Ich will in dieser Kolumne nicht nur nörgeln. Deshalb habe ich mir angeschaut, was passiert, wenn die Politik ihren Bürgern mal etwas Gutes tun will: in Form des Tankrabatts. Also die vielen hundert Euro, die wir in den vergangenen Wochen zusätzlich im Geldbeutel hatten. Okay, kleiner Scherz. Tatsächlich war die Maßnahme so wirksam wie ihre kleine, unscheinbare Schwester, die 12-Uhr-Regel – nämlich so gut wie gar nicht. Ein paar Cent weniger pro Liter und zeitlich befristet – das war es dann auch schon.
Aber kommunikativ das komplette Gedeck. „Wettbewerb an der Tankstelle durchsetzen – Verbraucher und Unternehmen stärken“ lautete schon der überhitzte Titel einer „Aktuellen Stunde“ Mitte März im Deutschen Bundestag. Ganz so, als würde hier nicht über temporäre Preisbewegungen im Bonsai-Maßstab gesprochen, sondern die Neuordnung des Kapitalismus an der Zapfsäule verhandelt. Höher konnte die Latte kaum liegen, oder?
Doch! Und das ging sogar ganz einfach. Man musste nur wie der hessische Ministerpräsident Boris Rhein fordern: „Jeder Cent des Tankrabatts muss ankommen.“ Markig, streng, moralisch aufgeladen. Als hinge an Centmünzen die Stabilität der gesamten Republik.
Dass die Entlastung dann angesichts endloser Debatten, Kommentare und zahlloser Überarbeitungen von Entwürfen eher überschaubar ausfiel – who cares? In der politischen Kommunikation gilt die Regel: Je magerer das Ergebnis, desto heftiger das sprachliche Trommelfeuer. Ganz nach dem Motto: Wer schon nicht liefert, der muss das wenigstens gut verkaufen.
Aktionismus und Gamechanger
Ein Muster von Übertreibung und Aktionismus, das sich natürlich auch in Corporate Communications beobachten lässt. Ein kleines internes Projekt wurde abgeschlossen? Ganz klar ein „Gamechanger“ oder eine „signifikante Effizienzsteigerung“, die „unseren Way of Work auf ein neues Level hebt“. Für die neue Werbekampagne gibt es noch keine Ergebnisse, aber der Marketingchef will nun mal genau jetzt an die Öffentlichkeit? Kein Problem, Formulierungen wie „Erste positive Effekte sind sichtbar“ oder „Die Kampagne greift“ helfen aus der Patsche.
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Ein Schelm, wer dabei an Tiger und Bettvorleger denkt. In Wahrheit funktioniert der argumentative Zaubertrick dahinter so: Statt im Maßstab von Wirkung sprechen wir lieber in dem von Bedeutung. Und die braucht die Überhöhung. Die 17 Cent des Tankrabatts werden dann zu einem „Signal“, eine kurzfristige Maßnahme zur „Stärkung des Wettbewerbs“. Und warum auch nicht? Was nicht ist, kann ja noch werden. Vor allem wenn man es immer wieder beschwört wie ein Schamane, der mit seinen Ritualen den lang ersehnten Regen herbeitanzt.
Markus Söder bilanzierte, der Tankrabatt scheine zu wirken. „Und wenn es nicht anders geht, könnte ich mir vorstellen, dass wir darüber diskutieren müssen, ihn zu verlängern.“ Ein typischer Söder: vorsichtige Erfolgserzählung, maximal unbestimmt in der politischen Konsequenz.
Ende Juni lief die Spritpreisbremse dann doch aus. Sie ist vor allem eins: ein Lehrstück, wie aus wenigen Cent ganz großes Kino wird. Und das ist in der Politik immer noch die härteste Währung.
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