Sieben Mal Gold fürs Storytelling

Olympia in Italien

Olympia hatte für mich über Jahrzehnte einen abgestandenen, bitteren Geschmack. 1984 stand ich nachts auf, um „den Albatros“, Schwimmer Michael Groß, fliegen zu sehen. Danach jedoch kamen und gingen die Goldhelden, es blieben Funktionärs-Machenschaften. Austragungsorte entfachten oft keine Begeisterung mehr. Schon gar nicht im Winter, wenn der Kunstschnee rieselte. Dazu gab es in vielen Sportarten jährliche Weltmeisterschaften, sodass sich die Frage aufdrängte: Was soll das Ganze überhaupt?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber seit dem farbenprächtigen Spektakel von Paris 2024 ist das bei mir anders. Und zu meiner Überraschung erst recht bei diesen Winterspielen. Ich bin begeistert. Was sich derzeit in Mailand und Cortina abspielt, ist ein Storytelling-Spektakel, das seinesgleichen sucht. So werden binnen Tagen Themen bespielt und Affekte freigesetzt, die für ein Jahr reichen. Jede Menge Inspiration für Kommunikatoren und Marketeers.

1. Haltung

Kein Großereignis ohne die Frage, wie politisch der Sport sein darf. Was einst das Stadion in Regenbogenfarben war, ist diesmal ein Helm mit den Gesichtern von Kriegsopfern. Nur heulen bei diesen Winterspielen sogar die Funktionäre und verzweifeln an ihrem eigenen Regelwerk, das zum Ausschluss des ukrainischen Bobfahrers Vladyslav Heraskevych führte.

2. Pathos

Was sich in Norwegens Biathlon-Team abspielte, hatte die Welt so noch nicht gesehen. Da findet Johan-Olav Botn seinen Freund und Mannschaftskameraden Bakken im Dezember tot im Hotelzimmer, ist wochenlang kaum in der Lage zu trainieren, um dann triumphal zu Gold zu laufen. „Sivert, wir haben es geschafft“, schickt er ihm einen Gruß in den Himmel und sagt: „Am Ende haben wir die Ziellinie gemeinsam überquert. Ich hoffe, dass er stolz auf meine Leistung ist.“ Wem da nicht die Tränen kommen, der lebt nicht.

3. Betrug

Botn-Teamkollege und Bronzegewinner Sturla Holm Laegreid lässt dagegen ganz anderen Emotionen freien Lauf. Er gesteht vor laufender Kamera einen Seitensprung und will seine Ex-Partnerin zurück. Es hagelt Kritik, wie könne er sich so in den Vordergrund drängen und Botn die Show stehlen.

4. Heldenreise

Apropos Show stehlen: Kaum jemand sprach nach der alpinen Abfahrt der Damen von Siegerin Breezy Johnson, alles aber von der gestürzten Lindsey Vonn. Die einen feierten eine fast perfekte Heldenreise, Mutter aller Erzählmuster. Die anderen echauffierten sich über den aus ihrer Sicht absoluten Irrsinn einer 41-Jährigen, wenige Tage nach einem Kreuzbandriss bei Olympia anzutreten.


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5. Empörung

Zu einer relevanten globalen Veranstaltung gehören auch Beschimpfungen durch Donald Trump. Der bezeichnete einen amerikanischen Ski-Freestyle-Olympioniken als „Looser“, nur weil der nicht mit allem einverstanden ist, was sich derzeit in den USA abspielt. Einen eigenen Athleten derart zu kategorisieren, gehört zu den diversen Eigenarten des amtierenden US-Präsidenten, macht diese Spiele auf der anderen Seite aber auch unique.

6. Mega-Influencer

So viele Millionen-Follower-Stars hatten Winterspiele noch nie. Jutta Leerdam, Eisschnelllauf-Ass der Niederlande, ist die Instagram-Königin mit sechs Millionen Followern. Ihr Verlobter, US-Boxer Jake Paul, kommt gar auf fast 29 Millionen. Er weinte vor Freude auf der Tribüne über Leerdams 1000-Meter-Gold. Nun gehen Hochzeitsgerüchte um und verdrängen allmählich den Shitstorm um Leerdams Anreise im Privatjet. Der Stoff, aus dem Influencer-Marketing-Träume sind.

7. Konstruktive News

Bei Olympia steht – es sei denn, man heißt Vonn – der Sieger klar im Vordergrund. Olympia kreiert vor allem positive Momente. Das unterscheidet es vom Fußball, wo sich viel um die Frage dreht, warum xy so schlecht performt hat. Und bei Olympia wird auch mal hemmungslos gefeiert. Das Deutsche Haus in Cortina ist derzeit das Tollhaus der Nation.

Jede Menge Stoff also. Und wir haben erst eine Woche hinter uns. Schalten Sie also ein für die nächsten Storys. (Machen übrigens erfreulich viele.)

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