Wohin guckt man zuerst? Auf das interessante, aber doch auch recht abstrakte Kunstwerk an der Wand des Museums „Würth 2“ in Künzelsau? Oder auf die am Boden liegende 1:1-Figur eines nackten Mannes, bäuchlings und breitbeinig ausgebreitet, inklusive freier Sicht auf die Geschlechtsteile?
Die Antwort gibt naturgemäß jeder Besucher der gerade eröffneten Kunstausstellung „FOCUS. Neue Blicke auf die Sammlung Würth“ für sich. Jeder gibt die Antwort anders. Wie auch immer aber die Antwort ausfällt, zurück bleibt beim Betrachter ein Moment provozierter Reflexion über das Sehen insgesamt, über die voyeuristische Welt, über Werbung, sexualisierte Körperdarstellungen und den Körperkult in den sozialen Medien. Und damit auch über ein ganz wichtiges Funktionsmoment der kapitalistischen und durch Unternehmen getriebenen Wirtschaft und Gesellschaft.
Kunst kann und soll Betrachter provozieren. Sie soll Menschen aus ihrer Komfortzone herausholen. Gute Kunst irritiert. „Wir wollen nicht nur Gefälliges zeigen“, sagt Beate Elsen-Schwedler, stellvertretende Direktorin der Sammlung Würth. Sie hat die Ausstellung „FOCUS“ kuratiert, gemeinsam mit Maria Würth, Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur in der Würth-Gruppe.
Darin geht es, wie der Titel schon sagt, um das, was in den Blick gerät, und das, was außen vor bleibt. Anlehnungen an die im PR-Kontext immer noch populäre Framing-Theorie sind durchaus erlaubt. Zumal es der Ausstellung nicht nur um den Blick von Künstlerinnen und Künstlern auf die Welt geht, sondern auch um den des Betrachters. „Wir wollten überraschende Perspektiven schaffen, aber diese zugleich auch selber kuratorisch reflektieren“, sagt Elsen-Schwedler.
Auch die Beziehungen verschiedener Künstler zueinander werden thematisiert, gern auch epochenübergreifend. Ein spannender Ansatz, bei dem es hilft, dass die Kuratoren in Künzelsau aus dem Vollen schöpfen können. Sage und schreibe 20.000 Positionen umfasst die Sammlung Würth. Rund 100 davon bringt die aktuelle Ausstellung nun miteinander in den Dialog.
Die Sammlung Würth ist Resultat der Kunstbegeisterung von Reinhold Würth, der das vor allem für seine Befestigungsprodukte bekannte Unternehmen großgemacht hat. Würth ist der Inbegriff des deutschen Mittelständlers. Die Firma ist am Gründungsort verwurzelt und hat eine starke Gründerfamilie, was dazu führt, dass das Unternehmen mit ihr assoziiert wird. Insofern stellt sich auch die Frage kaum, ob die Kunstsammlung nur ein PR-Stunt ist. War sie nicht, ist sie nicht und kann sie auch gar nicht sein.
Hingegen prägen Geschmack und Lust von Reinhold Würth an unterschiedlichen Sichtweisen und Positionen das Sammlungsprofil. Zwar hat er schon vor Jahren einen Kunstbeirat installiert, aber nach wie vor nimmt er regen Anteil an der geistigen Choreografie der Sammlung. Die Leidenschaft dafür hat er an seine Enkeltochter Maria vererbt.
Neue Perspektiven für die Mitarbeiter
Kunst als bloßer Imagetreiber stand bei Würth nie im Vordergrund. Kunst als Maßnahme für die Horizonterweiterung der Mitarbeitenden und die interessierte Öffentlichkeit hingegen schon. „Reinhold Würth hat in seinem Unternehmen früh auf Internationalität gesetzt“, sagt Beate Elsen-Schwedler. Das spiegele sich auch in seiner Sammlung wider „und in der Art und Weise, wie man bei Würth die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an allem teilhaben lässt“. Von Norwegen bis Spanien kann man in den Auslandsgesellschaften ebenfalls Kunst erleben. Kunst begleitet den Prozess der Globalisierung des Unternehmens.
Schaut man in die einschlägige betriebswirtschaftliche Literatur, wird Kunstengagement von Unternehmen häufig generisch als Maßnahme der Imagebildung verhandelt. Es entspricht der Logik der Betriebswirtschaftslehre, Modelle zu entwickeln, die eine einfache ökonomische Handlungslogik suggerieren und die sich leicht auf Unternehmen aller Größen und Gründungsgeschichten übertragen lassen. Aber genau diese Tendenz zur simplen Modellhaftigkeit greift zu kurz – speziell wenn man sich die Aktivitäten deutscher Familienunternehmen betrachtet. Hier hat jedes Engagement seine eigene Herkunftslogik.
Häufig stehen einzelne, an Kunst interessierte Persönlichkeiten, am Beginn eines Engagements: Reinhold Würth zum Beispiel. Oder Peter Haller bei Serviceplan, Marli Hoppe-Ritter bei Ritter Sport, Nicola Leibinger-Kammüller bei Trumpf oder Julia Stoschek von der Brose-Gruppe. Im Fall Stoschek überstrahlt die Person Julia eindeutig die Marke Brose. In all diesen Fällen ist das Kunstengagement kein reines PR-Tool und sollte auch nicht als solches verhandelt werden.
Eng verbunden ist ein Engagement in Sachen Kunst mit der jeweiligen Unternehmenskultur. Hier hat die Kunst reale Auswirkungen, etwa indem sie die Bereitschaft zur kritischen Reflexion des eigenen Handelns befördert. Diese Facette macht die Kunst speziell für mittelständische Unternehmen so wertvoll. Sie macht Mittelständler lesbarer – nach innen und außen.
Wichtig ist bei allem Engagement immer das, was der SPD-Politiker Peer Steinbrück mal in anderem Kontext als „Beinfreiheit“ bezeichnete. Ein künstlerisches Engagement, das ein echtes Eigenleben und einen einzigartigen Charakter entwickelt, muss auch organisatorisch von kommunikativen oder markenbezogenen Zielen und Aktivitäten eines Unternehmens abgekoppelt werden. Nur auf Basis einer gewissen Unabhängigkeit kann ein Engagement oder auch eine Sammlung eine eigene künstlerische Sprache entwickeln und ein eigenes Profil formen. Häufig wird ein Engagement in Stiftungen ausgelagert, mit eng begrenztem Zugriffspotenzial der Markenstrategen.
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Bei Großkonzernen ist es manchmal auch eine bestimmte Personalie, die Langfristorientierung und Glaubwürdigkeit stiftet. Beispiel BMW: Hier sorgt der promovierte Kunsthistoriker Thomas Girst dafür, dass das Profil des unternehmerischen Kulturengagements erhalten bleibt. Girst ist auch selbst ein gern gesehener Vortragsgast auf Kunstevents.
Würth wiederum hat seinem Engagement einen eigenen Geschäftsbereich gegeben. Dieser wird von Maria Würth, Enkelin des Gründers und studierte Kunsthistorikerin, geleitet. Anlässlich der Eröffnung der „FOCUS“-Ausstellung sagte sie: „Dass Ausstellungen wie diese möglich sind, ist dem festen Bekenntnis zur Sinnhaftigkeit kulturellen Engagements seitens meiner wunderbaren Familie sowie der Geschäftsleitung des Unternehmens Würth zu verdanken.“ Klammert man die Lobpreisung der eigenen Familie aus, so bleibt dennoch das klare Statement, dass Kunst als Faszinosum in der Kultur der Familie wie auch der des Unternehmens verankert ist.
Wer über den Würth-Campus in Künzelsau flaniert, dem kann dies nicht entgehen. Und auch im nahen Schwäbisch Hall, wo die Kunsthalle Würth gerade mit dem Architekturbüro Henning Larsen anbaut, ist das kulturelle Engagement eher auf organische Expansion ausgelegt als auf markenstrategische Zuspitzung. Neben der Kunsthalle ermöglicht Würth etwa auch ein Museum für spätmittelalterliche und neuzeitliche Kunst, untergebracht in der Johanniterkirche, einem umfassend sanierten Bau aus dem 12. Jahrhundert.
Dauerhaftes Engagement
Nur: Was passiert in wirtschaftlich schlechten Zeiten? Vor allem Zulieferer im Automobilbereich haben momentan zu kämpfen. Brose beispielsweise baut Stellen ab – 600 bis Ende kommenden Jahres. Aus einem Unternehmen war im Zuge der Recherche zu diesem Artikel zu hören, dass man angesichts anstehender Entlassungen an Publicity für das eigene Kunstprogramm wenig interessiert sei.
In harten Zeiten zeigt sich die Ernsthaftigkeit des Engagements. Wirklich kulturell im Unternehmen verankert, wäre die Kunst eben nicht nur ein Luxusthema, von dem man sich schnell mal trennt, wenn der Wind rauer wird. Und inhaltlich bietet die Kunst natürlich auch die Möglichkeit, mit subtilen Statements auf Krisenerfahrungen zu reagieren. In der aktuellen Ausstellung im Museum „Würth 2“ wird dies nicht zuletzt in einem eigenen Raum im Untergeschoss deutlich.
Dieser ist den Arbeiten des Künstlers Daniel Richter gewidmet. Richter arbeitet sich dort an diversen medial vermittelten Krisenszenarien ab. In seiner Arbeit „Situation Room“ beispielsweise überlagert er ein Bild vom sichtlich schockierten damaligen US-Präsidenten Obama aus besagtem Situation Room im Weißen Haus mit malenden Affen. Das verfremdete Ursprungsbild ging durch die Medien. Es war der Moment, als Osama bin Ladens Residenz gestürmt wurde. „Wer hat hier eigentlich die Kontrolle?“, scheint diese Arbeit zu fragen. Und wer weiß, wann und wie die globalpolitische Krise endet?
Fragen, die perfekt auch in unsere Gegenwart passen. Gut, wenn die Kunst sie stellt. Und gut, wenn sie im unternehmerischen Kontext Gehör finden.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Mittelstand. Das Heft können Sie hier bestellen.