Die Rolle der sozialen Herkunft in der akademischen Arbeitswelt

Diversity Insights

Im Rahmen unser Kolumnenserie „Diversity Insights“ beleuchten unsere Autor*innen die unterschiedlichen Dimensionen der Diversität und stellen die sich daraus ableitenden kommunikativen Herausforderungen und Lösungen vor.

Ich bin die Erste in meiner Familie mit einem Hochschulabschluss, eine Errungenschaft, die in Deutschland nicht selbstverständlich ist, da Bildungschancen noch immer von der sozialen Herkunft abhängen. Für meinen Mann aus einer Akademikerfamilie war das Studium selbstverständlich, für mich ein Traum mit zahlreichen Herausforderungen. Nach Überwindung vieler Hürden und einer aufregenden ersten Woche an der Universität erlebte ich einen Kulturschock. Praktika stellten eine Zugangsbarriere dar, aber ich war stolz auf meine Arbeitserfahrungen bei der Lokalredaktion „Die Glocke“ und dem Radiosender Radio Gütersloh. Meine Kommilitonen waren hingegen beim „Tagesspiegel“, RBB, N-TV oder dem Bundestag.

Unterschiede wirken sich langfristig aus
Die Unterschiede zwischen akademischen und nichtakademischen Familien offenbarten sich weiter während meines Studiums. Referate und Hausarbeiten wurden von meinen Kommiliton:innen mit ihren Eltern diskutiert und korrigiert. Einige bewarben sich um Stipendien, von denen ich nichts wusste. Nach meinem Studienabschluss dachte ich, nun in der akademischen Welt angekommen zu sein, bis ich feststellte, dass der Berufseinstieg eine neue Herausforderung darstellte.

Denn beim Berufseinstieg und der beruflichen Karriere setzen sich diese Unterschiede fort. Die Kriterien für die Bewerbung um die erste Stelle bergen besondere Herausforderungen für Studierende der ersten Generation. Arbeitgeber bevorzugen oft ein schnelles Studium, was für diese Studierenden schwierig ist, wenn sie nebenbei viel arbeiten müssen. Ein oder mehrere Auslandsaufenthalte sowie Praktika gelten beinahe als Voraussetzung, wobei finanzielle Herausforderungen und die Sorge, länger studieren zu müssen, Studierende aus nichtakademischen Familien davon abhalten. Das Erlangen beeindruckender Praktika gestaltet sich ohne elterliches Netzwerk als anfänglich schwierig und ist nur realisierbar, wenn sie angemessen vergütet werden.

„Stallgeruch” spielt entscheidende Rolle
In der akademischen Berufswelt galt es ebenso wie an der Hochschule, zunächst anzukommen und die Spielregeln zu erkennen. Zahlreiche Studien sowie meine persönlichen Erfahrungen belegen, dass der sogenannte „Stallgeruch” nach wie vor eine entscheidende Rolle spielt. Menschen, die selbstbewusst auftreten, gut gekleidet sind und sich rhetorisch geschickt ausdrücken können, erfahren häufiger Beförderungen und Anerkennung – Eigenschaften, die tendenziell eher bei Personen aus akademischen als aus nichtakademischen Familien anzutreffen sind.

Maßnahmen für mehr soziale Diversität

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich für Arbeitgeber und ihre Kommunikation zum Thema soziale Herkunft sich aus diesen Erfahrungen? Die Stärkung von Diversität und Inklusion sollte bereits bei der Einstellungspolitik beginnen und sich in der Unternehmenskultur fortsetzen. In der öffentlichen Kommunikation sollten wir die Geschichten von Menschen aus verschiedenen sozialen Hintergründen hervorheben. Es ist wichtig, Stereotypen zu durchbrechen und zu zeigen, dass Potenzial und Talent in allen gesellschaftlichen Schichten vorhanden sind. Unternehmen, die aktiv daran arbeiten, eine diversere Belegschaft aufzubauen, sollten dies stolz kommunizieren und als Vorbild für andere dienen. Intern sollten Unternehmen eine offene Diskussionskultur fördern und Raum für den Austausch über diverse Hintergründe schaffen. Schulungen zur Sensibilisierung für soziale Diversität können dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und ein inklusives Arbeitsumfeld zu schaffen.

Als Vorbild wirken

Aus meinen Erfahrungen heraus habe ich vor fünfzehn Jahren die gemeinnützige Organisation Arbeiterkind.de gegründet – für alle die als Erste aus ihrer Familie studieren. Gemeinsam mit Ehrenamtlichen in bundesweit 80 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen ermutigen und informieren wir Schüler:innen aus nichtakademischen Familien im Rahmen von Informationsveranstaltungen zum Studium und unterstützen sie vom Studienstart bis zum erfolgreichen Studienabschluss. Unsere Ehrenamtlichen sind größtenteils selbst Studierende oder Akademiker:innen der ersten Generation, teilen ihre eigenen Erfahrungen und wirken als inspirierende Vorbilder. Da wir schnell realisiert haben, dass auch der Berufseinstieg eine große Hürde darstellt, bieten wir inzwischen auch ein eigenes Programm mit kostenlosen Workshops und Mentoring an.

Soziale Diversität stärkt Innovationskraft
Im Rahmen meines Engagements mit meiner gemeinnützigen Organisation ArbeiterKind.de habe ich erfahren, wie bedeutend es ist, Menschen aus nichtakademischen Familien zu unterstützen, ihre Potenziale zu entfalten. Der Blick über den Tellerrand und die Anerkennung verschiedener Lebenswege bereichern nicht nur das individuelle Arbeitsumfeld, sondern stärken auch die Innovationskraft eines Unternehmens. Es liegt an uns allen, die Barrieren aufgrund sozialer Herkunft in der Arbeitswelt abzubauen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder unabhängig von seiner Ursprungsfamilie gleiche Chancen hat. Die soziale Herkunft sollte nicht länger als Hindernis betrachtet werden, sondern als Bereicherung.