügung stehenden Varianten reißen sie nicht gerade vom Hocker. „Kommunikatoren und Kommunikatorinnen“ ist eben doch ein bisschen länger als „Kommunikatoren“. „Studierende“ sind eben tatsächlich nicht dasselbe wie „Studenten“ oder auch „Studentinnen und Studenten“.

Das aktuell wohl am häufigsten verwendete Genderzeichen wiederum – der Stern – wirkt auf viele nicht nur besonders wuchtig, er ist zudem im Digitalbereich inkludierend und exkludierend zugleich. Praktisch alle Screenreader-Programme für Menschen mit Sehbehinderungen lesen das *-Zeichen tatsächlich als „Stern“ vor. Nicht barrierefrei, also auch keine ideale Lösung. So können sich die Unentschlossen nicht entscheiden, welchen Genderweg sie gehen wollen – und vertagen das Thema dann doch noch einmal.

In der vierten Gruppe schließlich, den Einfachmalmachenden, finden sich jene, die sich von diesen Problemen nicht aufhalten lassen, sondern – wir schreiben das Jahr 2020 – ihre Texte auf die eine oder andere Art gendern, weil die inkludierenden Vorteile die technischen Nachteile überwiegen, Symbolik wichtig ist, Perfektion durch Übung entsteht und knifflige Detailfragen sich auch dann noch klären lassen, wenn sie auftauchen.

Die Online-Redaktion des pressesprecher gibt hiermit offiziell ihren Wechsel von den Unentschlossenen ins Lager derjenigen bekannt, die Texte gendern. Halleluja – dem Doppelpunkt sei Dank!

Ab sofort verwenden wir Kommunikator:innen, manchmal vielleicht auch Kommunizierende, wenn wir alle meinen, die professionell kommunizieren. Wenn es Sinn ergibt, schreiben wir zukünftig Sprecher:in statt nur Sprecher, Journalist:in statt nur Journalist. Wir berichten über Manager:innen und Politiker:innen, freuen uns über jede:n Gastautor:in statt nur über jeden Gastautor.

Städte wie Hannover und Lübeck dienten uns als Inspiration, ebenso die Online-Redaktion unseres Schwestermagazins HRM Online, die bereits seit einigen Wochen auf diese Weise gendert. Ein unerwarteter Karriereschub für ein Satzzeichen, das laut Universität Bielefeld im Deutschen seit mindestens 1.000 Jahren verwendet wird und dessen Bedeutung sich im Laufe der Zeit immer mal wieder veränderte. Heute ist der Doppelpunkt im Gegensatz zum Genderstern barrierefrei auch für Sehbehinderte und – verglichen mit anderen Möglichkeiten inkludierender Sprache – minimalinvasiv. Deswegen haben wir uns für ihn entschieden.

Ist das gewöhnungsbedürftig? Auf jeden Fall – für Lesende wie Schreibende. Nicht alle werden begeistert sein, hier und da werden gedoppelpunktete Formulierungen auch kurze Irritationen auslösen, mancher Satz wird anfangs sperriger wirken als zuvor – und die Aussicht, den ohnehin äußerst knapp bemessenen Platz für Überschriften manchmal für Gender-Formulierungen verwenden zu müssen, treibt unseren Online-Redakteur:innen schon jetzt ein paar Schweißtropfen auf die Stirn.

Doch wir denken, all das lohnt sich. Wer wenn nicht die Kommunikationsbranche sollte Vorreiter:in sein, wenn es darum geht, niemanden von Kommunikation auszuschließen und Sprache die Chance zu geben, sich der Wirklichkeit anzupassen? Zu dieser Wirklichkeit gehört nämlich auch, dass gerade Kommunikation bunt und divers ist sowie die meisten Kommunikatoren tatsächlich Kommunikatorinnen sind. Wir finden, das sollte sich in unserer Sprache besser widerspiegeln als bisher.

Unsere Gastautor:innen und Interviewpartner:innen müssen auch weiterhin nicht gendern, wenn sie das nicht möchten. Allerdings würden wir uns freuen, wenn wir einen kleinen Beitrag dazu leisten können, dass sich gendergerechte Sprache weiter durchsetzt und sukzessive zur Normalität wird. Vielleicht gibt es irgendwann sogar die perfekte, geniale Lösung ohne jede Schwäche.

Bitte üben Sie Nachsicht mit uns, falls unser Start ins Gendern gelegentlich etwas holprig verlaufen sollte – auch Redakteur:innen müssen das erst verinnerlichen. Und bitte seien Sie als Leser:in geduldig mit sich selbst, wenn es Ihnen schwerfällt, sich an die zusätzlichen Doppelpunkte zu gewöhnen. Es ist fast nie leicht, etwas Neues dazu zu lernen, doch fast immer lohnt es sich.

PS: Unseren Namen können wir nicht so schnell ändern, doch immerhin: Ab sofort führt auch pressesprecherin.com direkt zu pressesprecher.com.