Überzeugen statt diktieren

Kommentar

Unternehmen, Behörden und sonstige Organisationen, die sich dafür entscheiden, eine gendersensible Sprache einzuführen, müssen damit rechnen, dass sie nicht nur auf Begeisterung stoßen. Dafür ist das Thema zu politisch. Friedrich Merz, Bundestags-Direktkandidat der CDU für den Hochsauerlandkreis, hat den Kampf gegen das Gendern zu einem zentralen Thema seines Wahlkampfes gemacht. Eine Umfrage von Infratest dimap für die „Welt am Sonntag“ ergab kürzlich, dass 65 Prozent der Menschen in Deutschland eine stärkere Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Sprache ablehnen. Ein Trendbarometer von RTL und ntv kam zu dem Ergebnis, dass 82 Prozent der Befragten gendergerechte Sprache in ihrem Alltag für unwichtig halten.

Die Ergebnisse sind nicht überraschend. Deutschland ist eine alternde Gesellschaft. Abhängig von der Unternehmenskultur und der Zusammensetzung der Belegschaft dürfte es in Firmen und Behörden ein ähnliches Stimmungsbild geben. Tendenziell ist es jüngeren und weiblichen Angestellten am wichtigsten, eine gendersensible Sprache zu verwenden. Viele scheinen es pragmatisch zu sehen. Sie passen ihre Sprache einfach der Zielgruppe an.

Die Einführung einer gendergerechten Sprache ist ein Prozess. Es ist irrational zu glauben, alle Angestellten könnten oder wollten auf Knopfdruck ihre Sprache anpassen. Das Herstellen von Akzeptanz dauert. Wichtig ist es deshalb, dass die Unternehmensführung die Belegschaft von der ersten Sekunde an aktiv einbezieht, ihre Haltung erfragt und Vorbehalte ernst nimmt. Wenn beispielsweise 80 Prozent der Mitarbeitenden das Gendern ablehnen, bringt es nichts, es ihnen von oben zu diktieren. Überzeugungsarbeit muss vor Schnelligkeit gehen.

Audi hat im März bekannt gegeben, gendern zu wollen. Es gibt eine Unternehmensrichtlinie für die interne und externe schriftliche Kommunikation. Der Leitfaden definiert „Leitplanken zu einer Sprache, die allen Geschlechtsidentitäten gerecht wird“. Die Volkswagen-Tochter informiert über Möglichkeiten, neutral zu formulieren – „Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiter“ – oder mit Gender-Gap wie in „Mitarbeiter_innen“. Verpflichtend ist weder das eine noch das andere. Es gibt auch keine Sanktionen, wenn jemand von der Richtlinie abweicht. Ein Helpdesk soll in der Einführungsphase bei Formulierungen helfen. So steht es in der Pressemitteilung.

Haltung auf dem Prüfstand

Kürzlich hat ein Volkswagen-Mitarbeiter Klage gegen den Gender-Leitfaden eingereicht. Der Mitarbeiter ist nicht bei Audi beschäftigt, sei aber in verschiedenen Gremien tätig, in denen er auf Audi-Angestellte treffe, heißt es bei „tagesschau.de“. Der Mitarbeiter fühlt sich diskriminiert, weil er keine Wahl mehr habe, wie er angesprochen werde. Unterstützt wird er bei seiner Klage von zwei Anwälten und dem Verein Deutsche Sprache. Die Anwälte erhoffen sich ein Grundsatzurteil zu der Frage, ob ein Konzern seinen Angestellten die Verwendung einer bestimmten Sprache vorgeben dürfe.

Man muss diese Klage als eine Warnung vor allem an bekannte Unternehmen und Behörden sehen, die gendern wollen. Es ist eine Einschüchterungstaktik. Die Botschaft: Wir ziehen euch mit Klagen in die Öffentlichkeit und hetzen euch einen Shitstorm auf den Hals! Die öffentliche Meinung soll beeinflusst werden. Wie die Klagen ausgehen, ist zweitrangig. Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie mit derartigen Klagen umgehen und ob sie bereit sind, an Werten und Überzeugungen trotz öffentlichen Drucks festzuhalten. Das ist einfacher, wenn man eine gendersensible Sprache in einem transparenten Prozess eingeführt hat und die Mehrheit der Belegschaft und am besten noch der Kund*innen hinter sich weiß. Dann lässt sich auch mit einem Shitstorm souverän umgehen.

Angeheizte Empörungswellen haben selten eine lange Halbwertszeit. Machen Kund*innen wirklich den Autokauf davon abhängig, ob ein Unternehmen gendert? Die Größe des Kofferraums und die Farbe des Autos sind den meisten wohl deutlich wichtiger.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Berufsbild. Das Heft können Sie hier bestellen.