Rettet den Bindestrich!

Sprachkolumne

„1 kg Schale: 1,99 €“ – so steht es im Werbeprospekt einer Supermarktkette, die in dieser Woche Äpfel im Sonderangebot hat. Ein Twitterer schickte mir ein Bild aus diesem Prospekt mit dem Kommentar „nix außer Schale“ und traf damit den Nagel auf den Kopf: „1 kg Schale“ ist nicht etwa ein Behältnis, in dem sich ein Kilogramm Äpfel befindet. „1 kg Schale“ ist ein Kilogramm (Frucht-)Schale ohne Fruchtfleisch. 

Jedenfalls, wenn man die Rechtschreibregeln beherrscht und beachtet.

Der Verzicht auf Bindestriche gehört zu den häufigsten Fehlern, die ich in deutschen Texten zu lesen bekomme. Und damit meine ich nicht Beschriftungen auf Lebensmittelverpackungen à la „Hühner Suppe“, „Vollkorn Müsli“ oder „Fleisch Salat“. Dass in solchen Fällen mindestens ein Bindestrich vonnöten wäre (oft ist allerdings eine Zusammenschreibung sinnvoller), wissen die meisten Menschen durchaus.

„Das sieht aber schöner aus“

Ganz anders sieht es mit dem Verständnis aus, wenn Firmennamen mit anderen Begriffen zusammengesetzt werden. Wenn eine Firma namens Schulze Suppen herstellt, dann sind das Schulze-Suppen und nicht „Schulze Suppen“. Auf einen entsprechenden Hinweis heißt es dann erstaunlich oft: „Wir koppeln den Firmennamen grundsätzlich nicht!“ Gern mit dem Zusatz: „Ohne Bindestrich sieht das einfach schöner aus.“ 

Aha. Rechtschreibung ist für viele inzwischen ein Wunschkonzert. Und das kann ich gerade bei den Bindestrichen weniger verstehen als in irgendeinem anderen Bereich. Bindestriche helfen, Zusammenhänge direkt deutlich zu machen. Anders gesagt: Sie helfen den Leserinnen und Lesern, Inhalte schneller zu erfassen. Warum sollte man darauf verzichten? Ketzerisch gefragt: Ist die eigene Eitelkeit – „das finden wir aber schöner!“ – wichtiger als die Verständlichkeit der Texte, die ein Unternehmen herausgibt?

Noch deutlicher wird der Sinn von Bindestrichen bei Zusammensetzungen, die wie die eingangs erwähnte Schale mit Äpfeln (korrekt: 1-kg-Schale) aus mehr als zwei Elementen bestehen: Apfel-Zimt-Kuchen zum Beispiel, um die Früchte gleich mal sinnvoll zu verarbeiten. Da wird eine Sache als Ganzes bezeichnet – die Schale mit den Äpfeln darin bzw. der Kuchen als fertiges Produkt –, und genau das macht man deutlich, indem man die drei Bestandteile mit Bindestrichen aneinandersetzt. Maßgabe: Kein Leerschritt, ehe etwas Neues beginnt. 

Zusammensetzen, was zusammengehört

Das erleichtert praktischerweise auch gleich das Verständnis, wenn eine solche Zusammensetzung mal durch einen Zeilenumbruch auseinandergerissen wird: Steht der erste Teil am Zeilenende, ergibt sich ohne den Bindestrich manchmal auf Anhieb eine andere Bedeutung. Das merkt man aber erst im weiteren Verlauf – und stolpert beim Lesen. Gar nicht gut!

 

Servieren Sie den Apfel

Zimt Kuchen lauwarm.

 

Bei korrekter Kopplung dagegen erkennt man sofort, dass nicht der Apfel allein serviert werden soll:

 

Servieren Sie den Apfel-

Zimt-Kuchen lauwarm.

 

Bevor wir nun alle richtig Appetit bekommen, verlassen wir die Küche mal lieber.

Wie sieht es aus, wenn etwas nach einer Person benannt wird? Da gelten die gleichen Regeln – alles, was zu der bezeichneten Sache gehört, wird mit Strichen verbunden. Das heißt: Auch zwischen dem Vor- und Nachnamen der Person steht dann ein Bindestrich, an einer Stelle also, an der im Namen selbst keiner hingehört. Die nach Max Planck benannte Gesellschaft heißt deshalb Max-Planck-Gesellschaft – und in diesem Fall ist „heißt“ sogar zutreffend, denn sie ist eine der wenigen Institutionen, die sich korrekt schreiben. Es gibt deutlich mehr Beispiele – darunter sogar zahlreiche Schulen und Universitäten –, bei denen die Bindestriche fehlen und deren Schreibweise damit orthografisch falsch ist. Wenn der Namensgeber mehrere Vornamen, Adelstitel oder sonstige Zusätze im Namen trägt, brauchen Sie eben entsprechend viele Bindestriche.

Und zu guter Letzt: Ganz genauso funktioniert es, wenn mehrteilige englische Begriffe mit deutschen Wörtern zusammengesetzt sind. Denken Sie an Social Media oder an Public Relations – beide Begriffe schreiben sich ohne Bindestrich, solange sie für sich stehen, schließlich handelt es sich jeweils um Adjektiv und Substantiv, die auch im Deutschen ohne Bindestrich nebeneinander stehen. Kommt aber ein deutscher Begriff dazu, wird komplett durchgekoppelt: Social-Media-Aktivitäten, Public-Relations-Agentur, Corporate-Identity-Richtlinien. 

Warum die Bindestriche völlig zu Unrecht ein Schattendasein führen, kann ich nur ahnen. Sicher hat das Englische einen großen Anteil, denn dort sind sie eher selten vertreten. Je mehr Einfluss die englische Sprache auf unsere genommen hat, desto mehr schienen auch Bindestriche in Vergessenheit zu geraten. Gerade die Benennung nach Personen – siehe Universitäten – ist allerdings schon deutlich länger in falscher Variante verbreitet. Wenn man sich das Prinzip aber einmal bewusst gemacht hat, ist es gar nicht so schwer.