Die ignorierte Zielgruppe

Markenkommunikation

Die Marketingwelt hat vor allem die jungen Generationen im Blick. Agenturen optimieren Kampagnen für Tiktok und Instagram, Marken jagen kurzlebigen Trends hinterher. Die Generation 50 plus wird dabei oft übersehen. Sie bleibt unsichtbar oder wird klischeehaft dargestellt. Das ist ein gravierender wirtschaftlicher Fehler, denn die sogenannten Silver Surfer sind eine riesige und finanzstarke demografische Gruppe.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ist nach Daten des Statistischen Bundesamts 45 Jahre oder älter. Diese demografische Stärke spiegelt sich direkt in der Wirtschaftskraft wider. So verfügt die Gruppe der über 50-Jährigen über eine jährliche Kaufkraft von rund 720 Milliarden Euro. Sie besitzen zudem das höchste Vermögen. Sie haben ihre Immobilien oft abbezahlt, die Kinder sind aus dem Haus und die Altersvorsorge steht auf sicheren Beinen.

Diese Menschen haben somit freies Kapital und bestimmen den Markt massiv mit. Beispielsweise entfallen heute über 57 Prozent des Umsatzes im Lebensmittelhandel auf diese Altersklasse. Trotzdem fließt der Großteil der Werbebudgets in Segmente mit deutlich geringerem Budget.

Das Mittendrin-Gefühl verstehen

Das Hauptproblem moderner Kampagnen ist zudem die falsche Ansprache. Viele Marken kommunizieren komplett an den realen Bedürfnissen von Silver Surfern vorbei. Die psychologische Tiefenstudie „50+ und Schluss?“ von Rheingold Salon und Screenforce aus dem vergangenen Jahr zeigt ein klares Bild: Menschen zwischen 50 und 69 Jahren erleben sich selbst nicht am Rand der Gesellschaft. Sie fühlen sich mitten im Leben. Sie wollen reisen, aus dem Vollen schöpfen und neue Dinge ausprobieren. Sie tun dies lediglich mit etwas weniger Risiko als in jungen Jahren.

Klassische Werbung bedient jedoch oft weiterhin staubige Seniorenklischees. Ältere Menschen werden wahlweise als hilfsbedürftig, digital unfähig oder innovationsfeindlich inszeniert. Das verfehlt die Realität.

Um das Potenzial der Generation 50 plus zu heben, müssen Kommunikator:innen außerdem die veränderte Psychologie dieser Alterskohorte verstehen: Jahrzehntelange Konsumerfahrung haben sie wählerisch gemacht. Sie setzen daher auf Genuss und haben hohe Ansprüche an Qualität und Service. Sie sind emanzipiert und bestens informiert. Wissen über Gesundheit, Ernährung oder Hautpflege ist längst kein Herrschaftswissen von Expert:innen mehr. Stattdessen recherchieren sie selbst und vergleichen Angebote eigenständig.

Von Unternehmen fordern Silver Surfer Substanz, Wirksamkeit und verlässliche Informationen. Austauschbare Lifestylebilder und vage Werbeversprechen funktionieren nicht mehr. Diese erfahrenen Konsument:innen reagieren positiv, wenn Marken sie auf Augenhöhe abholen. Sie suchen Qualität statt kurzfristiger Trends. Was dem gestiegenen Anspruch nicht entspricht, wird konsequent aussortiert.

Markenbeispiel Eubos: Vertrauen schlägt Trend

Wie man diese Zielgruppenmechanik erfolgreich nutzt, zeigt die Traditionsmarke Eubos. Das Hautpflegeunternehmen nutzt die „Werbelücke“ sehr effektiv. Je älter die Menschen sind, desto mehr kennen und mögen sie die Produkte. Eubos setzt auf folgende Markenlogik:

  • Glaubwürdigkeit durch Herkunft: Ein etabliertes deutsches Familien- und Traditionsunternehmen wirkt auf Best Ager sicherer als ein junges Start-up. Damit einher geht auch die Hypothese, dass solch ein Unternehmen die Bedürfnisse reiferer Haut besser versteht als Trendmarken aus dem Bereich K-Beauty oder von Influencer:innen gestartete Beauty Brands.
  • Der Verkaufsort als Qualitätssiegel: Der Vertriebsweg über die Apotheke zahlt massiv auf das Vertrauen ein. Die fachliche Beratung wird von älteren Käufer:innen höher geschätzt als die Empfehlung junger Influencer:innen.
  • Wertschätzung statt Preiskampf: Im herstellereigenen Onlineshop sind die Kund:innen tendenziell älter, loyaler und deutlich weniger preissensibel. Sie bestellen bewusst beim Hersteller, weil für sie die verlässliche Qualität im Vordergrund steht.

Nichtsdestoweniger können und sollten Marken wie Eubos auch Trends folgen, etwa indem sie unterhaltsame Content-Formate für Instagram umsetzen. Für die Hautpflegemarke haben wir von Piggyback dazu etwa generationsübergreifende Serien produziert, in denen sich Mütter und Töchter gegenseitig zu Skincare-Trends oder -Challenges herausforderten.

Die Zielgruppe 50 plus zugunsten jüngerer Gruppen zu ignorieren, wäre für Eubos unwirtschaftlich. Die konsequente Ansprache dieser Zielgruppe bietet der Marke die Chance, langfristige Kundenbeziehungen aufzubauen – in einem Marktumfeld, das viele Wettbewerber bislang unterschätzen.

Facebook is back

Zur zielgruppengerechten Kommunikation gehört auch die richtige Kanalauswahl. Hier hält sich hartnäckig der Mythos, soziale Netzwerke seien nur etwas für die Jugend. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Daten des Statistischen Bundesamtes belegen: Bei den 55- bis 64-Jährigen stieg die Social-Media-Nutzung zuletzt sprunghaft auf 42 Prozent. Bei den 65- bis 74-Jährigen sind es mittlerweile 25 Prozent. Facebook bleibt für Best Ager dabei eine wichtige Plattform, die sie auch intensiv für Gruppen und Marktplätze nutzt.

Dass intensives Zuhören auf Facebook die Markenbindung stärkt, zeigt ein methodischer Blick auf das Beispiel Maniko Nails. Das Beauty-Start-up aus Berlin bietet Nagelfolien. Obwohl das Produkt eine breite Altersstruktur anspricht, zeigte sich in der Praxis: Die Facebook-Community war die aktivste und engagierteste Gruppe. Der entscheidende Insight kam direkt aus den Kommentaren der Nutzer:innen. Sie verstanden das Produkt nicht bloß als einfachen Nagellack, sondern als wertvolle „fünf Minuten Me-Time“.

Wer diese Kundenbedürfnisse präzise analysiert und spiegelt, erzielt herausragende Ergebnisse. Die Kombination aus Community-Insights und Ansprache mehrerer Zielgruppen, von jung bis alt, führte dazu, dass wir in knapp einem Jahr rund 135.000 neue Follower:innen und 99 Millionen organische Impressionen erreichen konnten.

Fünf Erkenntnisse

Für PR-Verantwortliche, Marketingleiter:innen und Kommunikationsstrateg:innen ergeben sich somit klare Handlungsanweisungen:

  • Daten statt Bauchgefühl nutzen.
    Die Budgetverteilung zu prüfen, lenkt Marketingmittel dorthin, wo Marken ihre kaufkräftigste Zielgruppe tatsächlich erreichen. Sich dazu an harten Kaufkraftdaten zu orientieren, verhindert eine unwirtschaftliche Fokussierung auf flüchtige Hypes.
  • Klischees konsequent eliminieren.
    Bilder einer hilflosen Generation 50 plus sollten konsequent aus Kampagnen verbannt werden. Zielführender ist die realistische Darstellung einer aktiven, konsumfreudigen Gruppe, die mitten im Leben steht.
  • Substanz und Content liefern.
    Silver Surfer fordern echte Argumente, Wirksamkeitsnachweise und Transparenz. Reine Lifestyle-Phrasen laufen bei ihnen ins Leere. Wer sich das Vertrauen dieser gut informierten Zielgruppe sichern will, setzt auf inhaltliche Tiefe.
  • Vergessene Plattform erlebt Revival.
    Die Relevanz von Facebook wird im modernen Marketingmix oft unterschätzt. Unabhängig von der genauen Altersstruktur bieten dort besonders engagierte Communitys und ein gesunkener Werbedruck hocheffiziente Werbeumfelder. Dieser Kanal erlaubt Marken, kaufkräftige Zielgruppen abseits des herkömmlichen Werbedrucks zu aktivieren.
  • Community-Insights ernst nehmen.
    Die Kommentarspalten genau zu analysieren, liefert die stärksten Insights für die Content-Strategie. Im Fokus der Kommunikation liegt dabei der emotionale Wert, den ein Produkt im Alltag der Zielgruppe schafft.

Weitere Artikel