Grün ist nicht gleich Grün. Das gilt in der Kunst, aber auch bei der Gestaltung von Büroflächen. Dass ein bisschen Grün heute dazugehört, wissen Unternehmen. Sie verteilen deshalb oft gelangweilt ein paar Pflanzen über ihre generischen Flächen. Und dann gibt es den neuen Campus von Schwarz Digits. Auf dem gerade eröffneten Areal des IT- und Digitalunternehmens in Bad Friedrichshall setzt man auch auf Grün – aber anders. Pflanzen sind hier kein schmückendes Beiwerk, sondern gehören zum Kern der Gestaltung. Ein regelrechtes Dschungel-Ambiente prägt den begehbaren zentralen Platz des Ensembles. Kleinere grüne Oasen lassen sich aus den fünf Einzelgebäuden sehen und betreten. Hier wurden offenbar Architektur und Landschaft zusammen gedacht und entwickelt.
Dass das so ist, habe einen HR-strategischen Sinn, sagt Andra Rupietta, Chief Human Resources Officer bei Schwarz Digits. „Bei uns arbeiten IT-Talente aus aller Welt, und zwar in einem Umfeld, das sich extrem schnell verändert. Mit dem vielen Grün wollen wir einen Kontrapunkt setzen und unseren Talenten die Möglichkeit bieten, mal durchzuatmen.“ Dieser Ansatz spiegelt sich auch in der Farbwahl des Anfang April eröffneten Areals wider, welches das Kölner Architekturbüro JSWD gestaltet hat. Warme, erdige Töne dominieren. Mitunter fühlt man sich an Flughafenarchitektur aus den 1960ern erinnert. Dazu passt, dass der Campus auf organische Formen setzt und der immer noch vorherrschenden Bürobaukonvention widerspricht. Streng quadratisch ist auf diesem Campus, der erst einmal für rund 3.500 Mitarbeitende ausgelegt ist, wenig.
Asymmetrien für High Potentials
Stattdessen finden sich überall abgerundete Ecken, Asymmetrien und kreisförmige Wegführungen. Die Einzelgebäude sind per überdachter Magistrale miteinander verbunden. Nicht ausgeschlossen, dass die High Potentials mal den einen oder anderen Meter mehr laufen müssen – oder sich sogar mal verlaufen werden. Das ist absichtlich auf diese Weise angelegt. Rupietta: „So entstehen zufällige Begegnungen, die zu Kommunikation und im Idealfall auch zu neuen Ideen führen.“
Das ist wichtig für Schwarz Digits, ein Unternehmen, das nicht mehr nur als interner IT-Dienstleister für die Unternehmen der Schwarz Gruppe fungiert, sondern seine Services vor allem in den Bereichen Cloud, Cyber Security, Data und AI, Communication und Workspace auch externen Kunden anbietet. Das Unternehmen hält Anteile an den KI- und Kommunikationsplattform-Anbietern Aleph Alpha und Wire. Mit SAP, Google oder Salesforce werden neue Produkte entwickelt. Aber auch komplett eigene Lösungen wie die Cloud (STACKIT) sind im Angebot.
Letztere stellt hohe Anforderungen an die Kreativität im Haus. Dazu braucht es ein räumliches Umfeld, das kreativitätsfördernd wirkt.
„Gerade für uns als IT- und Digitalsparte ist das wichtig. Wir sind überzeugt: Unser neuer Campus bringt nicht nur die Kolleginnen und Kollegen wieder häufiger zusammen, sondern schafft eine Architektur, die anregend und verbindend wirkt. Ungewöhnliche Perspektiven auf Räumlichkeiten und die umgebende Natur verändern nicht nur Blickrichtungen, sondern auch Denkweisen“, sagt Rupietta.
Das hilft auch, Standortnachteile auszugleichen. Denn mal ehrlich: Wenn die Tech-Talente zwischen San Francisco, London und Bad Friedrichshall bei Heilbronn wählen können, spricht wenig für Letzteres. „Ein Stück weit müssen wir aus der Not eine Tugend machen und uns Urbanität in diesem ländlich geprägten Raum selbst schaffen“, erklärt die HR-Vorständin.

Alexander Gutzmer hat sich den Campus gemeinsam mit Chief Human Resources Officer Andra Rupietta angeschaut. © Schwarz Digits
Dazu gehört eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Ein eigener S-Bahnhof ist momentan im Bau. Aber auch dass viele städtische Funktionen abseits von reinen Büroflächen in den Campus integriert sind: ein Café und Restaurant, aber auch ein mit rougher Gestaltung versehenes Fitnessstudio oder eine firmeneigene Kindertagesstätte, wiederum mit eigener Farbwelt. Der Campus wurde aus einem Guss geplant, schafft es aber, nicht zu ähnlich oder gar langweilig zu wirken. Mitunter verläuft man sich als Besucher auch, aber das geht uns in „echten“ Städten ja auch so.
Klar ist: Eine solch massive räumliche Veränderung begeistere in Unternehmen nie sofort jeden, sagt Rupietta. Mit dem Einzug sei die Skepsis aber weitgehend verflogen. „Mitarbeitende sagen mir: Ich treffe jetzt Leute, die ich vorher seit Monaten nicht gesehen habe. Ein neues Miteinander entsteht.“ Was umgekehrt natürlich auch zeigt, dass es auf Organisationskulturen durchaus einen negativen Effekt hat, wenn Teams zu sehr verstreut sind. Identifikation und Loyalität leiden darunter.
Auch die Bindung bestehender oder die Gewinnung neuer Kunden können architektonisch gestärkt werden. Das gilt zumal für ein Unternehmen, das am Markt noch recht neu ist. „Natürlich wissen noch nicht alle, wofür wir genau stehen. Hier sendet der Campus deutliche Signale. Wir wollen Europa beim Aufbau digitaler Souveränität unterstützen. Diesen Anspruch untermauert die Architektur. Durch die Größe und den optischen Gesamteindruck, aber auch durch bauliche Klarheit und durch Transparenz der Architektursprache.“ Zugleich reiht sich das Engagement ein in viele stadträumliche und infrastrukturelle Investitionen des Schwarz-Ökosystems. Das Paradebeispiel dafür ist vielleicht der Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI), der gerade ein paar Kilometer weiter in Heilbronn entsteht.
Noch direkter als die Schwarz-Digits-Zentrale artikuliert der IPAI: Hier geht es im KI-Kontext um die technologische Führerschaft. Auf dem wohlig unaufgeregten Campus in Bad Friedrichshall hingegen vergisst man mitunter, dass man es mit einem Tech-Konzern zu tun hat. Es blinken und blitzen nicht überall Zahlenkolonnen auf wie auf dem New Yorker Times Square. Einen Medienraum und ein Podcast-Studio gibt es zwar, aber auch sie sind architektonisch integriert und nicht demonstrativ exponiert. Auch die bunte Rutschen-Ästhetik, die man von US-amerikanischen Tech-Konzernen kennt, sucht man vergeblich.
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Wobei – komplett verzichtet man in Bad Friedrichshall nicht auf den Aspekt der „Playfulness“, der Verspieltheit. Er wird vielmehr genutzt, um die Internationalität zu betonen. Jeweils ein kleiner Raum widmet sich der Kultur eines der über 30 Länder, in denen die Unternehmen der Schwarz Gruppe aktiv sind. Im „Schweden-Raum“ finden sich beispielsweise nicht nur skandinavische Landschaftsaufnahmen, sondern auch ein Minigolffeld, in Anlehnung an die Golfplatzkultur hoch im Norden Europas.
Und ein wenig futuristische Symbolik findet sich dann doch. Im Restaurant kann man sich sein Essen von einem volldigitalen Roboterkoch präparieren lassen. Ist das nur ein Symbol oder ein Experiment für die Zukunft der Gastro-Szene? Vielleicht ein wenig von beidem. Jedenfalls passend zu einem Unternehmen, das sich anschickt, im Konzert der globalen Tech-Anbieter mitzuspielen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Social. Das Heft können Sie hier bestellen.