Zwolle, April 2025. Ein Paar will heiraten, aber keine Trauung nach Schema F. Eine Zeremonie ganz nah am eigenen Leben soll es sein, ein Freund soll deshalb die Rolle des Zeremonienleiters übernehmen. In den Niederlanden kein Problem, solange auch ein offizieller Standesbeamter anwesend ist, der das Geschehen dokumentiert. Der Freund wird allerdings nervös und lässt sich seine Rede von ChatGPT schreiben. Zum Glück trifft der Text den richtigen Ton: Es geht um Zusammenhalten, Lachen, einander nicht loslassen. Das Jawort fällt, die Sektkorken knallen.
Monate später dann die Ernüchterung: Ein Gericht kassiert die Ehe. In der KI-Rede fehlen die gesetzlich vorgeschriebenen Formulierungen – jene ausdrückliche Erklärung, einander als Ehepartner anzunehmen und eheliche Pflichten zu übernehmen. Der Registereintrag muss gelöscht werden, das Drama ist groß.
Natürlich ist das kein Lehrstück darüber, dass wir das Redenschreiben allein den Menschen überlassen sollten. Es zeigt aber, was oft vergessen wird: Reden sind nicht nur vorgelesene Texte, sondern Sprechakte – also durch Sprache vollzogene Handlungen, die Orientierung stiften, Verantwortung markieren und sogar Rechtsfolgen auslösen können. Genau deshalb reicht es in den seltensten Fällen, beim KI-gestützten Redenschreiben mit One-Shot-Prompts und ein paar Nachschärfungen zu arbeiten. Notwendiger Kontext bleibt dabei auf der Strecke, vor allem im professionellen Kontext.
Prompt Chaining nach Cicero
Hilfreich wird es erst, wenn man die Sache strukturierter angeht, den Prozess in überprüfbare Schritte zerlegt und die KI gewissermaßen anleitet: Prompt Chaining ist das Stichwort, also aufeinander folgende Prompts mit Zwischenergebnissen, die jeweils die Basis für den nächsten Schritt bilden.
Für den alten Cicero wäre das keine neue Erkenntnis; der wohl berühmteste Redenschreiber der Geschichte würde vermutlich nur mit den Schultern zucken. Die antike Rhetorik liefert dafür nämlich ein sehr praktisches Äquivalent: die sogenannten Officia Oratoris, also etwa Pflichten des Redners. Gemeint sind eine Abfolge von Produktionsstadien, in denen eine Rede entsteht:
- die Intellectio, die den Auftrag klärt,
- die Inventio, also das Sammeln des Materials,
- die Dispositio, die den Stoff ordnet,
- die Elocutio, das Ausformulieren.
Die einzelnen Schritte werden von den alten Meistern sehr ausführlich beschrieben, und auch heute noch können wir in der modernen Kommunikationsarbeit davon Spurenelemente entdecken. Statt Intellectio, Inventio, Dispositio und Elocutio sprechen wir allerdings von Briefing, Recherche, Storyline und Draft.
Wer diese klassischen Produktionsstadien des Redenschreibens durch Prompt Chaining auf die KI-Arbeit überträgt, bekommt erstaunlich gute Ergebnisse. Vor allem, wenn man die Zwischenresultate als Dokument in einem CustomGPT hinterlegt, das mit einem Redenschreiber-Systemprompt arbeitet.
Am besten beginnt man dabei mit der Intellectio: Was ist der Anlass – und was steht tatsächlich auf dem Spiel? Wer hört zu, welche Erwartungen und Widerstände sind im Raum, welche Rolle darf ich als Redner einnehmen?
Übertragen auf die moderne Kommunikationsarbeit ist Intellectio also nichts anderes als ein sauberes Briefing für ein klares Kommunikationsziel. Wer ist die Zielgruppe und warum? Welche Wirkung soll eintreten: informieren, beruhigen, mobilisieren, rechtfertigen, würdigen? Welche Leitplanken gelten: Zahlen, Zusagen, Tabus, Compliance, interne Befindlichkeiten? Sätze, die unbedingt fallen müssen? Eine Rede scheitert heute selten an fehlenden Worten, aber oft an einem unklaren Wozu, Wovor oder Womit. KI sollte in diesem Schritt also erstmal beim Klären helfen, als direkt mit dem Schreiben zu beginnen.
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Wenn die Sache klar ist, folgt die Inventio: die Phase des Findens. Der Redner sammelt alles, was die Rede tragen kann – Argumente, Beispiele, Vergleichsfälle, Autoritäten, Definitionen, Einwände und Entkräftungen. Klassisch geht es um Beweismittel: Was spricht für meine These? Was spricht dagegen? Wo liegen die stärksten Gründe, und wie sichere ich meine Glaubwürdigkeit und die emotionale Anschlussfähigkeit, ohne die Logik zu verlieren?
Übertragen auf moderne Kommunikation ist Inventio die Recherche- und Materialphase. Also Kernaussagen identifizieren, Faktenlage prüfen, passende Beispiele finden, mögliche Angriffsflächen erkennen – und die Bausteine so wählen, dass sie zur Zielgruppe und zur Rolle des Redners passen. Dazu gehört auch die Antizipation: Welche kritische Nachfrage kommt im Q&A, in den Medien oder im Intranet? Wo droht Missverständnis, wo wirkt eine Formulierung wie ein Versprechen? Mit einem gut formulierten Recherche-Auftrag an ein fähiges LLM (zum Beispiel Perplexity) oder der Deep-Research-Funktion von ChatGPT kann die KI hier als Suchmaschine genutzt werden. Wichtig ist nur, dass die vermeintlichen Fakten anschließend überprüft werden.
KI nicht einfach machen lassen
Aus den gefundenen Materialien wird dann in der Dispositio eine Dramaturgie: ein strategischer Ablauf, der Aufmerksamkeit erzeugt, Verständnis ermöglicht und Zustimmung wahrscheinlicher macht. Die zentrale Frage lautet: Wann muss welcher Gedanke kommen, damit er wirkt?
Heute kennen wir das als Storyline – also Zuhörerführung unter Echtzeitbedingungen: knappe Aufmerksamkeit, heterogenes Vorwissen, parallele Deutungsrahmen. Hier entscheidet sich, ob eine Rede verstanden, erinnert und weitererzählt wird. Wir brauchen also einen klaren Spannungsbogen, müssen Prioritäten setzen, Übergänge und Wiederaufnahmen planen, Einwände antizipieren und an der richtigen Stelle adressieren. Es lohnt sich, die KI dabei mehrere Vorschläge machen zu lassen, auch mit unterschiedlichen Stoßrichtungen.
In der Elocutio geht es dann endlich an den Text. Hier zählt die Kunst der sprachlichen Ausformung: Wortwahl, Satzbau, Rhythmus, Bilder, Figuren – kurz: der Stil, der Gedanken hörbar macht. Das Ziel ist dabei der rundum angemessene Ton für Anlass, Publikum und Rednerrolle.
Wichtig ist die natürliche Sprechbarkeit: Wie klingt der Redner wirklich? Welche Wörter sind seine eigenen, welche wirken aufgesetzt? Wo braucht es Einfachheit statt Abstraktion, Verben statt Nominalstil, Anwendungsfälle statt Leitbildsprache? Und welche Stilmittel erhöhen die Merkfähigkeit – etwa Anapher, Trikolon, Antithese –, ohne in Floskelpathos abzurutschen? Auch hier sollte man die KI nicht einfach machen lassen. Es ist viel besser, Beispiele zu hinterlegen, kritisch zu überprüfen und das Ergebnis am besten ganz altmodisch nach eigenem Ermessen zu redigieren.
Das ist überhaupt die wichtigste Kompetenz beim Redenschreiben, die uns auch keine KI abnehmen kann: das menschliche Ermessen, ob das geschriebene Wort zur Sache passt. Oder, wie es Cicero in seiner Schrift „De Oratore“ so schön gesagt hat: „Denn was ist so unsinnig wie ein leerer Schall von Worten, wenn sie auch noch so schön und zierlich sind, wenn kein Gedanke und keine Wissenschaft zugrunde liegt?“ Eine rhetorische Frage.