Die Kathedrale taucht überraschend auf. Da fährt man durch einen unansehnlichen Industriepark am Rande Schwäbisch Gmünds – im Hintergrund die Berge der Schwäbischen Alb – und plötzlich erscheint hinter einer Kuppe ein imposanter Industriebau. Drei Baukörper, in Beige und Braun gehalten, aber von selbstbewusster Höhe. Teils liegen sie unterirdisch, teils sind sie mit einer Brücke verbunden. Hier hat die Naturkosmetikfirma Weleda vor anderthalb Jahren ihre Logistik zentralisiert – und quasi en passant ein wegweisendes Stück Industriearchitektur geschaffen.
Das neue Logistikzentrum, der Cradle Campus, gilt in der Welt des industriellen Bauens als vorbildlich. „Wir wollen zeigen, dass Logistikbauten sowohl nachhaltig als auch architektonisch anspruchsvoll sein können“, sagt Sprecherin Alexandra Klotzbücher, während wir über die naturnah und biodivers gestaltete Dachterrasse zwischen Verwaltungsbau und Funktionsgebäuden flanieren. Ein Industriebau als Vorbild für die Branche – das wird in den kommenden Jahren wichtig werden, denn im Zuge der KI-Revolution werden überall im Land neue Rechenzentren entstehen. Die schnöden Nutzbauten brauchen architektonische Vorbilder.
Daneben geht es für Weleda darum, die eigene Markenhaltung räumlich umzusetzen. Und da Weleda – Firmenwerte sind unter anderem Ganzheitlichkeit, Verantwortung, Vertrauen – sich als ökosozial sensible Company versteht, ist der nachhaltige Campus mehr als bauliche Pflichterfüllung. Er demonstriert, dass die Markenwerte gelebt werden.
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Zugleich ist der neue Campus, rund zehn Autominuten vom Gründungssitz in Schwäbisch Gmünd entfernt, eine Plattform für Dialoge mit verschiedenen Stakeholdern. Partnerunternehmen oder befreundete Mittelständler wie Würth besuchen das Gelände, um sich Inspiration zu holen. Neulich kam eine Gruppe dänischer Architekten vorbei. Touren über das Gelände organisiert das Unternehmen noch nicht, obwohl die Nachfrage da wäre. „Regelmäßige Führungen sind aktuell nicht vorgesehen, da unser Fokus klar auf dem operativen Betrieb liegt. Einblicke ermöglichen wir daher sehr gezielt und anlassbezogen“, sagt Klotzbücher.
Für das Unternehmen ist die Location nicht nur ein bauliches Statement, sondern zugleich ein Stück Effizienzerhöhung. Die Firma wächst, im Jahr 2024 verzeichnete man einen Umsatz von 456,2 Millionen Euro. Da muss die Logistik mitwachsen. Das neue Hochregallager funktioniert vollautomatisch und bietet Platz für über 17.000 Paletten. Etwa 2.000 Lkw sind im vergangenen Jahr hier an- und abgefahren. Den Andockpunkt ans Gebäude haben die Architekten der Michelgroup dabei in eine leichte Vertiefung gelegt. So werden die Nachbarn akustisch weniger gestört.
Gefallen und auffallen
Dieser Campus will gefallen. Er will auch auffallen, aber nicht stören. Er ist bewusst so gestaltet, „dass er sichtbar ist, sich aber zugleich sensibel in die Umgebung einfügt“, sagt Sprecherin Klotzbücher. „Die positive Resonanz aus der Nachbarschaft bestätigt uns darin.“
Das Wohlwollen der Nachbarn könnte künftig noch wichtiger werden. Auf dem Gelände mit insgesamt 72.000 Quadratmetern ist noch Platz. Nicht auszuschließen also, dass Teile der Produktion irgendwann hierherziehen oder eine Erweiterung der Logistikgebäude erfolgt.
Für Weleda bedeutet der Campus auch ein Stück weit Back to the Roots. Der offizielle Firmensitz ist inzwischen in der Schweiz, aber seine Wurzeln hat das Unternehmen auf der Schwäbischen Alb. 1921 begann in Schwäbisch Gmünd die industrielle Produktion von Heil- und Körperpflegemitteln. Ein Jahr später wurde dort der erste „Heilpflanzengarten“ angelegt. Heute bauen sie in weltweit acht Weleda-Gärten biologisch-dynamisch Heilpflanzen an. Das klingt etwas anthroposophisch – und ist es auch. Die anthroposophischen Ideen von Rudolf Steiner sind eng mit der Company verknüpft.
Dazu passt die kreislauforientierte Architektur des Cradle Campus. Das Regalsystem des Hochregallagers besteht aus heimischen Hölzern. Rund 5.800 Kubikmeter Holz, darunter Fichte und Weißtanne, wurden hier verbaut. Diese Entscheidung hat nicht nur ästhetische Vorteile, sondern spart auch 2.600 Tonnen CO2 ein. Vor allem aber hat man – Cradle to Cradle eben – einen eventuell mal anstehenden Rückbau gleich mitgedacht. Das gilt für die verwendeten Hölzer, aber auch für den Stampflehm, der die architektonisch gelungene Basis für die ersten zwei Geschosse des Lagers bildet. Mit einer Grundfläche von 81 mal 38 Metern ist es Deutschlands größter zusammenhängender Stampflehmbau.

Lehm spielt eine zentrale Rolle als Baumaterial. Genauso wie heimische Hölzer im Hochregallager. © Elias Hassos
Dass man mit Lehm tatsächlich in Deutschland bauen kann, ist bemerkenswert. Primär wird das Baumaterial an Universitäten gern herangezogen, um mit Studierenden moralgesättigte „Von Afrika lernen“-Seminare zu veranstalten. Real damit gebaut wird selten. Allerdings muss man sich derlei leisten können. „Natürlich ist eine solche nachhaltige Bauweise mit höheren Investitionen verbunden. Wir sind aber überzeugt, dass sie sich langfristig ökologisch und wirtschaftlich auszahlt“, sagt Alexandra Klotzbücher.
Ohne den anspruchsvollen baulichen Ansatz jedenfalls hätte es nicht die vielen Preise gegeben, die das Unternehmen im Verwaltungsbau, durch den man die Anlage betritt, selbstbewusst ausstellt. Von der Fachzeitschrift „Polis“ gab es einen Award in der Kategorie „Ökologische Wirklichkeit“. Das motiviert intern, stärkt aber auch die Präsenz der Marke bei kreativen Zielgruppen.
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