Außergewöhnliche Quellen

Journalismus

Viele kannten „Business Insider“ bisher als Portal mit klickoptimierten Headlines. Jetzt haben Sie als Erste wichtige Details zum RBB und NDR enthüllt. Bei Volkswagen sind Sie seit Jahren nah dran. Woher kommt dieser Lauf?

Wehmeyer: Wir sind 2020 als Team mit Kayhan Özgenç, Lars Petersen und mir von der „Bild am Sonntag“ zu „Business Insider“ gewechselt. Als Leiter investigative Recherche ging es darum, nach und nach ein Team aus Journalisten aufzubauen, das Lust an langen Recherchen mitbringt. Mittlerweile gehören Philip Kaleta und Tobias Fuchs zum Investigativ-Ressort. Zu unserem Lauf: Wir haben bei der „Bild am Sonntag“ viele große Geschichten gemacht. Damals stand die VW-Abgasaffäre lange Zeit im Zentrum unserer journalistischen Arbeit. Der Wechsel zu „Business Insider“ war natürlich eine Umstellung: Die Verbreitung, der Rhythmus, das Team – wir hatten viel damit zu tun, nach innen zu wirken. Aber warum sollten wir aufhören, Geschichten zu machen? Unsere Aufgabe in den vergangenen zweieinhalb Jahren war es, die Relevanz nach vorne zu stellen und mit Highlights und Scoops der Marke ein neues Image zu verleihen.

Sie leiten das Investigativ-Ressort. Welche Kriterien muss ein Thema erfüllen, damit es für Sie zu einer Geschichte wird?

Wehmeyer: Das Investigativ-Team von „Business Insider“ legt den Schwerpunkt klar auf die Wirtschaft. Der Unterschied zu den anderen Ressorts liegt darin, dass wir sehr viel Zeit für Recherchen und Netzwerken haben. Im Gegenzug wird aber erwartet, dass wir große und exklusive Geschichten liefern. Im Idealfall hat so eine Story einen prominenten Namen. Das kann der Top-Manager eines Dax-Konzerns oder die Intendantin eines öffentlich-rechtlichen Senders sein. Bei der Personalisierung von Geschichten ist die Fallhöhe des Protagonisten ein entscheidender Faktor für die öffentliche Wahrnehmung.

Welche Bedeutung haben Whistleblower – Hinweisgeber, die in Artikeln anonym bleiben wollen – für Ihre Arbeit?

Wehmeyer: Ohne Menschen, die nah an den Vorgängen dran sind, einen Einblick und bestenfalls Zugriff auf vertrauliche Informationen besitzen, würden Recherchen oft an der Oberfläche bleiben. Mal ist der anonyme Hinweisgeber ein Anwalt, mal ein Kommunikationsberater, mal ein Beamter, mal ein Mitarbeiter. Erst der außergewöhnliche Zugang zu einem Thema bietet die Grundlage für eine außergewöhnliche Enthüllungsgeschichte. Zum einen verleihen vertrauliche Dokumente einem Artikel Dichte und Tiefe. Zum anderen brauchen wir belastbares Insiderwissen, um die transportierten Vorwürfe in unseren Geschichten zu verteidigen. Heute ist es doch die Regel, dass wir bei einer investigativen Recherche mit Medienanwälten in Berührung kommen. Bei diesen Auseinandersetzungen reicht es nicht mehr aus, sich auf zwei oder drei anonyme Quellen zu berufen. Daher sind wir sensibilisiert, für jedes Detail eine Beweislage zu schaffen. Das gelingt oft nur durch interne Präsentationen, E-Mails, eidesstattliche Versicherungen oder Protokolle. Ohne diesen Aktenzugang hätten wir zu Beginn auch die RBB-Affäre nicht so intensiv abbilden können.

Was war die Motivation der RBB-Hinweisgeber, über Missstände im Sender und über die Luxustendenzen ihrer damaligen Chefin zu sprechen? Selbst die dort beschäftigten Journalisten haben über Jahre geschwiegen.

Wehmeyer: Ich glaube nicht, dass die Missstände für jeden offen sichtbar waren. Für die Informanten im RBB war unsere erste Geschichte im Juni über einen dubiosen Beratervertrag zwischen der Messe Berlin und dem Ehemann von Frau Schlesinger, Gerhard Spörl, ein Momentum. Plötzlich erschien die ARD-Vorsitzende in einem ganz anderen Licht. Die Berichterstattung hat den ein oder anderen in seinem Gefühl bestärkt, dass mit dieser Intendantin und Geschäftsleitung etwas nicht stimmt. Während der weiteren Recherchen habe ich ein Entree zu einigen dieser Mitarbeiter bekommen. Sie eint, dass sie bruchstückhafte Informationen zu einzelnen Vorgängen hatten, sich aber nie getraut haben, mit ihren Informationen zur Revision zu gehen. Die Kultur im RBB war von Angst geprägt: Wer Verstöße anzeigt, muss um seine Karriere fürchten. Am Ende bin ich froh, dass Menschen den Mut hatten, mir vertrauliche Dokumente zur Verfügung zu stellen. Viele habe ich aus Quellenschutzgründen in der Berichterstattung nicht verwendet, aber sie haben mir die Sicherheit gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Details zu Massagesitzen im Auto, über den Bürofußboden oder die Dinner bei Schlesinger zu Hause dürften nur wenige Personen gekannt haben. Wie verhindern Sie, dass die Informanten aufgrund Ihrer Berichterstattung auffliegen und als „Maulwurf“ enttarnt werden?

Wehmeyer: Außer Schlesinger saßen nur wenige Menschen auf den Massagesitzen in ihrem Auto. Das stimmt wohl. Aber unsere RBB-Berichterstattung beruht in erster Linie auf internen Unterlagen, die uns vorliegen. Wenn es um die Verwendung von vertraulichen Akten geht, pflege ich einen engen Austausch mit der Quelle. Wer hat die Unterlagen verfasst? Wer gehörte zum Verteilerkreis? Ist die Identifikation eines Dokuments in der Berichterstattung notwendig? Es gibt Informanten, die aus ihren Emotionen heraus sehr motiviert sind und die man dann auch vor sich selbst schützen muss. Der Quellenschutz steht für mich an oberster Stelle. Ich möchte ruhig schlafen können und die Hinweisgeber sollten es am besten auch.

Investigativer Journalismus will aufdecken, was Kommunikationsabteilungen nicht in der Öffentlichkeit sehen wollen? An welcher Stelle haben Sie während Ihrer Arbeit mit Pressestellen zu tun?

Wehmeyer: Das hängt von den Menschen ab. Es gibt Unternehmen, mit deren Pressesprechern ich einen engeren Austausch pflege. Das heißt, wir reden auch ohne konkreten Anlass miteinander. In der Regel findet der Kontakt aber bei der Konfrontation mit einer Recherche oder Teilrecherche statt. Die anschließende Kommunikation hängt dann vom Einzelfall ab. Es gibt Pressesprecher, die schweigen, manche versuchen zu dealen, andere drohen und schreien. Einige lassen es menscheln, lassen einen an der ganzen Last der eigenen Tätigkeit teilhaben und hoffen womöglich auf Verständnis. An meiner Tätigkeit als Journalist ändert das alles kaum etwas. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass ein vertrauensvoller Austausch mit Pressesprechern ein wichtiges Korrektiv in einer Recherche sein kann. Es ist aber noch nicht der Fall vorgekommen, dass ein Pressesprecher mein Whistleblower war.

Sie müssen Beschuldigte mit Ihren Rechercheergebnissen konfrontieren. Es gibt den Vorwurf von Kommunikationsabteilungen, dass sie oft kurz vor dem Veröffentlichungstermin lange Fragekataloge mit kurzen Fristen erhalten. Die Geschichte sei schon geschrieben. Was stimmt daran?

Wehmeyer: Natürlich gibt es von der Geschichte manchmal einen Textentwurf. Das stimmt. Die Mühe würde ich mir aber nicht machen, wenn ich einfach nur ins Blaue frage. Beim Setzen der Frist wägen wir ab, ob für die Anzahl der Fragen ein paar Stunden, 24 Stunden oder 48 Stunden ausreichen. Wenn wir mit einer professionellen Pressestelle zu tun haben, setzen wir in der Regel eine Frist von 24 Stunden. Für die knapp 50 Fragen zu Schlesingers Dienstwagen, von denen sich aber die allermeisten mit Ja oder Nein beantworten ließen, habe ich dem RBB mehr als zwei Tage gegeben. Bei so einer Affäre ist in der Pressestelle irgendwann ein Präsenzwissen vorhanden, so dass im Einzelfall aus meiner Sicht auch weniger als 24 Stunden genügen. Zumal es auch einen zunehmenden Recherche- und Konkurrenzdruck gab. Beim RBB haben wir irgendwann die Situation bekommen, dass wir in Konkurrenz zu dem Sender stehen, der selbst recherchiert und publiziert.

Sie sehen also 24 Stunden als eine Basisfrist?

Wehmeyer: Wenn wir es beispielsweise mit einem Dax-Konzern und mit einer professionellen Pressestelle zu tun haben, sollte ein Fragekatalog in 24 Stunden zu beantworten sein. Es mag Ausnahmen geben.

Es gibt den Begriff der „kontrollierten Sprengung“. Ein Unternehmen oder ein sonstiger Beschuldigter nutzt also eine Anfrage, um Informationen einem anderen Medium zu geben. Wie oft kommt das vor?

Wehmeyer: Wenn ich als Investigativjournalist eine Paranoia habe, dann ist es die, ob ich eine Exklusivgeschichte halten kann. Oder bringt sie jemand vor mir? In der RBB-Affäre bekam ich den Hinweis auf eine Reise von Frau Schlesinger nach London, die angeblich privat war, aber dienstlich abgerechnet wurde. Nach wochenlangen Recherchen konnte ich Unterlagen und E-Mails als Belege vorweisen. Ich stellte dem RBB mehrere Fragen mit einer Frist von 24 Stunden und bekam den Anruf, ob ich die Frist verlängern könnte. Wir haben eine Verlängerung eingeräumt. Am selben Abend öffnete ich um 23.58 Uhr die „Spiegel“-Seite und die machten mit der London-Reise auf – offenkundig ohne Dokumente zu haben. So sollte es nicht laufen.

Ein bekannter Berliner Medienanwalt rät dazu, auf Fragenkataloge gar nicht zu reagieren. Antworte man als Unternehmen oder Privatperson, könnten Medien weitgehender und kritischer berichten. Wie erleben Sie hier die Presseabteilungen?

Wehmeyer: Ich weiß nicht, was es besser machen soll, wenn man gar nicht antwortet. Das setzt die Grundhaltung voraus, dass ein Journalist nur Vages hat. Wenn ein Journalist aber seine Recherchen mit Dokumenten belegen kann, sehe ich keinen Mehrwert darin, als Pressestelle bzw. Medienanwalt nichts zu sagen. Für mich ist es eine Zeitersparnis, wenn da nichts kommt. Dann ist die Antwort, die ich in den Text einfließen lasse, recht kurz.

Inwieweit haben Sie beim RBB einen Willen zur Aufklärung wahrgenommen?

Wehmeyer: Nachdem Patricia Schlesinger nicht mehr im Amt war, ist dieses Interesse spürbar und sichtbar geworden. Solange sie im Amt war, ließ sich bei dem ein oder anderen der Aufklärungswille aber nur zwischen den Zeilen erahnen.

Es gab also ein Klima der Angst?

Wehmeyer: Das würde ich für den RBB so sehen. Als Frau Schlesinger zurücktrat, war das für viele Mitarbeiter wie ein Befreiungsschlag. In Belegschaftsversammlungen wurde plötzlich Klartext gesprochen. Es herrschte eine revolutionäre Stimmung. Es wird sich zeigen, ob sich die Kultur dauerhaft ändert. Die Maulwurfjagd, die Sie erwähnt hatten, läuft meines Wissens nach bis heute.

Hatte die Tatsache, dass diese Affäre den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Ganzes in Misskredit bringt, einen Einfluss, weshalb niemand über die Missstände reden wollte? Weil man ARD und ZDF eine zentrale Rolle für die Demokratie zuschreibt?

Wehmeyer: Es gibt viele Mitarbeiter, die über die Missstände reden. In der Vergangenheit war es aber oft so, dass bei Kritik an einem öffentlich-rechtlichen Sender oder an einer einzelnen Person die übrigen Anstalten sofort den Schulterschluss geübt und sich vor den Angegriffenen positioniert haben. Diesen Reflex wollte Frau Schlesinger wohl auch aktivieren, als sie nach dem zweiten Artikel von „Business Insider“ von einer „Springer“-Kampagne sprach. Bloß diesmal hat sich niemand vor sie stellen wollen. Im Gegenteil: Unsere Berichterstattung löste einen inneren Druck aus, der Schlesinger schließlich aus dem Amt drängte.

Ich fand den Ansatz des RBB, knallhart in eigener Sache recherchieren zu wollen, von Anfang an wenig überzeugend. Die Interessenkonflikte der Journalisten sind zu groß, weil man gegen eigene Kollegen und den eigenen Arbeitgeber recherchiert, von dem man abhängig ist. Wie bewerten Sie das?

Wehmeyer: Wir haben das intern auch diskutiert. Bei uns hielten es einige für einen guten Move. Ich habe es skeptisch gesehen. Für den RBB war es offenkundig wichtig zu zeigen: Da oben stimmt zwar vieles nicht, aber mit unserem Journalismus ist alles in Ordnung. Es ging für den RBB darum, in Vorhand zu kommen. In der Praxis sah das dann so aus, dass wir zu einer Recherche in der Pressestelle angefragt haben und wenig später das gleiche Thema auch beim RBB-Rechercheteam lag, um eben kurz nach uns einen Artikel zu veröffentlichen. So wurde es eine eigene Story, dass der RBB intern recherchiert.

Beim NDR hat das Landgericht Hamburg festgestellt, dass Sie wahrheitswidrig berichtet haben. Sie dürfen beispielsweise nicht mehr wiederholen, dass es im Umfeld der Chefin des Landesfunkhauses Hamburg „Vetternwirtschaft“ gegeben habe. Was ist hier schiefgelaufen?

Wehmeyer: Da wird etwas missverstanden. Es geht um anderthalb Sätze in einem längeren Artikel. Wir haben dargestellt, welche Beziehungen mehrere Familienangehörige der Direktorin des Landesfunkhauses zum NDR haben. Das Gericht befand, dass die von uns vorgelegten Dokumente nicht ausreichen, um zwei Aussagen zu einer Tochter von Frau Rossbach zu belegen. Wenn ein Gericht zu diesem Schluss kommt, müssen wir dies zunächst einmal akzeptieren, um anschließend rechtliche Schritte zu prüfen. Fakt ist: Der betreffende Artikel ist mit der entsprechenden Änderung weiterhin online verfügbar. Der Eindruck, der hier an mancher Stelle erweckt wird, dass der Verdacht der Vetternwirtschaft gegen die Landesfunkhausdirektorin vom Tisch ist, trifft schlicht nicht zu.

In einem Artikel über einen internen RBB-Bericht beschreiben Sie eine Auseinandersetzung mit Schlesingers Medienanwalt Ralf Höcker. Es geht um ein Hintergrundgespräch mit Schlesinger, das dann Herr Höcker als ihr Vertreter absolvieren wollte. Offenbar wurde von beiden Seiten viel geschrien. Worum ging es in dem Disput?

Wehmeyer: Wir hatten Frau Schlesinger mit einem internen RBB-Bericht konfrontiert. Darin erhebt der Revisionsleiter Vorwürfe gegen die ehemalige Intendantin, die internen Kontrollsysteme behindert zu haben. Zunächst wies ihr Medienanwalt die Vorwürfe zurück und verlangte mehr Zeit. Einen Tag später erklärte er, dass seine Mandantin nun bereit sei, im Hintergrund die Behauptungen zu korrigieren. Wir verschoben die Berichterstattung erneut und vereinbarten eine Telefonschalte, bei der der Jurist plötzlich erklärte, dass Schlesinger gar nicht für ein Gespräch zur Verfügung stehe. Aus unserer Sicht war das Vorgehen unseriös. Dies äußerten wir in einem unaufgeregten Ton in dem Telefonat und forderten ihn auf, uns seine Darstellung, ob als Zitat oder Hintergrundinformation, schriftlich zukommen zu lassen. Dem Redefluss des Anwalts tat dies aber keinen Abbruch. Mit steigender Lautstärke behauptete er, dass wir uns seinen angeblichen Hintergrundinformationen verschließen würden und er diese nun in einer Mail aufschreiben werde. Dann legte er auf. Was der Jurist für seine Mandantin mit diesem Verhalten erreicht hat? Keine Ahnung.

Hinweis: Die letzte Frage wurde schriftlich nachgereicht. 

 

© Mirella Frangella
Vor seiner Zeit bei „Business Insider“ arbeitete Wehmeyer für die „Bild am Sonntag“. Gemeinsam mit Kayhan Özgenç, der inzwischen Chefredakteur von „Business Insider“ ist, hat er sich vor allem durch seine Recherchen im Abgasskandal und zu Volkswagen einen Namen gemacht. © Mirella Frangella

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Medienarbeit. Das Heft können Sie hier bestellen.

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