Wenn die Trägheit der Weihnachtszeit überwunden ist und auf den Jahresauftakt wieder die Realität des Arbeitsalltags folgt, schlägt rhetorisch regelmäßig die Stunde der Tat: „Wir müssen jetzt ins Umsetzen kommen!“ Mit großer Zuverlässigkeit taucht diese oder eine ähnliche Formulierung in Workshops, Management-Rundmails oder am Ende von Strategiepräsentationen auf. Solche Phrasen verraten vor allem eins: dass bislang sehr viel geredet wurde, aber die Umsetzung noch in weiter Ferne liegt. Dabei soll der Satz eigentlich Aufbruch und Entschlossenheit symbolisieren. Der Appell ersetzt die Entscheidung. Es ist Tatkraft im Konjunktiv.
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Mit derartigen Formulierungen kopieren die Corporate Communications ein Muster, das die Politik vorlebt. Je unklarer die Sache, desto energischer wird der Ton. Besonders deutlich war das in der Politik vor einigen Wochen im Zuge der Eskalation des Grönland-Streits zu beobachten. „Jetzt geht es darum, dass wir diese Führungsrolle annehmen und ausfüllen“, gab sich Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) im „Spiegel“-Interview schneidig. Und reihte sich ein in den Chor der vielen, die den Evergreen „Europa muss souveräner werden“ in der Playlist der öffentlichen Debatte wieder ganz nach oben spülten.
Das kleine Wörtchen „jetzt“ ist dabei zum Schlüsselrequisit geworden. Es markiert forsche Dringlichkeit, ohne Verbindlichkeit zu schaffen. Es sagt ausdrücklich nicht, wann es denn endlich losgeht mit dem seit Jahren erfolglos herbeizitierten Europa auf eigenen Füßen. Sondern nur, dass man es jetzt endlich ernst meint. Die Geste ist klar, der Inhalt nicht. Willkommen im Land der fast sofort beginnenden Maßnahmen!
Hier und jetzt
Gemeinsam ist diesen und ähnlichen Formulierungen wie „Wir werden jetzt liefern“ ihre grammatikalische Verortung: das Futur. Wie bei Ursula von der Leyens Reaktion auf die neuerlichen Zolldrohungen aus Washington: „Unsere Antwort wird unerschrocken, geschlossen und angemessen sein“, sagte die Präsidentin der EU-Kommission. Die Zukunftsform ist das süße Gift der Organisationssprache: Handeln wird lediglich unkonkret angekündigt, aber nicht vollzogen. Und Verantwortung auf ein vages Morgen verschoben. Das Futur ist fatal, weil es Bewegung suggeriert, ohne Bewegung zu verlangen. Ähnlich der Mitgliedschaft im Fitnessstudio, in das man nächste Woche jetzt aber wirklich einmal hingehen werde.
Diese Sätze sind nicht falsch, aber bequem. Weil sie Taten simulieren, ohne sich festzulegen. Das ist selbstverständlich Absicht – in der Unternehmens- wie in der Politikkommunikation. Die Formulierungen beruhigen, obwohl eigentlich entschieden und angepackt werden müsste. Echte Entschlossenheit kommt meist erstaunlich unprätentiös daher – in Gummistiefeln beispielsweise. Entschlossenes Handeln benennt Zuständigkeiten, setzt Termine und spricht vor allem im Präsens.
In den 1980er-Jahren lief im ZDF eine Serie, in der das Raumschiff „Comet“ gegen das Böse im Weltall kämpft. Der Kommandant hatte die irritierende Angewohnheit, noch in den brenzligsten Situationen zunächst umständlich anzukündigen, was er tun würde, und es erst danach zu tun: „Achtung, ich werde jetzt die Tür aufschießen!“ Sein Name war „Captain Future“. Der passte wie die Faust aufs Auge. Trotzdem gab es einen entscheidenden Unterschied zu dem, wie viele Menschen Politik und Wirtschaft heute erleben: dass Captain Future seinen Worten auch Taten folgen ließ.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Skills. Das Heft können Sie hier bestellen.