Deutsche ziehen sich ins Vertraute zurück

„Edelman Trust Barometer“

Das Vertrauen der Menschen in Deutschland in Regierung, Wirtschaft, Medien und Nichtregierungsorganisationen bleibt gering. Das zeigt der „Edelman Trust Barometer 2026“, den die PR-Agentur Edelman für Deutschland am heutigen Freitag veröffentlicht hat. Für den Bericht befragte Edelman nach eigenen Angaben im Oktober und November vergangenen Jahres 1.200 Menschen in Deutschland. Weltweit nahmen fast 34.000 Menschen in 28 Ländern an der jährlichen Befragung teil.

Der sogenannte Trust Index steigt demnach hierzulande auf 44 Punkte (2025: 41), bleibt jedoch weiterhin im unteren Bereich des institutionellen Vertrauens. Der Edelman-Bericht beschreibt einen Rückzug ins Nahe und Vertraute: Vertrauen werde stärker an unmittelbare Erfahrungen und das eigene Umfeld geknüpft. In diesem Kontext beschreibt der Report einen ausgeprägten Trend zur Abschottung: In Deutschland sind 81 Prozent demnach zögerlich oder nicht bereit, Menschen zu vertrauen, die andere Werte oder einen anderen Lebensstil pflegen, anderen Informationsquellen vertrauen oder deren Ansichten zu gesellschaftlichen Problemen sich von den eigenen unterscheiden.


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Abschottung sei keine abstrakte Debatte mehr, sondern gesellschaftliche Realität, betonte Nils Giese, Deutschlandchef von Edelman. Diese Entwicklung ist Edelman zufolge kein kurzfristiger Ausschlag, sondern sei Ausdruck einer strukturellen Veränderung, die gesellschaftlichen Zusammenhalt, wirtschaftliche Transformation und Führung gleichermaßen betreffe.

Vertrauenskluft nach Einkommen

Besonders deutlich zeigt sich die Vertrauenskluft entlang sozialer Linien. Der Trust Index liegt bei Menschen mit hohem Einkommen bei 53 Punkten, bei Menschen mit niedrigem Einkommen bei 35 Punkten. Die Differenz beträgt 18 Punkte und ist seit 2012 deutlich gewachsen (damals: 6 Punkte).

Gleichzeitig sinkt der Zukunftsoptimismus: In Deutschland ist weniger als jeder Zehnte überzeugt, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als heute. Noch pessimistischer sind im globalen Vergleich nur die Franzosen. Der Pessimismus wirkt Edelman zufolge wie ein Verstärker: Wer unsicher in die Zukunft blicke, ziehe Vertrauen stärker ins Eigene zurück.

In der Institutionenwertung bleibt ein Befund aber stabil: Arbeitgeber sind für Beschäftigte der wichtigste Vertrauensanker. 74 Prozent der Arbeitnehmer sagen, sie vertrauten ihrem Arbeitgeber, das Richtige zu tun. Wirtschaft (48 Prozent), Medien (46 Prozent), Regierung (42 Prozent) und NGOs (41 Prozent) liegen jeweils darunter. Gegenüber 2025 legten alle Werte leicht zu.

Was das Misstrauen konkret für die Arbeitswelt bedeutet, hat der Report ebenfalls untersucht. So sagt fast jeder zweite Arbeitnehmer, er würde lieber die Abteilung wechseln, als einer Führungskraft zu unterstehen, die andere Werte lebt. Und jeder Dritte gibt an, sich weniger anzustrengen, wenn der Projektleiter andere politische Vorstellungen hat. Fast jeder Dritte äußert nationalistische Überzeugungen. So würden 28 Prozent der befragten Arbeitnehmer höhere Preise in Kauf nehmen, wenn es dafür weniger ausländische Firmen in Deutschland gebe.

„Trust Brokering“ als Aufgabe

Aus dem beschriebenen Rückzug ins Vertraute leitet Edelman die Erwartung ab, dass Institutionen aktiv Brücken zwischen gesellschaftlichen Gruppen bauen sollen. Der Report spricht von „Trust Brokering“, also der Vermittlung zwischen den Gruppen.

So könnten Unternehmen Vertrauen stärken, indem sie Begegnung und Austausch über Unterschiede hinweg ermöglichen, etwa durch das gezielte Zusammenbringen von Mitarbeitenden mit unterschiedlichen Hintergründen. Eine gemeinsame Wertekultur kann ebenfalls aus Sicht der Befragten helfen, Vertrauen zwischen den Menschen zu schaffen. Auch verpflichtende Konflikttrainings werden als adäquates Mittel erachtet. Der Report zeigt aber auch, dass eine einzelne Institution allein diesen Wandel nicht bewältigen kann.

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