Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für das Jahr 2024 in Berlin 539.049 Straftaten aus. Darunter sind 117 Fälle von Mord und Totschlag, rund 51.000 Körperverletzungen sowie etwa 2.000 Fälle von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen. Die Aufklärungsquote über alle Delikte hinweg liegt bei 45,5 Prozent.
Nicht nur die Zahl und die Schwere der Straftaten rücken die Polizei Berlin regelmäßig in den Fokus. In Berlin finden auch die meisten Demonstrationen und Staatsbesuche statt – Ereignisse, die mediale Aufmerksamkeit erhalten. Die eskalierende Silvesternacht ist mittlerweile europaweit ein Thema. Anschläge auf die Stromversorgung wie Anfang des Jahres verstärken die Aufmerksamkeit zusätzlich. Nahezu alle führenden in- und ausländischen Redaktionen sind in der Hauptstadt vertreten. Wenn über Straftaten oder Polizeiarbeit berichtet wird, ist Berlin die erste Anlaufstelle.
Entsprechend groß ist das Interesse der Medien an Informationen aus erster Hand: von der Polizei selbst. Zu Verbrechen, Präventionsmaßnahmen und Ermittlungsergebnissen, aber auch zu übergeordneten Themen wie Übergriffen auf Beamtinnen und Beamte oder zur Ausbildung im Polizeiberuf.
Kugelsichere Weste gehört zum Job
Seit November 2024 ist Florian Nath Pressesprecher der Polizei Berlin und damit neben der Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel das Gesicht der Behörde. Nath ist häufig vor Kameras und im TV zu sehen – in Uniform oder auch mal mit kugelsicherer Schutzweste in der Nähe eines Tatorts. Er wendet sich direkt an die Medien. Erkennbar ist er meist an einem „Pressesprecher“-Aufnäher auf der Brust.
Wie wird man Pressesprecher der Polizei? „Ich bin seit etwa 30 Jahren ganz normaler Polizeivollzugsbeamter in der Stadt“, sagt Nath. Im Zuge einer Aufgabenneuverteilung sei er von der Polizeipräsidentin gefragt worden, ob er Sprecher werden wolle. Die Polizei Berlin hat etwa 27.000 Bedienstete. Zuvor war der Beamte unter anderem Leiter der Brennpunktermittlung für besonders kriminalitätsbelastete Orte in Berlin.
Voraussetzung für die Stelle ist eine Tätigkeit im höheren Polizeivollzugsdienst sowie ein abgeschlossenes Masterstudium an der Deutschen Hochschule der Polizei. Teil der Ausbildung sind auch Interview- und Statement-Trainings. Der Umgang mit Medien gehört zum Dienst dazu. „Eine besondere Vorbildung hatte ich für die Aufgabe als Pressesprecher allerdings nicht“, sagt Nath. Er war bereits früher einmal in der Pressestelle tätig. Bevor er seine jetzige Aufgabe antrat, hat Nath noch mal ein umfangreiches Medientraining erhalten.
Hohe Zahl von Anfragen
Die Kommunikationsabteilung der Polizei Berlin ist in drei Stabsstellen gegliedert. Neben der Pressestelle gibt es das Gremienbüro, das parlamentarische Anfragen bearbeitet und die Ausschussarbeit vorbereitet. Hinzu kommt ein Bereich für interne und externe Öffentlichkeitsarbeit, der sich unter anderem mit Imagefragen und Kampagnen befasst. „110 Prozent Berlin“ lautet der Slogan der aktuellen Kampagne.
Nath ist zusätzlich Leiter der Presse-, Medien- und Einsatzkommunikation. Das ist eine der drei Stabsstellen. Zu seinem Verantwortungsbereich gehören die Medienarbeit und das Social-Media-Team. In der Pressestelle arbeiten 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sechs weitere betreuen die Social-Media-Kanäle. Polizeibeamter muss man für diese Tätigkeit nicht sein. Hier sind Tarifbeschäftigte angestellt, deren berufliche Hintergründe sehr unterschiedlich sind. Einige waren zuvor Journalisten und bewarben sich auf entsprechende Ausschreibungen.

Die Kommunikation der Polizei Berlin ist in Stabsstellen organisiert.
Die Zahl der Anfragen von Medien ist hoch. Nath schätzt, dass er und seine Kollegen im vergangenen Jahr rund 4.000 Medienanfragen erhalten haben. Auf Grundlage des Landespressegesetzes ist die Polizei verpflichtet, diese in angemessenem Zeitrahmen zu beantworten. Anfragen beziehen sich mitunter auch auf lange zurückliegende, nicht aufgeklärte Fälle – etwa auf die Ermittlungen zum Verschwinden der 15-jährigen Rebecca Reusch im Februar 2019. Die Polizei arbeitet nach einer „One Voice Policy“. Bedeutet: Für bestimmte Themen, Ereignisse und Straftaten gibt es in der Pressestelle feste Ansprechpartner.
Die Polizei ermöglicht es Medien, Einsätze zu begleiten – „mit dem gebotenen Abstand“, wie Nath betont. Er verweist auf eine Dokumentation mit „Spiegel TV“. „Die Journalisten sind dann so nah dran, wie sie es möglicherweise sonst nicht wären. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.“ Ein erheblicher Teil der Arbeit entfällt auf Community-Management in den sozialen Medien. Die Polizei Berlin ist auf allen relevanten Plattformen vertreten.
X, Whatsapp, Instagram
„Bei Einsätzen informieren wir in der Regel über X, Whatsapp und Instagram als Erstes“, sagt Nath. Zeitgleich oder kurz danach verbreitet die Polizei eine Pressemeldung. „Wir wollen möglichst viele Menschen erreichen.“ Deshalb gibt es diese Vielzahl an Kanälen. Trotz der Abwanderung vieler Behörden und Medien nach der Übernahme durch Elon Musk bleibt X für die Berliner Polizei derzeit „alternativlos“, sagt Nath. „Wir haben auf X weiterhin die höchste Follower-Zahl.“ Auch Facebook sei wichtig. Tiktok spiele bisher vor allem im Recruiting eine Rolle.
Die Polizei beobachtet die sozialen Netzwerke zudem, um Straftaten im digitalen Raum zu erkennen. In Krisensituationen muss die Kommunikationsabteilung in der Lage sein, schnell viele Menschen zu informieren und gegebenenfalls zu warnen – so wie beim Stromausfall Anfang des Jahres zum Beispiel. Die Präsenz der Polizei in Social Media gefällt nicht jedem. Die Mitarbeitenden, die auf X unter ihrem Kürzel posten, werden auf den Plattformen oft beleidigt oder sogar bedroht.
Derzeit läuft ein Polizeieinsatz in der Scheringstr. in #Gesundbrunnen. Hier haben sich gegen 6 Uhr 8 Personen vor die Einfahrt begeben, 6 davon haben sich festgemacht. Unsere Kräfte, einschließlich unserer 1. TEE sind vor Ort und lösen derzeit die Personen.
^tsm pic.twitter.com/Pu9uj3Rtr7— Polizei Berlin (@polizeiberlin) April 30, 2026
X ist weiterhin ein wichtiger Social-Media-Kanal für die Polizei. © Screenshot X/@polizeiberlin
Eine zusätzliche Herausforderung stellen Influencer dar, die keine Journalisten sind und über eigene Kanäle über Polizeieinsätze berichten, aber auch gerne Gerüchte streuen. Die Polizei selbst arbeitet inzwischen intensiv mit Videos. Gedreht wird eigentlich nur noch mit Mobiltelefonen. Im Team gibt es zusätzlich Fotografen und Layouter.
„Unser Ziel ist es, die Öffentlichkeit schnell, transparent und nachvollziehbar über unsere Arbeit zu informieren“, erklärt Nath. Das bedeute vor allem, darzustellen, was die Polizei konkret tut – und zugleich zu vermitteln, dass niemand in der Stadt ständig Angst haben müsse, Opfer einer Straftat zu werden. Die Polizei ist maßgeblich verantwortlich dafür, wie sicher sich die Menschen in einer Stadt fühlen.
Der Anspruch sei es, bei Einsätzen möglichst direkt von Ereignisorten zu berichten. Das erhöhe die Authentizität und ermögliche es den Pressesprechern, sich unmittelbar mit den ermittelnden Kollegen auszutauschen sowie sich einen eigenen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Andernfalls drohe ein Stille-Post-Effekt. Zentrale Informationen könnten verloren gehen.
Live vor Ort
Das Presseteam ist vor allem dann vor Ort, wenn Straftaten, Unfälle oder andere Ereignisse eine bestimmte Schwere erreichen und ein erhöhtes Medieninteresse absehbar ist – etwa bei Tötungsdelikten, schweren Verkehrsunfällen oder Havarien. Auch an Silvester oder am 1. Mai berichtet die Polizei direkt vor Ort.
Zwar ist es heute nicht mehr möglich, den Polizeifunk abzuhören. Dennoch haben Journalisten eigene Wege gefunden, um frühzeitig von Einsätzen zu erfahren. Es gibt Apps, die Hinweise auf Notrufe geben. Zudem lässt sich beobachten, wohin sich Rettungsdienste, Feuerwehr, Polizeifahrzeuge oder Polizeihubschrauber bewegen. In der Serie „Babylon Berlin“ und in den dazugehörigen Büchern, die in den 1930er-Jahren spielen, ist etwa von einem „Mordauto“ die Rede. Fährt das raus, ist klar, dass es ein schweres Verbrechen mit einer Leiche gab. Auch heute können Journalisten, die mit der Materie vertraut sind, anhand bestimmter Fahrzeuge Rückschlüsse auf die Art eines Einsatzes ziehen.
Fernsehsender wie RTL/ntv, Welt TV oder die Nachrichtenagentur dpa mit ihrem Videoteam seien regelmäßig schnell vor Ort, erklärt der Polizeisprecher. Über bestimmte Ereignisse berichten auch das türkische oder italienische Fernsehen, die BBC oder Sender aus dem arabischen Raum. Medien wie der „Tagesspiegel“, „Bild“, „B.Z.“ und die „Berliner Morgenpost“ ebenfalls.
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„Wenn wir vor Ort sind, können wir möglicherweise auch darauf einwirken, was gesendet und berichtet wird“, sagt Nath. Vor allem helfe diese Vor-Ort-Präsenz dabei, dass sich keine Falschinformationen und Gerüchte verbreiten. „Die größte Herausforderung ist, valide Informationen zu erhalten und dann so aufbereitet herauszugeben, dass der Nachrichtenwert nicht abnimmt, obwohl man die Nachricht filtern musste.“
In der Praxis bedeutet das, Informationen auch mal vor der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Durch zu leichtfertige Äußerungen könnte die Polizei viel Schaden anrichten: exklusives Täterwissen verbreiten, mögliche Tatverantwortliche unbeabsichtigt warnen oder Einfluss auf ein mögliches Strafverfahren nehmen. Neben der Kommunikation zu Einsätzen existiert eine jahreszeiten- und themenabhängige Planung. Im Herbst informiert die Polizei jedes Jahr über Verkehrssicherheit und Einbruchsprävention. Vor Silvester steht das Thema Pyrotechnik im Fokus.
Auf den Social-Media-Kanälen fällt auf, dass die Polizei mit Humor arbeitet – ein Balanceakt. Auch wenn einzelne Straftaten oder Ereignisse skurril erscheinen, gibt es in der Regel Geschädigte. Zudem hat eine Gefängnisstrafe für Täter erhebliche Auswirkungen auf deren weiteres Leben. Das ist eigentlich nicht das richtige Umfeld für Witze. „Humor hat seine Grenzen, wo es um persönliche Betroffenheiten geht oder jemand eventuell identifizierbar wäre“, betont Nath. „Wir würden uns nie über Dinge lustig machen, wenn es um Victim Blaming geht oder der Humor zum Nachteil der Opfer von Straftaten wäre.“
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Skills. Das Heft können Sie hier bestellen.