KOM: Inwieweit sollten Corporate Influencer private Meinungen äußern, die konträr zu den Aktivitäten ihres Arbeitgebers sind?
Der gezielte Einsatz von Corporate Influencern, insbesondere in Fragen der Nachhaltigkeitskommunikation, birgt enormes Potenzial. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass er auf der Grundlage klar definierter Leitlinien, einer fundierten Schulung und einer wertbasierten Einbettung in die Gesamtkommunikation des Unternehmens erfolgt.
Dass kein Unternehmen in sämtlichen Bereichen vollumfänglich nachhaltig agiert, ist eine Realität, der man sich stellen muss, besonders im Sinne der Glaubwürdigkeit. Gerade deshalb halte ich es für bedeutsam, dass Corporate Influencer nicht zu bloßen Sprachrohren eines idealisierten Selbstbilds des Unternehmens benutzt werden, sondern als reflektierte Persönlichkeiten mit Haltung wahrnehmbar bleiben. Nur so wirkt ihre Kommunikation auch authentisch.
Übergeordneter kommunikativer Rahmen
Private Meinungsäußerungen, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Aktivitäten des eigenen Arbeitgebers erkennen lassen, können, sofern sie sachlich, konstruktiv und im Geiste des Dialogs formuliert sind, sogar zur Stärkung der Unternehmensreputation beitragen. Voraussetzung hierfür ist, dass diese Stimmen nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern in einen übergeordneten kommunikativen Rahmen eingebettet sind.
Eine Kultur der Offenheit, die auch Ambivalenzen zulässt, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Reife. Gerade in einem Themenfeld wie Nachhaltigkeit, das sich kontinuierlich weiterentwickelt, dürfen Corporate Influencer den Mut haben, Widersprüche zu benennen – nicht als Anklage, sondern als Anstoß für Transformation.
Entscheidend ist die strategische Stringenz: Persönliche Meinungen sind dann ein Gewinn, wenn sie mit Verantwortungsbewusstsein artikuliert und in eine langfristige Kommunikationsstrategie eingebettet sind. In diesem Sinne verstehe ich Corporate Influencing nicht als unkritische Repräsentanz, sondern als reflektierte Mitgestaltung unternehmerischer Narrative.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Nachhaltig. Das Heft können Sie hier bestellen.