Sichtbare Polizeipräsidentin

Öffentlichkeitsarbeit

Britta Zur ist seit Anfang 2020 Polizeipräsidentin in Gelsenkirchen. Mit ihren damals 39 Jahren war die Juristin die jüngste Polizeichefin Deutschlands. Vorher arbeitete die gebürtige Kölnerin von 2008 bis 2019 als Staatsanwältin mit den Deliktschwerpunkten Mord und Totschlag und war Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf.

Frau Zur, die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnete Sie einmal als „Figur mit Strahlkraft“. Tatsächlich verschaffen Sie sich über die Medien mehr Gehör als andere Polizeipräsident*innen in Deutschland. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Zur: Über die Polizei wird immer dann berichtet, wenn etwas schiefläuft oder vermeintlich etwas schiefgelaufen ist. Wenn zum Beispiel Polizisten „zu hart durchgreifen“ oder sich Kollegen fremdenfeindlich äußern. Darüber steht aber immer der tägliche Einsatz all unserer engagierten Polizisten und Polizistinnen, die jeden Tag für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft arbeiten. Deswegen ist es uns sehr wichtig, der Öffentlichkeit zu zeigen, wer wir sind und was wir tun.

Sie kommunizieren also über Themen der Polizei, bevor es andere tun?

Zur: Genau. Wir müssen uns als Polizei greifbarer, konkreter und nahbarer machen. In jeder Uniform steckt ein Mensch – ein Vater, eine Mutter, eine Tochter, ein Bruder. Wenn ich als Polizeipräsidentin das Vehikel dafür bin, dass die Öffentlichkeit den Einsatz der Polizei stärker wahrnimmt und damit Respekt entsteht, dann mache ich das sehr gerne.

Als Polizeipräsidentin sind Sie in Gelsenkirchen für insgesamt 1.700 Mitarbeiter*innen verantwortlich. Was bedeutet es, so viele Polizeibeamte mit all ihren charakterlichen Unterschieden zu führen?

Zur: Das ist nicht nur eine Verantwortung auf dem Papier, sondern eine im alltäglichen Umgang. Ich tausche mich mit vielen Kollegen und Kolleginnen aus und habe den Anspruch, immer ansprechbar zu sein. Neben Fragen, wer befördert wird oder wer nicht, will ich Kontakt zur Basis haben. Ich führe viele Gespräche, indem ich Kollegen im Einsatzwagen oder auf der Straße begleite, schließe mich Hundertschaften bei Demonstrationen an und gehe zu Fußballspielen von Schalke 04.

Was erzählen Ihnen Polizist*innen während der Einsätze?

Zur: Neulich war ich mit einer Kollegin der Kriminalwache unterwegs. Zur Einordnung: Die Mitarbeiter der Kriminalwache führen für die Kriminalpolizei außerhalb der Geschäftszeiten erste Ermittlungen durch. Sie arbeiten meist abends, nachts oder am Wochenende. Diese Kollegin erzählte mir von Plastiknasenklammern, die sie sich immer in die Nase steckte, wenn sie eine Leiche untersuchen muss. Nur mit der Klammer ertrage sie den Leichengeruch. Die Klammern bezahle sie aus ihrer Privatkasse. Am nächsten Tag beauftragte ich direkt unsere Verwaltung für alle Kripo-Mitarbeiter 1.000 Stück von den Klammern zu bestellen. Das erleichtert den Arbeitsalltag ungemein.

Sie kommunizieren auf Augenhöhe. Ist das bezeichnend für Ihren Führungsstil?

Zur: Ich bin ein totaler Teamplayer. Mir ist es wichtig zu kommunizieren. Ich versuche immer, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen oder im Gespräch zu bleiben. Und lasse mich bei Entscheidungen auch gerne beraten. Ich möchte nicht mit Angst regieren, sondern eine offene Tür bieten. Mir ist wichtig, dass wir uns mit Respekt begegnen. Ich behandle jede Kollegin und jeden Kollegen gleich und das erwarte ich auch von ihnen. Letztlich muss ich Entscheidungen aber alleine treffen und artikuliere diese am Ende sehr klar und deutlich.

Gemeinsam mit Polizist*innen trainieren Sie auch einmal die Woche beim Dienstsport.

Zur: Ich trainiere jeden Mittwoch. Da steht richtig hartes Zirkeltraining auf dem Programm: Liegestütze, Kniebeugen, Gewichte stemmen. Damit integriere ich einerseits mein Sportprogramm in den beruflichen Alltag. Andererseits pflege ich hier Kontakte. Ich komme ungezwungen mit Kollegen und Kolleginnen ins Gespräch, die ich sonst nicht sehe. Wir duzen uns auch. Das ist sonst in so einer Behörde eher unüblich.

Das klingt nach strengen Dienstvorschriften für alle Präsidiumsmitglieder. Gilt das auch für Sie?

Zur: Wir haben hier ganz strenge Dienstwege. Auch ich muss mich zunächst an meine direkten Vorgesetzten wenden, wenn ich Gesprächstermine mit Mitarbeitern vergebe. Aber: Ich bin grundsätzlich eine Freundin flacher Hierarchiestrukturen. Und überspringe auch mal Dienstwege, wenn ich einen bestimmten Kollegen sprechen möchte.

Welche Kanäle nutzen Sie sonst noch zur internen Kommunikation?

Zur: Es gibt für die ganze Polizei NRW ein Intranet. Darunter hat jede Behörde ihren jeweils eigenen Kanal. Hierüber kommuniziere ich viel, nutze aber auch soziale Medien wie Facebook und Instagram. Ich schreibe viele Mitarbeiterbriefe und mache eine sehr offensive Öffentlichkeitsarbeit nach außen und innen. Ich habe den Anspruch, eine moderne Behördenleiterin in einer nicht ganz so modernen öffentlichen Verwaltung zu sein.

Im Dezember 2019 wurden Sie mit 39 Jahren Polizeipräsidentin – NRW-Innenminister Herbert Reul hatte Sie zuvor auf dem Weihnachtsmarkt angerufen. Wie kam er auf Sie?

Zur: Ich arbeitete zuvor insgesamt elf Jahre als Staatsanwältin in Düsseldorf und war für „Mord und Totschlag“ zuständig. Da machte ich zuletzt als Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft mit dem Thema „Gewalt gegen Einsatzkräfte“ sehr viel Öffentlichkeitsarbeit. Ich gab Interviews im Fernsehen und Radio, in Zeitungen und setzte mich auf Podiumsdiskussionen. So lernte ich im Herbst 2019 Herbert Reul kennen. Der saß neben mir. Als er mich im Dezember wegen des Amtes der Polizeipräsidentin anrief, stand ich gerade auf dem Düsseldorfer Weihnachtsmarkt. Ich hatte schon ein paar Glühwein getrunken. Zum Glück habe ich seine Stimme erkannt und nahm ihn ernst. Noch vor Weihnachten bekam ich meine Urkunde zur Berufung ins Beamtenverhältnis.

Und welche Aufgaben haben Sie?

Zur: Neben Personal- und Verwaltungsfragen besteht ein wesentlicher Teil meines Jobs aus Reisen, Konferenzen, Vortragsreihen, Seminaren und Fortbildungen. Ich repräsentiere viel und bin dafür unterwegs. Wegen Corona war das allerdings weniger möglich.

Ist Ihre Erfahrung als Pressesprecherin der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ein Vorteil für Ihre jetzige Funktion als Polizeichefin?

Zur: Definitiv. Ich muss sehr viel reden, teils vor Hunderten von Leuten und muss bei Podiumsdiskussionen Fragen beantworten. Da hilft meine Erfahrung als Pressesprecherin mit Kameraerfahrung immens. Ich habe keine Angst vor Live-Terminen in Fernsehen und Radio. Das liegt mir und macht total Spaß.

Foto: Polizei Gelsenkirchen, Thomas Nowaczyk
Teil des Jobs: neue Polizeibeamtinnen und -beamte begrüßen. (c) Polizei Gelsenkirchen, Thomas Nowaczyk

Sie sind eine junge und erfolgreiche Frau. Mit welchen Stereotypen mussten und müssen Sie umgehen?

Zur: Ich gehe einen Weg, den vor mir noch keine Polizeipräsidentin gegangen ist. Ich trage roten Lippenstift und hohe Schuhe und stehe damit für etwas, was es so vorher noch nicht gab. Der gesamte Polizeiapparat ist ja nach wie vor sehr männerdominiert. Aktuell sind von den landesweit 18 Polizeipräsidenten gerade einmal vier Frauen. Eine davon geht demnächst in den Ruhestand. Ich musste mir anfangs anhören: „Sie wollen Polizeipräsidentin sein? Na, so sehen Sie aber nicht aus.“

Wie sind Sie mit den Vorbehalten umgegangen?

Zur: Ich habe von Anfang an klar gemacht, dass es völlig egal ist, welches Geschlecht ich habe, welche Länge meine Röcke haben, wie rot mein Lippenstift ist und wie laut ich meine Musik höre. Das hat nichts mit der Frage zu tun, wie würdevoll und engagiert ich so ein Amt ausfüllen kann. Ich habe mich entschieden, mich wegen des Amtes als Polizeipräsidentin nicht zu ändern. Und habe mir relativ schnell durch die ein oder andere Entscheidung den nötigen Respekt verschafft.

Im März 2020 suspendierten Sie einen Kollegen, der sich im Netz fremdenfeindlich geäußert hatte. Auf Twitter zeigten Sie Haltung gegen rassistische Äußerungen von Beamten. Legten Sie damit den Grundstein für den nötigen Respekt vor Ihrer Arbeit?

Zur: Ich denke, dass mein Social-Media-Verhalten in der Behörde kontrovers gesehen wird. Manche sehen hier den Zugang zur Öffentlichkeitsarbeit nicht. Es ist aber wichtig, Botschaften zu platzieren. Deswegen poste ich viel, auch auf meinen privaten Accounts. Mittlerweile weiß jede Maus in Gelsenkirchen, wie wir uns als Behörde aufstellen. Wir haben keinerlei Verständnis für extremistische Tendenzen. Gerade wenn die Polizei immer wieder mit einem „braunen Sumpf“ in Verbindung gebracht wird, müssen wir ein Zeichen setzen: „Wir sind die Polizei und wir sind die Guten.“ Das erwarte ich auch von den Polizisten: Sie müssen besser sein als andere Bürger. Schließlich haben Sie einen Eid auf das Grundgesetz geschworen.

Wie gehen Sie in den eigenen Reihen mit dem Thema „Rassismus“ um?

Zur: Wenn es einen akuten Fall gibt, kommunizieren wir mit der Belegschaft ganz offen, damit die Kollegen sofort Antworten auf ihre Fragen bekommen. Es ist wichtig, Gesprächsangebote zu schaffen. Wir haben Extremismus-Prävention und einen Rassismus-Beauftragten.

Sie setzen sich sehr für den Schutz von Polizisten ein. Wie sind Sie im Kollegium damit umgegangen, als in Rheinland-Pfalz eine junge Polizistin und ein junger Polizist bei einer Streife getötet wurden?

Zur: Alle Polizisten wissen, dass so etwas passieren kann. Jeden Tag. Zum Glück geschehen solche tödlichen Übergriffe selten. Als wir von dem Unglück erfuhren, waren alle Kollegen betroffen. Der Schock sitzt tief und ist noch immer in den Gängen und den Büros zu spüren. Da fehlen einem die Worte.

Welche Worte fanden Sie?

Zur: Ich habe einen Mitarbeiterbrief geschrieben, in dem ich meiner Bestürzung Ausdruck verliehen habe und an die Kollegen und Kolleginnen appellierte, dass sie gut auf sich aufpassen und nach Dienstschluss gut nach Hause kommen sollen. Ich dankte ihnen für ihren täglichen, unermüdlichen Einsatz.

Inwiefern können Sie vermehrte Übergriffe auf Polizisten bestätigen?

Zur: Generell ist das Risiko, Opfer eines körperlichen oder verbalen Angriffs zu werden, gestiegen. Das Bundeskriminalamt meldet gerade Zahlen von 200 Übergriffen am Tag. Das ist eine sehr hohe Zahl. Leider muss dann so etwas wie in Rheinland-Pfalz passieren, dass dieses gesellschaftliche Problem in den Fokus gerückt wird.

Wie schützen Sie als Polizeichefin konkret Ihre Beamten vor Übergriffen?

Zur: Die Polizei war noch nie so gut ausgerüstet und ausgebildet wie heute. Wir haben sehr gute Schutzwesten und die Polizisten sind mittlerweile mit sogenannten Tasern ausgestattet. Mit den Elektroschockpistolen können sich Polizisten bei Angriffen wehren. Das gibt zwar ein sehr sicheres Gefühl, letztlich schützt es aber nicht vor allem.

Ich als Person kann nichts dagegen tun, dass Polizisten angegriffen werden. Aber: Ich kann mich vor meine Leute stellen und als Behördenleitung sagen: „Leute, wehrt euch! Meldet euch! Steht auf!“ Und ich kann etwas dafür tun, dass derjenige, der Polizisten angreift, auch bestraft wird. Es ist wichtig, dass die Justiz aktiv ist und die Fälle aufarbeitet. Das darf nicht untergehen. Dann sehen die Polizisten, dass alle gemeinsam hinter ihnen stehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Leadership. Das Heft können Sie hier bestellen.

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