Wie man einen Gastbeitrag (nicht) schreibt

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Neulich war ich auf der Suche nach Informationen zu Autismus beziehungsweise zum Autismus-Spektrum (Betroffene und deren Angehörige wissen, dass das ein fürwahr sehr breites und schwer definierbares Spektrum sein kann). Auf der Website eines Interessen- und Fachverbandes begegnete mir der Gastbeitrag einer Psychologin und sogenannten Autismus-Expertin. Vom Hang zum Expertentum in Presse und Beiträgen einmal abgesehen (siehe hier) – was ist überhaupt ein solcher Gastbeitrag? Was zeichnet ihn aus? Und was ist in Abgrenzung dazu ein Fachartikel? Oder ist das dasselbe?

Fangen wir einmal mit der letzten Frage an: Nein, Fach- und Gastbeiträge, Kommentare, Reports und Anwenderberichte (Use Case) oder auch Kolumnen sind natürlich nicht identisch. Weil sie sich in ihrer Machart, ihren Zielen und den jeweiligen Zielgruppen und daher auch in Inhalt und Wording unterscheiden.

Der Gastbeitrag in Sachen Autismus erschien wie erwähnt auf der Website eines entsprechenden Verbandes. Die Autorin selbst gehört dem Verband aber nicht an oder ist zumindest keine Repräsentantin, sondern – daher der Titel des Beitrags – ein Gast. Man hat sie eingeladen, aus ihrer Sicht in einigen Ausführungen zum Thema Autismus sowie dessen (dürftigen) Heilungs- und Behandlungsmöglichkeiten Stellung zu beziehen. Und das Ganze inhaltlich korrekt und gleichzeitig in einer Sprache, die dem Wissensstand und dem inhaltlichen und sprachlichen Verständnis der User entspricht.

Ein Gastbeitrag ist kein Rechtsgutachten

In einer Lokalzeitung schrieb neulich ein Oberbürgermeister der Stadt über die Bedeutung von Lokaljournalismus. Ebenfalls ein Gastbeitrag. Ebenfalls von jemandem, der dem herausgebenden Organ (hier dem Verlag, oben dem Verband) nicht angehört beziehungsweise es nicht repräsentiert. Und – auch das ebenfalls – in einer Sprache, die die Leserinnen und Leser der Zeitung verstehen. Ein Gastbeitrag eben und kein Aufsatz für eine Fachkommission des Deutschen Städtetags oder gar eine verwaltungstechnische Stellungnahme zu kommunalrechtlichen Diskussionen.

Gastbeiträge zeichnen sich dadurch aus, dass man zu Gast ist. Okay, manche laden sich auch selbst ein. Aber im Großen und Ganzen sollte man als Gast wissen, wie man sich zu benehmen hat und was der (im Falle eines Textbeitrags) semantische Dresscode vorschreibt. Wenn ich mich an den halte, habe ich gute Chancen, dass die Botschaft, die ich als Autor rüberbringen möchte, auch drüben ankommt – und sich die anderen Gäste, die ich mit meinen Aussagen beeindrucken oder überzeugen möchte, auch beeindrucken oder überzeugen lassen.

Damit ein solcher Gastbeitrag gelingt, braucht es ein entsprechend klares Briefing. Welche Sprache verstehen die Leser? Welche Botschaften sollen in den Text? Was soll am Ende hängenbleiben? Welche Erinnerung haben die Rezipienten an den Gast, der sie hier mit seinem Beitrag angesprochen hat?

Diese Informationen braucht der Autor respektive die Autorin oder – wenn er/sie (was bei Oberbürgermeistern, Verbandsrepräsentanten oder Experten immer wieder vorkommt) den Beitrag nicht selbst verfasst – der jeweilige Ghostwriter. Deren unbedingte Pflicht ist es daher, ein solches klares Briefing einzufordern. Was nicht immer einfach ist – das weiß ich aus vielen eigenen Beispielen ebenso wie aus den Rückmeldungen meiner Seminar-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Beim Briefing wird gerne etwas geschludert, am Ende soll es dann aber trotzdem der Mega-Artikel werden. Das funktioniert natürlich nicht. Darum gerne nochmals nachfassen, um klare Infos zu erhalten, eine konkrete Story als Beispiel ist auch immer gut.


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Informationen und subjektive Meinung in einem

Zudem sind Gastbeiträge wie Kommentare, Kolumnen oder Karikaturen immer auch ein subjektiver Beitrag. Eben kein objektiver Bericht, der in erster Linie Fakten vermittelt, sondern immer auch eigefärbt mit der eigenen Meinung. Fachbeiträge sind das auch, aber bei ihnen steht das Fachliche, das Vermitteln von Fachinfos und fachlichen Einschätzungen für ein Fachpublikum im Mittelpunkt.

Die Trennung von Gast- und Fachbeitrag mag völlig simpel und logisch sein. Immer wieder werden jedoch Gastbeiträge verfasst, die das Publikum fachlich überfordern. Oder Fachbeiträge, denen es an der jeweiligen intellektuellen Tiefe oder am Branchen-relevanten Wording fehlt. Auch dafür braucht es ein klares Briefing: Welche Begriffe sollen in dem Text vorkommen? Auf welchem Niveau sind die Rezipienten unterwegs? Welchen Wissensvorsprung beziehungsweise welchen Nutzwert kann und will ich mit meinem Beitrag leisten? Kurzum: Was soll das Ganze?

Die letzte Frage ist übrigens jene, die man sich zu Beginn stellen sollte. Einen Fachartikel oder einen Gastbeitrag zu verfassen, ist mit Aufwand verbunden. Das kostet Zeit, mitunter auch Geld (wenn der Ghostwriter schreibt). Solche Beiträge können dem eigenen Image ungemein nutzen und eigenen Ideen oder Erfahrungen eine Plattform bieten. Die Wirkung kann aber auch verpuffen, wenn Inhalte, Botschaften, Zielgruppen oder auch Veröffentlichungszeitpunkt und eine mögliche Verwertung in Form flankierender Pressearbeit nicht genügend bedacht wurden.

Wer aber alles richtig macht, kann von einem Gastbeitrag enorm profitieren, Aufmerksamkeit für das eigene Thema finden und den Zielgruppen einen wertvollen Input liefern.

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