KOM: Der Chef eines mittelständischen Unternehmens hat bisher keine Erfahrung mit Interviews und Auftritten vor der Kamera, möchte aber medial präsenter werden. Wo sollte ein Medientraining ansetzen?
Beim ersten Medientraining ist es vor allem wichtig, dass kommunikative Grundlagen geschaffen werden – und nicht nur formale Techniken, wie man sich vor Mikrofon und Kamera verhält. Sonst wird der Bruch zwischen natürlicher Person und gecoachtem Ergebnis sichtbar. Somit ist der wichtigste Faktor: die strategische Selbstverortung. Wer als Führungskraft vor Mikrofonen bestehen will, muss nicht schauspielern, sondern verstehen, wie sich Sprache, Haltung und Präsenz gezielt trainieren lassen. Und die ersten Ergebnisse nimmt man dafür bereits im ersten Medienauftritt mit.
Der erste Schritt liegt in der sprachlichen Klarheit. Bevor es in konkrete Formate geht, braucht die Führungskraft ein stabiles Repertoire an Botschaften und ein Gefühl dafür, wie sie über die Themen spricht. Welche Begriffe funktionieren gut? An welchen Stellen drohen Missverständnisse? Die könnten zum Beispiel bei Fachbegriffen auftreten, die in der Öffentlichkeit missverstanden werden können.
Ein Training deckt sprachliche wie gedankliche Stolperfallen auf und hilft dabei, ein individuelles Ausdrucksprofil zu entwickeln. Dabei geht es nicht um Rhetorik-Kosmetik, sondern um eine Struktur, die auch unter medialem Druck tragfähig bleibt. Selbst wenn das Medium selbst keinen Druck ausübt – der persönliche Druck, im ersten Medienkontakt zu bestehen, ist groß.
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Darauf aufbauend werden Kernbotschaften entwickelt, die sich in unterschiedlichen Kontexten wie Printinterviews, Kurzstatements oder Liveauftritten konsistent einsetzen lassen. Diese Botschaften werden in für das jeweilige Medium passende Argumentationsketten eingebettet und mit anschaulichen Beispielen aus dem Unternehmensalltag verankert. In simulierten Interviewsituationen steht die angepasste und passende Reaktion im Fokus: kritische Nachfragen, verkürzte Aussagen oder unerwartete Themenwechsel. Diese Übungen machen erfahrbar, wie sich Kontrolle bewahren lässt, ohne starr zu wirken. Video-Feedback hilft sehr, auch bei Interviewsituationen, die nicht fürs TV gedacht sind. Hier sollte der Coach hochwertige Technik einsetzen und nicht mit dem Smartphone filmen. Das lässt es beliebig wirken.
Ein Training genügt nicht
Besonderes Augenmerk gilt dem Training unter (moderatem) Stress. Denn mediale Präsenz zeigt sich vor allem dann, wenn nicht alles nach Plan läuft. Hier können zum Beispiel Schwachstellen angesprochen oder suggestive Fragetechniken genutzt werden. Wichtig ist, dass der Coach hier inhaltlich sattelfest ist und konkrete Verbesserungsvorschläge unterbreiten kann.
Anschließend folgt je nach Bedarf die Formatpraxis: Kameratraining mit Fokus auf Auftritt und Stimme, Interviewübungen mit realistischen Settings und der Umgang mit spezifischen Medienformaten wie Podcasts, Social Clips oder Panels. Entscheidend bleibt der Inhalt, der sicher vorgetragen wird.
Wichtig ist: Ein einzelnes Training genügt nicht für alle Zeiten. Medienkompetenz entwickelt sich über einen längeren Zeitraum. Deshalb sollte die Begleitung über erste reale Auftritte hinausreichen – mit Coaching, Supervision und Transfers in den Führungsalltag. Wenn parallel das engere Managementumfeld einbezogen wird, entsteht zudem eine konsistente Kommunikationslinie, die weit über die Person des CEOs hinauswirkt.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Mittelstand. Das Heft können Sie hier bestellen.