Schumachers Schützerin

Sprecherin Sabine Kehm

Ihr erster Arbeitstag beginnt für Sabine Kehm mit einem Schock. Wie Donnerschläge hämmern Fäuste auf das Dach des Autos, in dem sie und Michael Schumacher sitzen. Nachdem die Wagentür hinter den beiden ins Schloss gefallen ist, sehen sie sich durch die Scheiben von Menschenmassen umzingelt. Es sind Ferrari-Fans, Ferraristi genannt, und sie sind außer Rand und Band.

„Wir sind quasi in diesen Wagen geflüchtet“, erinnert sich die 53-Jährige an jenen Januarnachmittag im Jahr 2000. Wild hupend und im Schneckentempo nähern sich Kehm und ihre Begleiter damals dem wartenden Helikopter, der sie herausfliegen soll aus diesem Tollhaus in den italienischen Alpen. Während Schumachers neue Medienberaterin krampfhaft bemüht ist, sich ihr Unwohlsein nicht anmerken zu lassen, ist ihr Vorgesetzter neben ihr im Fond denkbar entspannt. Michael Schumacher kennt solche Situationen seit Jahren.

Der erfolgreichste Formel-1-Pilot der Geschichte ist es gewohnt, dass um ihn herum Ausnahmezustand herrscht. Erst recht, wenn er im Januar nach Madonna di Campiglio reist. Traditionell stellt Ferrari in dem Bergdorf seine Rennwagen für die anstehende Saison vor. Sponsoren, Medienvertreter und Fans drängeln sich in Scharen um die neuen Flitzer und den weltberühmten Mann am Steuer. Nirgendwo ist die Verehrung für „Grande Michele“ größer als in der Heimat seines Arbeitgebers.

„Ich musste mich erst daran gewöhnen, was für einen Tumult ein Mann wie Michael auslösen kann“, sagt Kehm: „Das war manchmal regelrecht beängstigend und hat mich unglaublich viel Energie gekostet. Das kann man sich als außenstehender Beobachter gar nicht vorstellen. Es bleibt immer ein Ausnahmezustand.“

Ein wohl überlegter Seitenwechsel

Jahrelang hat Sabine Kehm Schumacher als Journalistin an den Rennstrecken der Welt begleitet − von Australien nach Belgien, von Japan nach Brasilien. Als sie 1999 wieder einmal ein Interview mit dem Rekordchampion bei dessen Manager Willi Weber beantragt, bekommt sie statt der Zusage ein Jobangebot als Medienberaterin.

Die studierte Sportlehrerin denkt lange nach. Lohnt sich ein Seitenwechsel? Was für ein Gefühl wird es sein, wenn aus den bisherigen Kollegen plötzlich potenzielle Enthüller unliebsamer Hintergründe werden? „Die Entscheidung ist mir damals sehr schwergefallen“, erinnert sich Kehm, die in ihrer Karriere als Journalistin für die Welt, Sports und die Süddeutsche Zeitung arbeitete: „Aber letztlich hat die Neugierde gesiegt, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können. Ich wollte das sehen, was mir als Journalistin immer verborgen geblieben war.“

Entgegen der anfänglichen Annahme, nach zwei oder drei Jahren wieder in den Journalismus zurückzukehren, bleibt Kehm. Sie erarbeitet sich Renommee. Journalisten weltweit schätzen ihre Fairness und Professionalität. Schnell setzt Kehm auch innerhalb der Branche der Sportkommunikatoren eine Benchmark. Kein Wunder, spricht sie doch für einen der berühmtesten Sportler der Geschichte. Sieben WM-Titel – das hat bis heute kein anderer Formel-1-Pilot geschafft. Es entwickelt sich zwischen Kehm und Schumacher eine Freund- und Geschäftspartnerschaft.

Fast auf den Tag genau 14 Jahre nach ihrem ersten Einsatz als seine Sprecherin wird sie durch einen Schicksalsschlag erschüttert.

Jagdszenen vor dem Krankenhaus

Am 29. Dezember 2013 stürzt Schumacher beim Skifahren in den französischen Alpen. Zunächst weiß niemand genau, wie ernst die Situation ist. Binnen weniger Stunden wird klar: Sie ist sehr ernst, es geht um Leben und Tod.

Schumacher, der ein Jahr zuvor seine Karriere als Formel-1-Rennfahrer beendet hatte, ist mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen und hat sich dabei ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Der Rettungshubschrauber fliegt ihn in die Uniklinik nach Grenoble. Zweimal wird er in den ersten Tagen operiert und danach in ein künstliches Koma versetzt. Parallel dazu entwickelt sich vor dem Krankenhaus der nächste Ausnahmezustand.

Fernsehsender aus aller Welt schicken so viele Ü-Wagen, dass sie die Zufahrt zur Notaufnahme verstopfen. Reporter fahren die Skipiste auf der Suche nach der Unglücksstelle ab und belagern den Skiverleih, in dem sich der Formel-1-Pilot vor der verhängnisvollen Ausfahrt seine Bretter ausgeliehen hat. Über allem schwebt die Frage: Wie geht es Michael Schumacher?

Die Frau, die die Antwort weiß, hat alle Hände voll damit zu tun, Familie und Freunde des Patienten durch das – oder besser noch: vorbei am – Spalier der Kameras in die Klinik zu lotsen. In engen Krankenhauszimmern improvisiert Kehm Pressekonferenzen mit den Professoren, die das prominente Unfallopfer behandeln.

Ärzte und Sanitäter, die mit Schumacher Kontakt haben, werden aufgefordert, ihre Mobiltelefone abzugeben, bevor sie die Krankenstation betreten. Immer wieder muss Kehm vermeintliche Nachrichten dementieren, die unbeteiligtes Krankenhauspersonal an die Medien verkauft hat.

„Die Jagd auf das erste Foto war vom ersten Tag an eröffnet“, wird Kehm später sagen. Mit welchen Mitteln um jeden Informationsschnipsel gekämpft wird, zeigt ein Zwischenfall am Silvestertag: Ein als Priester verkleideter Journalist versucht, sich Zugang zur Krankenstation zu verschaffen, auf der Schumacher behandelt wird. Von diesem Zeitpunkt an bleiben die Jalousien im fünften Stock des Hospitals auch tagsüber geschlossen.

Schutz der Privatsphäre wird zur Herausforderung

Was nach draußen dringt, bestimmt Kehm. Bis heute. Es ist eine radikale Umstellung für sie. Jahrelang hat sie nach einem einfachen Prinzip für und mit Schumacher kommuniziert. Sie ist gedanklich zurückgereist in ihren alten Beruf und hat sich gefragt: Was würde der Journalistin Sabine Kehm, die über den Rennfahrer Schumacher berichtet, weiterhelfen? Welche Aussage nützt dem Rennstall oder dem Sponsor? Daran hat sich die Medienberaterin Sabine Kehm, die ab 2010 auch als Schumachers Managerin fungiert, orientiert. Sie kann sich auch auf ihr Bauchgefühl verlassen. Und klar ist: Ihr Wort hat Gewicht. Doch der Skiunfall verändert alles.

Plötzlich gilt es, keine Partikularinteressen mehr abzuwägen, es geht nicht mehr um Statements zu Überholmanövern oder einem neuen Teamkollegen. Es stellen auch nicht mehr nur Sportjournalisten Fragen. Das Schicksal Schumachers wird für lange Zeit zum bestimmenden Society-Thema. Es geht nun für Kehm einzig und allein um den Schutz der Privatsphäre von Michael Schumacher und seinen Angehörigen. Sabine Kehm, die in all den Jahren zu einer Freundin der Familie geworden ist, wird zur menschlichen Schutzmauer derselben.

„Die Jagd auf das erste Foto war vom ersten Tag an eröffnet“, erinnert sich Sabine Kehm, hier drei Tage nach dem Unfall, an die dramatische Zeit zurück. (c) Charles Platiau/picture alliance/Reuters

„Die Jagd auf das erste Foto war vom ersten Tag an eröffnet“, erinnert sich Sabine Kehm, hier drei Tage nach dem Unfall,
an die dramatische Zeit zurück. (c) Charles Platiau/picture alliance/Reuters

„Anfangs habe ich nur funktioniert“, erinnert sich die gebürtige Unterfränkin an die Tage nach dem Unfall. Doch bald schon ist strategisches Handeln gefragt. „Irgendwann gab es die Überlegung, wie man mit der Situation umgeht. Die Entscheidung wurde nach der Maxime getroffen, im Sinne von Michael zu handeln.“

Damit meint Kehm eine restriktive Kommunikationspolitik. Werden in der ersten Woche nach dem Skiunfall noch beinahe täglich Mitteilungen zum Gesundheitszustand des Ex-Rennfahrers herausgegeben, wird die Öffentlichkeit in der Folge immer seltener informiert. Zumal Kehm im April, mehr als vier Monate nach dem Unfall, noch einmal in die Offensive geht.

In der ARD-Talkshow von Günther Jauch erklärt sie einem Millionenpublikum, warum die Familie keine Details zum Genesungsfortschritt mehr bekanntgeben wird: Jede Aussage würde weitere Nachfragen nach sich ziehen, da ist sich Kehm sicher. „Es wäre nie Ruhe.“ Einzig über die Verlegung des Patienten Schumacher zunächst in die Uniklinik von Lausanne und später in seine Schweizer Wahlheimat Gland informiert Kehm in offiziellen Kommuniqués.

Diagnose? Fotos? Fehlanzeige

Einige ehemalige Weggefährten wie Ex-Manager Weber stören sich daran. Sie finden, die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, wie es dem 49-Jährigen geht. Kehm nimmt das zur Kenntnis. Mehr nicht. Mit der Entschlossenheit, mit der sie zeit seiner Karriere für Schumacher gesprochen hat, verteidigt sie den Weg, den sie gemeinsam mit seiner Familie eingeschlagen hat: „Die Entscheidung wurde nach der Maxime getroffen, im Sinne von Michael zu handeln.“

Schon als aktiver Rennfahrer sei Schumacher sein Privatleben heilig gewesen, betont Kehm. Damals wie heute beschützt sie dieses Heiligtum. Bis jetzt gibt es in der Öffentlichkeit kein Foto, das Schumacher nach seinem Unfall zeigt, ebenso keine genaue Diagnose. Außerhalb des „Inner Circle“, zu dem neben Ehefrau Corinna und den beiden Kindern Gina und Mick nur wenige enge Freunde Michael Schumachers zählen, weiß niemand, wie es ihm heute geht. In der Öffentlichkeit werden die Fragen nach dem Gesundheitszustand des weltberühmten Sportlers immer seltener. Der Schutzwall hält.

Kehms Job hat sich an jenem schicksalhaften Dezember-Tag vor fünf Jahren für immer verändert. Trotzdem ist sie inzwischen an die Rennstrecke zurückgekehrt. Sie begleitet Mick Schumacher, den 19 Jahre alten Sohn der Rennsportlegende, auf dessen Weg in die Formel 1 – als Managerin, aber ein Stück weit auch als Beschützerin.

Seine ersten Interviews hat Mick Schumacher bravourös gemeistert. Auf das Schicksal seines Vaters wurde er gar nicht mehr angesprochen. Es ging stattdessen vor allem um seine Zukunft als junger Rennfahrer.

Sabine Kehms Kommunikationsstrategie zeigt Wirkung.

Lesen Sie auf Seite 3 eine Chronologie der Ereignisse.

Chronologie

 

29/12/2013
Der siebenmalige Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher, auch gut ein Jahr nach seinem Rücktritt ein Weltstar des Sports, stürzt auf einer Skipiste in Méribel in den französischen Alpen. Er erleidet trotz Helm ein Schädel-Hirn-Trauma, als sein Kopf auf einen Fels prallt. Per Rettungshelikopter wird der Deutsche zunächst ins Krankenhaus nach Moûtiers geflogen, kurz darauf dann in die Universitätsklinik nach Grenoble verlegt. Dort wird er noch am selben Tag operiert und in ein künstliches Koma versetzt. Vor der Klinik scharen sich Fans und Medienvertreter.

30/12/2013
Erste Pressekonferenz im Krankenhaus. Schumachers Ärzte berichten, der Ex-Rennfahrer schwebe weiter in Lebensgefahr. Menschen auf der ganzen Welt äußern ihre Anteilnahme, zeitweise bricht Schumachers Homepage ob des Traffics zusammen. Am Abend zweite OP.

31/12/2013
Zweite Pressekonferenz. Die Ärzte zeigen sich „ein wenig optimistischer“ als am Vortag. Sabine Kehm spricht von einer „Verkettung von unglücklichen Umständen“, die zu Schumachers Sturz und Verletzung geführt haben. Er liegt im Koma.

1/01/2014
Fragerunde mit Journalisten aus aller Welt vor dem Krankenhaus in Grenoble. Chaotische Zustände. Mittendrin: Sabine Kehm. Ihre Kernbotschaft: „Michael wird weiter überwacht und ist stabil.“ Später wird sie sich im Rückblick auf diesen Tag an „eine große Aufgeregtheit, ein regelrechtes Jagdfieber“ erinnern.

4/01/2014
Kehm stellt klar: Schumachers Zustand ist stabil, aber kritisch. Die Helmkamera wurde den Untersuchungsbehörden übergeben.

7/01/2014
Ehefrau Corinna Schumacher appelliert in einer Mitteilung an Medien und Fans, den Statements der Ärzte zu vertrauen und die Klinik zu verlassen: „Bitte lassen Sie auch unsere Familie in Ruhe.“

29/01/2014
Sabine Kehm betont zum wiederholten Male, „dass jegliche Aussagen über Michaels Gesundheitszustand, die nicht vom behandelnden Ärzteteam oder seinem Management stammen, als Spekulation zu werten sind“. Spekulationen würden nicht kommentiert.

30/01/2014
Kehm erklärt, Schumacher befinde sich weiterhin in der Aufwachphase. Die Anteilnahme weltweit hält an.

17/02/2014
Die Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen ein.

16/06/2014
Kehm teilt mit, dass Schumacher nicht mehr im Koma sei und dass er das Krankenhaus in Grenoble verlassen habe, „um seine lange Phase der Rehabilitation fortzusetzen“.

Sommer 2014
Ein Unbekannter stiehlt Ende Juni Teile von Schumachers Patientenakte und bietet sie später Medien für umgerechnet knapp 50.000 Euro zum Kauf an. Nach der Festnahme eines Verdächtigen im August wird dieser tags darauf erhängt in seiner Zelle gefunden.

9/09/2014
Schumachers Reha wird nach Angaben von Kehm „von nun an von zu Hause aus fortgeführt werden“.

Ende 12/2015
Kehm dementiert einen Bericht der Zeitschrift Bunte. Darin hieß es, Schumacher könne wieder gehen. Seitdem gab es kein offizielles Kommuniqué mehr zu Michael Schumachers Gesundheitszustand.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe SPASS. Das Heft können Sie hier bestellen.