Geld sucht grüne Wege

Deutsche Bank-Kommunikationschef Jörg Eigendorf

Die Deutsche Bank ist ein Dienstleistungsunternehmen. Sie produziert nichts. Ihre eigenen CO₂-Emissionen sind also begrenzt. Warum ist Nachhaltigkeit für die Deutsche Bank so wichtig?

Jörg Eigendorf: Für eine Bank geht es nicht so sehr darum, was sie selbst an CO₂ emittiert. Wir sind mit unserem Bankbetrieb seit 2012 kohlendioxidneutral und reduzieren unsere Emissionen seither ständig weiter, sodass wir weniger kompensieren müssen. Viel wichtiger ist die Rolle, die eine Bank als Bindeglied zwischen Staaten und Unternehmen sowie privaten und institutionellen Investoren spielt. Wir haben ein Kreditportfolio von etwa 440 Milliarden Euro, und zusammengenommen verwalten unsere Privatkundenbank und unsere Vermögensverwaltungstochter DWS ein Anlagevermögen von knapp 1,4 Billionen Euro. Damit können wir sehr viel beitragen zum Wandel, zur Transformation der Wirtschaft.

In der Vermögensverwaltung sind die Bedingungen entscheidend, die wir als Anleger für unsere Kunden an die Unternehmen stellen. Beim Kreditportfolio geht es wiederum darum, dass Faktoren wie Klimarisiken und die Klimabilanz eines Unternehmens eine zunehmend wichtige Rolle bei der Kreditvergabe spielen werden. Zumal hier auch der Druck auf uns steigen wird, wenn wir spätestens Ende nächsten Jahres den CO₂-Fußabdruck unseres Kreditportfolios veröffentlichen werden.

Sie haben in Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie vier Säulen definiert. Nachhaltigkeit soll Ihre Prozesse maßgeblich verändern. Was heißt das konkret?

Eigendorf: Bei den ersten beiden Säulen geht es um das Bankgeschäft an sich. Wie und wen finanzieren wir? Die erste Säule sind die nachhaltigen Finanzierungen und Investitionen – Sustainable Finance.  Hier geht es darum, welche Transaktionen wir als nachhaltig klassifizieren. Wie beraten wir Kunden – vom Privatanleger bis zum global agierenden Unternehmen und vor allem mit Blick auf nachhaltige Transformation?

Die zweite Säule sind die eigenen Richtlinien. Dort definieren wir, was wir tun und was wir nicht mehr tun, wo die Grenzen dafür liegen, was wir finanzieren. Wir werden beispielsweise nach 2025 keine Kredite für Kohlebergbau an Energieunternehmen mehr vergeben. Wir haben klare Richtlinien zu Waffen und Menschenrechten und prüfen alle unsere Transaktionen dahingehend, ob sie diesen entsprechen.

Die dritte Säule umfasst unseren eigenen Geschäftsbetrieb und unsere Mitarbeiter. Da spielt Diversität und Teilhabe mit rein. Es geht aber auch um den CO₂-Fußabdruck unserer Autoflotte oder ob wir Strom aus erneuerbaren Energien verwenden. Warum? Weil wir Vorbild sein müssen, wenn wir etwas verändern wollen. Und schließlich geht es darum, dass wir uns mit unserer eigenen Expertise in den Dialog mit anderen Interessengruppen einbringen. Wir wollen uns nicht nur in der gesellschaftlichen Debatte rund ums Thema Nachhaltigkeit engagieren, sondern auch mit am Tisch sitzen, wenn die Standards gesetzt werden.

Man kann Thought Leader sein, indem man in Gremien sitzt. Man kann aber auch Thought Leader sein, indem man die öffentliche Meinung beeinflusst. Die Deutsche Bank ist mir als Thought Leader bei Nachhaltigkeit noch nicht so aufgefallen. Wie wollen Sie das ändern?

Eigendorf: Wir sind dann Experte oder Thought Leader, wenn es darum geht, wie wir die Transformation der Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit schaffen. Wie kanalisieren wir Kapital? Was ist ein nachhaltiger Transformationspfad, der finanzierungswürdig ist? Die Expertise einer Bank ist es, notwendige Finanzierungslösungen für glaubwürdige Transformationspfade zu entwickeln, und hier können gerade wir als ein globales Finanzierungshaus eine wichtige Rolle spielen. Zudem bringen wir uns auf konkreten Themenfeldern in die Debatte ein. Unsere internationale Privatkundenbank ist zum Beispiel als erster Finanzdienstleister der Ocean Risk and Resilience Action Alliance ORRAA beigetreten und nutzt ihr Netzwerk, um sich für Biodiversität und den Schutz der Meere einzusetzen.

Die ganzen Finanzierungsdetails Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie sind für Nicht-Finanz-Experten schwer verständlich. Das ist anders, als wenn man ein konkretes Produkt wie ein Auto nachhaltiger macht. Welche Zielgruppen wollen Sie erreichen?

Eigendorf: Das Interessante bei Nachhaltigkeit ist, dass jede Interessensgruppe Anforderungen an uns stellt, aber das auch stets mit einer Chance für uns einhergeht. Nachhaltigkeit wird schon bald das „neue Normal“ sein. In fünf Jahren werden Unternehmen und Staaten viel genauer erklären müssen, wo und warum sie bestimmte Umwelt- und Sozialkriterien nicht berücksichtigen. Wenn wir als Bank diesen Wandel nicht annehmen, werden wir unsere „Licence to operate“ riskieren, also unsere Daseinsberechtigung. Nachhaltigkeit ist genauso wichtig für unsere Kunden wie für unsere Mitarbeiter, unsere Regulatoren und unsere Investoren. Wir müssen also alle Interessengruppen bedienen. Das tun wir, und dabei spüren wir gerade viel Rückenwind.

Wirklich zu überzeugen scheinen Sie Kritiker*innen bisher nicht. Luisa Neubauer von Fridays for Future nannte die Deutsche Bank 2019 einen „Mittäter der Klimakrise“. Die „Wirtschaftswoche“ schrieb kürzlich: „Bisher existieren vor allem Ankündigungen – und ein weiterhin undurchschaubares Kreditportfolio.“ Ist es für Sie überhaupt wichtig, was Luisa Neubauer denkt?

Eigendorf: Ja, natürlich! Es ist wichtig, was Luisa Neubauer denkt. Für uns ist entscheidend, dass wir glaubwürdig sind. Wie wollen wir das schaffen? Durch konkrete Ziele! Und dadurch, dass wir diese Ziele erreichen. Wir haben gesagt, dass wir bis Ende 2023 ein Volumen von 200 Milliarden Euro an nachhaltigen Investitionen und Anlagen erreichen wollen. Nur 13 Monate nachdem wir uns dieses Ziel gesetzt haben, haben wir bereits fast die Hälfte geschafft. Aber wir wollen noch einen Schritt weiter gehen und die Wirkung unseres Handelns transparent und messbar machen. Wenn die Transparenz da ist, wird es weniger Kritik und einen ehrlichen Dialog geben.

Aber wie bewerten Sie die Kritik?

Eigendorf: Wir nehmen sie ernst, sind aber anderer Meinung. NGOs drängen darauf, dass bestimmte Aktivitäten sofort eingestellt werden. Wir glauben aber, dass der realistischere Weg zu mehr Nachhaltigkeit die Transformation und nicht die Revolution unserer Wirtschaft ist. Die Frage ist: Wie kommen wir schnellstens und nachhaltig von viel zu hohen Emissionen zu einem Niveau, das für die Welt verträglich ist?

Der Verbrauch fossiler Brennstoffe wird erheblich teurer werden müssen. Die externen Kosten der Umweltverschmutzung müssen in Preisen für Produkte und Dienstleistungen enthalten sein. Das wiederum müssen die Staaten sozial gestalten. Auf diesem Transformationsweg werden wir also auch weiter Unternehmen finanzieren, bei denen Nichtregierungsorganisationen sagen: „Das ist falsch.“ Wichtig ist für uns, dass unsere Finanzierungen in emissionsintensiven Industrien dazu beitragen, die Emission von Treibhausgasen materiell zu verringern. Soweit das nicht möglich ist, werden wir das Finanzierungsvolumen zurückfahren. Und hier sind wir auf einem guten Weg: Heute stecken weniger als 0,1 Prozent unseres Kreditportfolios in Kohlefinanzierung. CO₂-intensive Branchen wie Öl und Gas, Metallgewinnung, Energieversorger, Transport, Chemie machen nur noch sechs Prozent des Portfolios aus. Wir lassen aber Kunden eben nicht fallen, wenn sie sich auf einen glaubwürdigen Transformationspfad begeben.

Sie könnten das alles schneller machen.

Eigendorf: Das lässt sich so einfach sagen, würde aber die CO₂-Bilanz auf unserer Welt vermutlich kein bisschen verbessern. Stellen Sie sich vor, wir würden die Finanzierungen an heute emissionsintensiven Branchen sofort beenden. Was würde passieren? Würden diese Geschäfte einfach verschwinden? Nein! Sie würden von Investoren gekauft, über die weder wir noch Regierungen irgendeine Transparenz hätten und die noch für einige Jahre hohe Gewinne aus den Unternehmen herausziehen würden – ohne in die Transformation zu investieren.

Machen wir es mal konkret. Sie schreiben, Sie wollen spätestens bis 2025 Ihr weltweites Engagement im Bereich Kohleabbau beenden. Was will die Deutsche Bank künftig nicht mehr finanzieren? Und ab wann?

Eigendorf: Das haben wir bereits konkret gemacht. Die Bank finanziert keinen neuen Kohleabbau und hat die bestehende Finanzierung auf 0,1 Prozent unseres gesamten Kreditportfolios seit 2016 reduziert. Bis spätestens 2025 werden wir unser Engagement im Kohleabbau beenden. Insgesamt schauen wir uns sehr genau an, wie hoch die CO₂-Produktion in unserem Kreditportfolio ist und wo sie anfällt. Das werden wir Ende des Jahres 2022 auch transparent machen. Und wir werden entscheiden, wie wir den CO₂-Fußabdruck des Kreditportfolios schrittweise im Einklang mit den Pariser Zielen runtermanagen. Spätestens ab dem Zeitpunkt wird zwangsläufig der CO₂-Fußabdruck bei der Kreditvergabe eine wichtige Rolle spielen. Die Frage lautet heute schon: Hat der Kunde einen glaubwürdigen Plan, um von den Emissionen runterzukommen? Dafür müssen wir in den Dialog mit unseren Kunden treten.

Bei Kohle nennen Sie ein klares Datum. In anderen Bereichen nicht. Warum nicht?

Eigendorf: Wir halten es nicht für sinnvoll, für immer mehr Sektoren kategorische Ausschlusskriterien zu formulieren. Es geht um einen glaubwürdigen Transformationspfad, gerade bei Unternehmen in den Branchen, die das Gros der Emissionen ausmachen. Wenn beispielsweise ein Energiekonzern neue Technologien einsetzt und die Emissionen radikal senkt, dann werden wir das selbstverständlich berücksichtigen. Dabei wären Schritte hilfreich, die NGOs ablehnen werden. So zum Beispiel der Umstieg von Öl auf Gas – allein dadurch lassen sich fast 50 Prozent der Emissionen einsparen. Für eine Übergangszeit kann das sinnvoll sein.

Wie ist die Haltung der Bankenbranche generell? Da das Thema Nachhaltigkeit im Finanzsektor komplex ist und Banken selbst wenig CO₂ produzieren, könnte eine Hoffnung sein, unter dem Radar zu fliegen.

Eigendorf: Sie können als Großbank nicht unter dem Radar fliegen. Erst recht nicht als Deutsche Bank. Wenn wir uns verstecken wollten, würden uns andere schnell auf die Bühne zerren. Und würden wir unter dem Radar fliegen wollen, würden wir gerade vieles falsch machen. Wir haben vor kurzem einen Nachhaltigkeitstag veranstaltet. Da hatten sich mehr als 3.000 Teilnehmer zugeschaltet. Wir sehen uns als Bank als wichtigen Teil der Gesellschaft und haben eine Rolle, die zu Recht öffentlich wahrgenommen und hinterfragt wird. Wir sind deshalb als Bank sehr transparent und offen.

Foto: Kasper Jensen
Jörg Eigendorf im Gespräch: „Sie können als Großbank nicht unter dem Radar fliegen. Erst recht nicht als Deutsche Bank.“ (c) Kasper Jensen

Inwieweit haben Journalistinnen und Journalisten auf der Agenda, dass die Finanzindustrie in Sachen Nachhaltigkeit eine große Rolle spielt?

Eigendorf: Inzwischen sehr. Natürlich haben wir den Nachteil, dass wir kein konkretes, anfassbares Produkt herstellen – wir bauen keine Autos oder Kühlschränke. Dennoch bieten sich immer wieder Anlässe, in denen unser positiver Beitrag greifbar wird. Nehmen Sie zum Beispiel die Flutkatastrophe. Wir haben innerhalb von wenigen Tagen ein Programm mit 300 Millionen Euro an Hilfskrediten für die Betroffenen aufgelegt – für Privatpersonen oder für betroffene Betriebe. Das ist schon sehr konkret, und darunter können Menschen sich etwas vorstellen. Und wir müssen mehr über das reden, was wir mit Blick auf Nachhaltigkeit tun. Denn das ist erklärungsbedürftiger, als wenn man eine Solaranlage betreibt oder Sozialwohnungen baut.

Wie und über welche Kanäle wollen Sie kommunizieren? Sie selbst geben Interviews zur Nachhaltigkeit. Ihr CEO Christian Sewing auch. Aber darüber hinaus?

Eigendorf: Wir haben eine Reihe von Führungskräften in unserer Bank, die inzwischen öffentlich sehr präsent sind. Beispiele sind Gerald Podobnik, der Finanzchef unserer Unternehmensbank, Claire Coustar, die ESG-Chefin unseres Geschäfts mit festverzinslichen Wertpapieren und Währungen, oder unser ESG-Asien-Chef Kamran Khan. Diese Tiefe an Expertise ist unsere Stärke.

Über welche Kanäle soll die Kommunikation laufen?

Eigendorf: Alle relevanten Kanäle, wobei Social Media natürlich inzwischen sehr wichtig geworden ist. Linkedin halte ich zum Beispiel für einen wichtigen Kanal, weil wir dort direkt mit etwas mehr Tiefe als in anderen Sozialen Medien kommunizieren können. Das ergänzt auch die Wege, wie wir mit unseren Mitarbeiter*innen sprechen. Sie sind unsere Botschafter*innen.

In Ihrem Jobtitel findet sich die Zuständigkeit für Kommunikation, Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit. Wie kam es zu dieser Konstellation?

Eigendorf: Die Zuständigkeit habe ich so übernommen, als ich 2016 bei der Deutschen Bank begonnen habe. Da Nachhaltigkeit damals noch nicht strategische Priorität war, hatte ich die Zeit, mich tief in das Thema einzuarbeiten. Das hilft mir heute. Dabei kam mir zugute, dass ich in meinem Verantwortungsbereich ein hervorragendes Team um Viktoriya Brand, der Leiterin unserer Nachhaltigkeitsabteilung, habe. Wenn ich heute ohne tiefes Vorwissen in den Konzern käme, dann wäre das in dieser Form nicht zu stemmen. Dafür ist Nachhaltigkeit als Thema inzwischen viel zu wichtig für unsere Bank. Deshalb haben wir den Bereich nun auch aus der Kommunikation herausgenommen und eigenständig aufgestellt.

Sie trennen jetzt Nachhaltigkeit und PR. Was bedeutet das für die Kommunikation?

Eigendorf: Erst einmal gar nichts. Nachhaltigkeit ist eine Kontroll- und geschäftsgetriebene Funktion, die mit dem Kommunikationsbereich nicht weniger oder mehr zu tun hat als andere Geschäftsbereiche auch. Die Kommunikationsabteilung steuert die Kommunikation aller Bereiche.

Da ich nun beide Hüte aufhabe, haben wir eine klare Leitungsstruktur für beide Bereiche geschaffen. Anke Hallmann bleibt meine Stellvertreterin für die Abteilung Kommunikation und Soziale Verantwortung. Wir haben außerdem mit Sebastian Jost seit 1. August einen neuen Kommunikationschef. Wir haben Michael Steen als Newsroom-Chef gewinnen können, Ralf Drescher übernimmt die Position als Head of Content. Sebastian Krämer-Bach leitet weiterhin die externe Kommunikation, Lareena Hilton die Bereiche Marke und Soziale Verantwortung, Anna Herrhausen den Bereich Gesellschaftlicher Diskurs & Kunst und Joan Stagg das Veranstaltungsmanagement. Genauso haben wir mit Viktoriya Brand eine Nachhaltigkeitschefin. Dass wir so viele Frauen in unserem Führungsteam haben, spricht für sich.

Aus der Kommunikation der Deutschen Bank treten Sie nach außen auf. In Kommunikationsfachmedien erscheint öfter noch Ralf Drescher, der bisher den Newsroom geleitet hat. Aber darüber hinaus sind die Kommunikator*innen der Deutschen Bank recht unsichtbar. Warum ist das so?

Eigendorf: Wir haben einige Leute, die für uns sprechen können. Es werden schrittweise sicher mehr werden. Allerdings ist es auch nicht so ungewöhnlich, dass wir uns zu Kommunikationsthemen nicht so oft äußern. Es ist nicht unser Selbstverständnis, dass wir ständig draußen über uns selbst sprechen wollen. Ich gebe selbst zu Kommunikationsthemen wenig Interviews. Wir konzentrieren uns eher darauf, dass die Experten unserer Bank gut positioniert sind. Hätten Sie mich gefragt, ob wir ausschließlich zur Kommunikation der Deutschen Bank sprechen wollen, hätte ich vermutlich gesagt: „Nein. Im ‚Wirtschaftsjournalist‘ habe ich doch kürzlich alles dazu gesagt.“

Warum ist es Ihnen wichtig, bei Nachhaltigkeit an vorderster Front mitzureden?

Eigendorf: Ich habe ja gesagt, dass wir die Kommunikation zum Thema Nachhaltigkeit auf viele Schultern aufgeteilt haben, und da hat jede*r ihr oder sein Gebiet – und ich eben auch, wenn es um die bereichsübergreifenden strategischen Themen geht. Gleichzeitig achte ich darauf, dass ich die Rollen als Verantwortlicher für Kommunikation und Nachhaltigkeit trenne. Ich möchte nicht in den Verdacht geraten, dass wir hier etwas grün waschen oder uns grün wünschen. Im Gegenteil: Nachhaltigkeit ist eine zarte Pflanze, die es auch reputativ zu schützen gilt. Da ist es besonders wichtig, glaubwürdig zu sein. Wenn wir einen Kredit als nachhaltig bewerten, dann muss er messbare Indikatoren und Kriterien erfüllen, zum Beispiel: Führt ein Kredit oder eine Anleihe wirklich zu einer Reduktion der Emissionen von CO₂? Bekommen die Bauern in einem Entwicklungsland tatsächlich einen faireren Lohn für ihre Arbeit? Wird wirklich weniger Dünger eingesetzt?

In einem „Handelsblatt“-Podcast sagen Sie, dass Sie sehr von der Entstehung der Grünen und vom „Club of Rome“ – also den Grenzen des Wachstums – geprägt sind. Es klingt, als wären Sie ein Überzeugungstäter, der jetzt in der Finanzwelt arbeitet. Wie würden Sie Ihre eigene Rolle sehen?

Eigendorf: Ich mag das Wort „Täter“ nicht. Bei meiner Berufswahl war es für mich immer entscheidend, dass ich sinnvoll finde, was ich tue. Sei es, dass ich als Zivildienstleistender im Krankenhaus Schlaganfallpatienten begleitete, dass ich als Journalist in Russland über den Zusammenbruch des Sozialismus berichtete oder meine investigative Arbeit zu Menschenhandel oder in der Ukraine 2014. Das alles habe ich immer mit großer Überzeugung getan, und das ist jetzt nicht anders. Meine eigene Rolle lässt sich einfach zusammenfassen: Menschen zusammenbringen, die am gleichen Strang ziehen, Brücken und Netzwerke in unserer Bank bauen und den Wandel über Bereiche hinweg vorantreiben – und das mit der Unterstützung unseres Vorstandschefs.

Es geht darum zu ermöglichen, was sonst nicht möglich wäre. Ich bin weder Risiko- oder Finanzspezialist, noch bin ich im Bankgeschäft groß geworden. Aber ich habe ein Verständnis dafür entwickelt, wie ich Kolleg*innen unterstützen, Hindernisse beseitigen und wichtige Reformen vorantreiben kann. So war das bei dem 200-Milliarden-Ziel im vergangenen Jahr oder beim Nachhaltigkeitstag im Mai. Und so ist das jetzt beim Transformationsdialog mit unseren Kund*innen.

Die Deutsche Bank war seit der Finanzkrise 2009 in zahlreiche Skandale verwickelt, die sie viel Geld gekostet haben. Kommt daher der Antrieb, jetzt mit Nachhaltigkeit positive Akzente setzen zu wollen?

Eigendorf: Das hat damit nichts zu tun. Unser Vorstand hat 2019 die klare Entscheidung getroffen, dass Nachhaltigkeit eines von vier Schlüsselthemen werden muss – neben Technologie, dem Kundenfokus und guter Führung. Vor 2019 war es deutlich schwieriger, so grundsätzlich etwas zu verändern. Seither haben wir den Willen des Managements, die Geschäftsbereiche haben verstanden, dass an Nachhaltigkeit kein Weg vorbeiführt, aber auch welch großes Geschäftspotenzial sich hier ergibt. Dabei fangen wir nicht bei null an: Alfred Herrhausen hat Ende der achtziger Jahre gefordert, dass der Regenwald als ein „Treuhandgut der ganzen Menschheit“ verstanden werden müsse. Seither haben wir als Gesellschaft global drei Jahrzehnte verschenkt. Dabei müssen wir uns miteinschließen. Wir sind als Bank also nicht nur den Eigentümern, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet, das zu ändern. Gewinnmaximierung muss unter gewissen Regeln und Grenzen erfolgen.

Wie denken die Mitarbeiter der Deutschen Bank über Ihre Pläne zur Nachhaltigkeit?

Eigendorf: 90 Prozent finden das Thema wichtig oder sehr wichtig. Fast genauso viele sagen: Das ist für den geschäftlichen Erfolg der Bank entscheidend, macht noch mehr. Wir sind nun mal eine Bank und ein Wirtschaftsunternehmen, das auch profitabel sein muss. Wir müssen also profitables Geschäft und Verantwortung miteinander verbinden. Das gelingt uns immer besser, Widerstände spüre ich kaum noch. Die Begeisterung ist gigantisch, die Menschen in unserer Bank haben ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein.

Zum Abschluss: Wie kommt es, dass anscheinend die gesamte Kommunikationsbranche Ihr Gehalt kennt? Im Interview mit dem „Wirtschaftsjournalist“ erwähnte der Fragesteller die Zahl eine Million Euro so, als ob sie ein Fakt wäre.

Eigendorf: Es gibt Menschen, die glauben, dass sie mein Gehalt kennen. Auch wenn sie falsch liegen, werde ich das nicht kommentieren.


Ergänzung: Kurz nach dem Interview gab es die Meldung, dass die amerikanische Börsenaufsicht Ermittlungen gegen die DWS eingeleitet hat. Die ehemalige Nachhaltigkeitschefin erhebt den Vorwurf, dass die Deutsche-Bank-Tochter den Anteil nachhaltiger Anlagen im Jahresbericht von 2020 als zu hoch ausgewiesen hat. Die DWS ist eine eigene Aktiengesellschaft; Eigendorf nicht ihr Sprecher. Doch was sagt er zu dem Thema?

„Die DWS hat bekräftigt, dass diese Vorwürfe haltlos seien. Die Diskussionen, was ESG ist und was nicht, ist derzeit ein wichtiges Thema für die gesamte Finanzbranche. Dabei ist vieles in Bewegung: Standards entwickeln sich, die Wissenschaft macht Fortschritte. Regulatoren, Banken und Fondsgesellschaften vertiefen von Tag zu Tag ihre Expertise, und unsere Kunden auch. Wir weisen immer wieder auf diese Dynamik hin, wie ein Blick auf unseren Nachhaltigkeitstag zeigt. Gleichzeitig kann ich aus eigener Erfahrung sagen, wie intensiv und sorgfältig wir bei der Deutschen Bank prüfen, ob ein Geschäft bestimmten Umwelt-, Sozial- und Führungsstandards entspricht – und dass wir uns im Zweifelsfall dagegen entscheiden. Die Diskussionen sind manchmal heftig, aber harte und sorgfältige Kontrollmechanismen sind die Grundlage dafür, dass wir glaubwürdig bleiben. Dabei verlassen wir uns nicht nur auf unsere eigene Expertise, sondern ziehen auch viele externe Gutachten und Erkenntnisse heran.“


 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Nachhaltigkeit. Das Heft können Sie hier bestellen.