Tunnel und Bühne

Porträt

Abgelegen in Schenefeld bei Hamburg, zwischen Autohäusern und Busbahnhof, steht der größte Röntgenlaser der Welt. Ein Schild weist in eine leere Nebenstraße. Kaum Menschen sind an diesem Novembertag zu sehen. Eine Schranke, ein weiter Platz, die Glastüren zum „Erlebniszentrum“ öffnen sich. Der Blick fällt in ein lichtdurchflutetes Foyer. Sven Kamin wartet bereits. Er sieht aus, wie Follower ihn von Instagram kennen: grünes T-Shirt mit XFEL-Logo, grün-gelbe Sportjacke, Schnauzer. Er trägt Kamera und Stativ, denn er hat gleich einen Fototermin.

Der European XFEL – das „X“ steht für Röntgenstrahlen, „FEL“ für Freie-Elektronen-Laser – ist eine Anlage, die ultrakurze Laserlichtblitze im Röntgenbereich erzeugt. Damit lassen sich Atome sichtbar machen und chemische Reaktionen filmen. Mehr als 600 Menschen aus über 60 Ländern sind auf der internationalen Forschungsanlage beschäftigt. Spitzenforscher legen hier Grundlagen etwa zur Entwicklung von Medikamenten, Materialien oder Speicherchips. Zur Eröffnung 2017 sagte der damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz: Hier können Wissenschaftler Antworten auf Menschheitsfragen finden.

Aber Details kennt man selbst im Nachbarort kaum, wie Sven Kamin sagt. Bekannter ist die Forschung am älteren Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy), einem Teilchenbeschleunigerzentrum in Hamburg-Bahrenfeld. Von dort werden in einem 3,4 Kilometer langen Tunnel die Elektronen bis hierher nach Schenefeld geschossen. Den European XFEL einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, ist Aufgabe der Kommunikation. Sven Kamin kümmert sich als Communications Officer mit Kollegen um Veranstaltungen im Erlebniszentrum, genannt Lighthouse, die Social-Media-Kanäle und die zugehörige Pressearbeit.

„Ich fühle mich als Exot“

Auch Fotografieren gehört zu seinem Job. Gerade orchestriert Kamin eine Gruppe Forschender auf der Foyertreppe zu einem X. 20-mal drückt er auf den Auslöser, dann ist das Shooting vorbei. Die Bilder muss er heute noch bearbeiten, denn morgen will er nach Dublin zum Slamovision, dem Poetry-Slam-Contest der Unesco. Dort wird er gegen 16 Künstler aus aller Welt antreten.

Kamin ist mehrfach ausgezeichneter Poetry Slammer, außerdem Bühnenautor, Band-Sänger und Veranstalter. In Wedel, wo er mit Frau und Tochter lebt, ist er eine feste Größe im Stadtleben. Omnipräsent, wie eine Wegbegleiterin sagt.

Seine Slams sind rhythmisch und schnell. Eilig führt Kamin auch durch das Lighthouse. Auf dem Weg in sein Büro biegt er in die interaktive Ausstellung ab. Sie befindet sich in einem schwarzen, von violetten LED-Lichtern durchzogenen Raum. An einem Röntgenlaser-Modell bleibt er stehen. Kamin will erklären, warum die Anlage so groß ist. Mit beiden Händen kurbelt er kräftig an Dreharmen, bis das maximale Energielevel erreicht ist: „High Energy“ erscheint auf einem Bildschirm. Dann fliegen simulierte Elektronen durch einen langen Tunnel, erreichen nahezu simulierte Lichtgeschwindigkeit und erzeugen schließlich simuliertes Röntgenlicht, das auf ein Objekt trifft. Schweiß perlt auf der Stirn. Kamin zeigt auf das Ergebnis: eine klare Aufnahme. Die Molekülstruktur des Objekts ist in allen Details zu erkennen.

Nur mit sehr viel Energie lassen sich die Elektronen auf die nötige Geschwindigkeit bringen. Nur so kommt Röntgenstrahlung zustande, die eine atomare Auflösung ermöglicht. Und dafür braucht es eine Anlage dieser Größenordnung. Der Einsatz hat sich gelohnt. Kamin ist außer Puste.


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Sven Kamin macht seinen Job gern. Vielleicht auch deshalb, weil er hier als Poetry Slammer geschätzt wird. Er durfte bei der offiziellen Eröffnung des Lighthouse auftreten. In Dublin wird er eine Roboter-Satire vortragen, zu der er ein Video im Tunnel des European XFEL gedreht hat. Kommunikatoren kennen das Stück bereits vom Kommunikationskongress, auf dem Kamin ebenfalls einen Auftritt hatte. Sein Chef und Kommunikationsleiter Bernd Ebeling unterstützt ihn: „Mit seinen Auftritten trägt er dazu bei, unsere Einrichtung auch außerhalb der Forschung bekannter zu machen.“

Kamin sei ein „kreativer Macher“, der mit einem Abschluss in Geschichte und englischer Literatur eine andere Perspektive einbringe. Auch unter den Kommunikatoren am XFEL gibt es einige promovierte Naturwissenschaftler – in Chemie oder in Astrophysik beispielsweise. Kamin, der schon dadurch auffällt, dass er auf seinem Profilfoto auf der Presse-Website schräg nach oben schaut, sagt: „Als Geisteswissenschaftler fühle ich mich in diesem hochnaturwissenschaftlichen Umfeld als Exot.“ Er sagt aber auch: „Wenn man nicht alles weiß, ist das manchmal auch gut.“

Der 49-Jährige hat eine für Kommunikatoren recht klassische Vita. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachsen, volontierte und arbeitete er erst bei der „Nordwest-Zeitung“, dann als freier Journalist. Anschließend wechselte er in eine Corporate-Publishing-Agentur in Hamburg und später als Pressesprecher zur Stadt Wedel. Im Herbst 2024 kam Kamin mit der Eröffnung des Erlebniszentrums Lighthouse nach Schenefeld.

Mit Geschichten kriegt man ihn

Nach einem Stopp in seinem schlichten Büro, in dem allerhand herumsteht und wo er sein Equipment ablädt, geht es weiter in die Experimentierhalle zwanzig Meter unter der Erde. Dort, wo gerade wegen einer Wartung zusammengerollte Kabel herumliegen, durchleuchten Forscher gewöhnlich Viren oder filmen flüssigen Kohlenstoff – ein nahezu unmöglicher Zustand, wie Kamin sagt. Immer wieder spricht er davon, wie „abgefahren“ oder „irre“ etwas sei. „Die Wissenschaftler würden sagen, sie machen nur ihre Arbeit, dabei ist das eine große Sache. Diese Geschichten muss man erzählen.“

Mit Geschichten kriegt man ihn. Schon als Sechsjähriger fertigte er aus einem Blatt Papier eine Zeitung, mitsamt Text und Bildern. Später schrieb er für die Schülerzeitung. Dass er einmal Journalist werden könnte, fiel ihm damals aber nicht ein. Geschichten erzählte er auch auf der Bühne, in Theater-AGs und als Student in Theaterprojekten. Er braucht die Bühne als Ventil, sagt er. Als er dann Zeitungsredakteur wurde, fehlte ihm das. Irgendwann probierte er Poetry Slam aus, und es funkte. Jetzt konnte er seine „Mini-Dramen“ selbst schreiben und auf der Bühne performen.

Kamin gehe viele Sachen anders an als seine oft verkopften Kollegen, sagt jemand aus dem Team. Er hatte zum Beispiel die Idee mit den Dominosteinen im Foyer: Viele Familien bauen gemeinsam eine große Bahn und lernen dabei spielerisch physikalische Grundlagen. Genauer: was es mit dem Schwerpunkt auf sich hat und wann Energie schneller oder langsamer übertragen wird. Und sie lernen, dass Wissenschaft Teamarbeit ist.

Dass er sich selbst erst einmal in die Themen einarbeiten muss, nennt Kamin seine „Superpower“. Schon als Pressesprecher der Stadt Wedel, wo er mit Verwaltungsparagrafen konfrontiert wurde, musste er sich durchfragen. Als Poetry Slammer versucht er, komplexe Sachverhalte in Bilder zu übertragen, so wie mit den Dominosteinen. Er hat sich dafür sogar einen Begriff ausgedacht: „Commagination“ – die Verschmelzung von Kommunikation und Imagination. Das Spielerische definiert er als seinen Ansatz. Nur die Umsetzung, sagt er, müsse professionell sein.

Dabei denkt er an Vorbilder wie Peter Lustig oder „Die Sendung mit der Maus“. Aber auch an den Historiker Guido Knopp, bei dessen ZDF-Sendung er einmal ein Praktikum gemacht hat. Knopps Leistung sei gewesen, wissenschaftliche Themen für eine größere Zielgruppe aufzuschließen. Kamin möchte das auch. Aus dem Erlebniszentrum soll ein Begegnungszentrum werden. Bislang gibt es Workshops für Schulklassen, die Ausstellung und Führungen. Kamin denkt an Science Slams und will noch mehr Veranstaltungen „mit Strahlkraft“. Für ihn ist die Forschungsanlage eine große Spielwiese, auf der er sich austoben darf. Er hat hier noch viel zu erzählen.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Kamin steht wieder im Foyer. Er verabschiedet sich, um endlich die Fotos zu bearbeiten. Er freut sich auf Dublin und seinen Auftritt. Am Ende wird er den zweiten Platz belegen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #International. Das Heft können Sie hier bestellen.

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