Kampf um den Stromzähler

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„Wind und Sonne stellen keine Rechnung“ – so lautet eines der vermeintlich stärksten Argumente für die Energiewende. Erneuerbare Energiequellen seien unschlagbar günstig, soll das heißen. Das mag stimmen, allerdings haben sie ein anderes bekanntes Problem. Sie sind unzuverlässig. Die Sonne scheint nicht immer. Auch Wind gibt es in den meisten Regionen nicht konstant.

Ein Argument gegen die Energiewende ist das aber nicht, gibt es doch Lösungen, um genau diesem Problem zu begegnen. Zu ihnen zählen sogenannte Smart Meter: intelligente Stromzähler. Smart Meter bestehen aus zwei Teilen: dem digitalen Stromzähler an sich und einem Smart Meter Gateway, das die Verbrauchsdaten an Messstellenbetreiber, Netzbetreiber und Energieversorger übermittelt. Diese Geräte können dabei helfen, den Strom punktgenauer zu verteilen, und mit dazu beitragen, dass es zu keinen Engpässen kommt und Überschüsse im Stromangebot auch genutzt werden.

Nur: Ohne Smart Meter wird aus diesen Plänen nichts. Und bisher findet man diese in Deutschland kaum. Lediglich etwa zwei Prozent der Haushalte haben ein solches Gerät verbaut. Gerade für Anbieter dynamischer Stromtarife ist das ein Problem, denn das Geschäftsmodell funktioniert ohne die Smart Meter nicht.

„Als Einzelunternehmen allein fehlt uns das politische Gewicht, um den Smart-Meter-Rollout deutlich zu beschleunigen“, beklagt Göran Kügler, Kommunikationschef beim Anbieter Tibber. Der hat seinen Hauptsitz in Norwegen, ist im skandinavischen Raum, wo die Smart-Meter-Abdeckung teilweise bei fast 100 Prozent liegt, bereits etabliert. „In Deutschland haben wir aber noch Start-up-Charakter.“ So entstand die Idee für eine Smart-Meter-Initiative, einen Zusammenschluss von Firmen, die alle ein Interesse an der weiteren Verbreitung smarter Stromzähler haben. Neben Tibber beteiligten sich zum Start die Stromanbieter Octopus Energy, Ostrom und Rabot Energy.

Ein gewagtes Unterfangen, denn eigentlich stehen alle Firmen miteinander in Konkurrenz um dieselbe spitze Zielgruppe: Menschen mit Smart Meter, die Interesse an Ökostrom haben. Das sind in Deutschland noch nicht viele. Aber genau das sei der „Pain Point“, der die Firmen zusammenbrachte, berichtet Melanie Schiller, Kommunikationschefin bei Octopus Energy: „Wenn alle Bürger Smart Meter haben, ist auch genug Markt für alle Anbieter da.“

Gemeinsam stärker

Es ist kein völlig neues Konzept, wenn sich vermeintliche Konkurrenten punktuell zusammentun, um so zum Vorteil aller zu arbeiten. Gerade in Deutschland sind Interessenverbände jeglicher Art weit verbreitet. Fast jede Branche hat einen Verband, der auch erbitterte Konkurrenten vertritt wie etwa der Verband der Automobilindustrie (VDA) oder der Chemieverband VCI. Die Idee dahinter ist dieselbe wie bei der Smart-Meter-Initiative: Gemeinsam haben die Firmen mehr Gewicht gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit als allein. Gerade im Energie- und Strombereich mangelt es eigentlich auch nicht an bestehenden Interessenvertretungen: Es gibt den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), den Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) und den Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE), um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Mitglieder der Initiative sind ebenfalls alle Mitglieder in Verbänden. Da stellt sich die Frage, ob das Vorhaben nicht unnötige Doppelstrukturen schafft, die niemand braucht. Es ist eine Sorge, die auch die Unternehmen umtrieb. „Wir wollten kein rechtliches Konstrukt aufbauen und das Ganze so simpel wie möglich halten“, erklärt Melanie Schiller. Im Wesentlichen besteht die Initiative aus regelmäßigen Gesprächsrunden der Mitarbeiter der Firmen – vor allem aus der Kommunikation – und einem gemeinsamen Auftrag für die PR-Beratung fph, die bei der Sichtbarkeit helfen soll. Die Verbände seien dabei nicht die Konkurrenz, meint Schiller. Auch dort könne man für das Thema werben. Sie sind also eher eine weitere Empfängergruppe.


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Um zu verhindern, dass aus der Initiative ein Bürokratiemonster wird, haben sich die Beteiligten auf ein eng umrissenes Themenfeld geeinigt: die allgemeine Verbreitung von Smart Metern, den Abbau bürokratischer Hürden und Smart Meter mit einem Echtzeit-Datenaustausch.

Das sind nämlich die Probleme, die den Ausbau bisher verhindern, wenn man Göran Kügler glauben darf. Zum einen ist die deutsche Smart-Meter-Lösung nach Meinung der Firmen viel zu kompliziert. Anders als in anderen Staaten sollen die Geräte auch Smart Devices im Haushalt steuern können, also zum Beispiel die Waschmaschine dann aktivieren, wenn der Strombedarf insgesamt gering ist. Das macht die Geräte teurer. „Diese Komplexität braucht es aber nicht, um die gewünschten Effekte für den Strommarkt und die Netzstabilität zu erzielen“, sagt Kügler. Dafür reiche es eben, wenn die Smart Meter einen Echtzeit-Datenaustausch ermöglichen. Dann könnten Anbieter wie Tibber dynamische Stromtarife auf den Cent genau berechnen.

Ein beliebtes Beispiel ist das Laden von Elektroautos. Das frisst reichlich Strom, weswegen es im allgemeinen Interesse wäre, wenn Besitzer ihre Fahrzeuge nachts aufladen, wenn wenig Strom genutzt wird, und nicht zum Beispiel abends, wenn allerorten die Fernseher, Backöfen und Waschmaschinen laufen.

„Aus der Perspektive der Verbraucher bringen Smart Meter viele neue Möglichkeiten, Geld zu sparen und an der Energiewende zu partizipieren“, erklärt Göran Kügler. Dynamische Tarife bieten den Kunden Anreize, in Zeiten mit geringer Nachfrage besonders verbrauchsintensive Tätigkeiten zu legen, wie eben das Auto aufzuladen. Solche Tarife würden die Energiewende unterstützen und für ein stabiles Stromnetz sorgen, betonte etwa der frühere Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).

Neben der komplizierten Technologie kritisieren die Smart-Meter-Befürworter auch die Rolle der Messstellenbetreiber, die die Geräte beim Kunden einbauen müssen. Oft sind das die örtlichen Netzbetreiber und Tochterfirmen der großen Stromkonzerne. „Die Umstellung auf die Flexibilisierung des Strommarkts läuft diametral zu deren bisherigem Geschäftsmodell“, sagt Kügler.

Bei Medien etabliert

Viel Arbeit also, die sich die Initiative vorgenommen hat. Die Beteiligten sind aber zufrieden. Man habe sich als Gesprächspartner für Journalisten etabliert, wenn es um Smart-Meter-Themen geht. Diese neu gewonnene Bekanntheit nutzt die Initiative mittlerweile auch ähnlich wirksam wie ein kleiner Interessenverband. Auch Verbraucherorganisationen machen sich inzwischen für die Smart Meter stark.

Anfang 2025 trat eine Gesetzesänderung in Kraft, die es Verbrauchern erlaubt, von ihrem Messstellenbetreiber den Einbau eines Smart Meters zu verlangen. Das Ganze solle maximal 100 Euro kosten. Mehrere Betreiber riefen aber deutlich höhere Preise für den Einbau auf, machten sich dazu eine vermeintliche Gesetzeslücke zunutze. Die Smart-Meter-Initiative machte erfolgreich PR. Die Mitgliedsunternehmen schafften es mit ihrer Kritik an den hohen Preisen in etablierte Medien wie das „Handelsblatt“ und den „Tagesspiegel Background“. Einiges an Berichterstattung gibt es in Fachmedien für erneuerbare Energien.

Hat die Initiative ein natürliches Verfallsdatum? Göran Kügler von Tibber glaubt das. „Wenn wir die Vollabdeckung erreicht haben, wird es für sie in ihrer jetzigen Form wohl keinen Bedarf mehr geben“, sagt er. Bis dahin sei aber noch viel zu tun. Auch Melanie Schiller von Octopus Energy findet die Vorstellung charmant, dass sich die Initiative im Idealfall selbst obsolet macht. „Aber wer weiß, vielleicht gibt es dann neue Themen, bei denen sich die Zusammenarbeit in dieser Form anbietet“, schränkt sie ein.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Nachhaltig. Das Heft können Sie hier bestellen.

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