KOM: Welche Rolle spielt auf Linkedin die Aktivität (Likes, Kommentare, Reposts) unmittelbar nach einem Posting? Wie kann ein Beitrag „zweite Luft“ bekommen?
Linkedin-Posts sind oft nicht nur eine schwere Geburt. Sie brauchen nach Veröffentlichung auch viel Zuwendung. Ein Post ohne Kommentare ist nicht überlebensfähig.
Mark Zuckerberg hat diese Logik schon 2018 für Facebook beschrieben. Damals kündigte er an, den Newsfeed radikal umzubauen. Inhalte, die echte Gespräche auslösen, sollten bevorzugt werden. „Meaningful Interactions“ wurden zum Reichweitentreiber.
Studien zeigten damals, was viele aus eigener Erfahrung kannten: Wer nur stumpf scrollt, fühlt sich danach eher leer als informiert. Wer diskutiert, fühlt sich eingebunden. Und bleibt länger auf einer Plattform. Das wusste und praktizierte auch Linkedin. Doch die Plattform war in den vergangenen Jahren deutlich spendabler, was Reichweite anging. Es gab nicht so viele Menschen, die sich trauten, im beruflichen Kontext zu posten. Posts wurden folglich überdurchschnittlich breit ausgespielt.
Die Quittung kam schnell. Nutzer wurden mit irrelevanten Inhalten bombardiert. Sie interagierten seltener. Und verbrachten weniger Zeit auf der Plattform. Linkedin steuerte gegen und drosselte die Reichweiten für alle massiv.
Interaktion mit Tiefe
Die wichtigste Währung ist seitdem Interaktion mit Tiefe. Also Nutzer, die Beiträge abspeichern und damit signalisieren, dass sie später noch einmal darauf zurückkommen wollen. Menschen, die nicht nur kommentieren („Glückwunsch! Toller Beitrag!“), sondern inhaltlich einsteigen und miteinander diskutieren. Oder User, die einfach Zeit investieren: klicken, lesen, verweilen. Die Mehrheit bei Linkedin konsumiert Inhalte immer noch still. Investierte Zeit ist somit ein entscheidender Indikator für den Algorithmus.
Wichtig dabei: Das muss schnell nach dem Posten passieren. Linkedin testet neue Beiträge zunächst bei wenigen Nutzern. Reagieren die nicht, lautet das Signal: nicht relevant.
Das bedeutet, Inhalte müssen so gestaltet sein, dass sie Interaktionen mit Tiefe erzeugen. Weil sie einen Mehrwert für die Zielgruppe haben, weil sie emotionalisieren, unterhalten und Diskussionen entfachen. Für Posts aus der Kategorie „Ich war auf einem Event und hatte spannende Begegnungen“ gilt genau das nicht.
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Das heißt aber auch, dass man nach dem Posten aktiv bleiben muss. Indem man die Unterhaltung moderiert, Rückfragen stellt, zusätzliche Informationen bereitstellt oder neue relevante Experten durch Taggen in die Diskussion dazuholt. So kann ein Post auch über Tage hinweg immer wieder neue Luft bekommen.
Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Like, einst Motor der Eitelkeit und Treibstoff für soziale Medien, ist heute nahezu bedeutungslos. Er wird zu schnell verteilt, zu routiniert geklickt und ist zu selten durch echtes Interesse getragen. Seine Entwertung ist auch der Versuch, das „Social“ in „Social Media“ zurückzubringen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Skills. Das Heft können Sie hier bestellen.