Wenn der Skandal zum Rohrkrepierer wird

Kolumne

Surprise, Surprise. Da muss sich die AfD seit Wochen mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft auseinandersetzen, weil ihre Mandatsträger statt Fachleuten lieber Familienangehörige beschäftigen – und den Wählern ist es offenbar völlig egal. Das Wahlergebnis in Baden-Württemberg am vergangenen Sonntag deutet darauf hin genauso wie die Umfragen für die kommende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September.

„Wie sehr der Skandal der Partei schaden kann“, titelte kürzlich der „Tagesschau“-Podcast „11KM“. An der Urne zumindest gar nicht. Was dort dagegen einer anderen Partei schadete: ein Uralt-Video von Manuel Hagel, das viral ging. Der CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg war schon auf dem Weg zum Ministerpräsidenten, da verhagelte ihm neben einigen weiteren unglücklichen Aktionen wie dem Umgang mit einer Lehrerin das viel diskutierte „Rehaugen“-Video last minute die Tour.


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Die beiden Fälle stehen exemplarisch für einen Medien-Shift. Investigativ-Geschichten haben häufig kaum noch Konsequenzen – auch für die unter dem Verdacht des Fehlverhaltens stehenden Personen nicht. Was zählt, ist das, was viral geht. Das Misstrauen in Medien ist in Teilen der Bevölkerung inzwischen so ausgeprägt, dass man Geschichten, die Skandale oder Verfehlungen aufdecken, zunehmend skeptisch gegenübersteht und ihnen nicht glaubt. Sie entfalten dann wenig Wirkung.

Das gilt erst recht, wenn es sich um Investigatives vom Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk – dem „ÖRR“ – handelt. Nur noch ein Drittel der Menschen in Deutschland vertraut ARD und ZDF, ergab kürzlich eine Forsa-Umfrage. Es war das ZDF-Magazin „Frontal21“, das den Stein des Anstoßes an der AfD-Vetternwirtschaft ins Rollen brachte. Der WDR verstärkte es. Bei den Wählern, die der Rechtspartei zulaufen, sind ARD und ZDF inzwischen aufgrund ihres vermeintlichen Gesinnungsjournalismus häufig verbrannt. Da war es geradezu naiv anzunehmen, dass der Skandal der Partei schaden kann, um im „Tagesschau“-Duktus zu bleiben. Wer auf Konsequenzen setzte oder auf sie hoffte, ist in den Mechanismen des vergangenen Jahrhunderts hängen geblieben, als ein Politiker wie Jürgen Möllemann noch wegen Einkaufswagen-Chips und eines Briefbogens zurücktreten musste. So läuft es heute nicht mehr.

Emotion schlägt Investigation

Was Manuel Hagel dagegen vor acht Jahren in einem Video arg schwärmerisch über eine Realschulklasse und eine Schülerin zum Besten gab, konnte jeder in einem Video hören und sehen. Noch sorgt KI nicht dafür, dass man prinzipiell selbst das bezweifelt, was man mit eigenen Augen wahrnimmt. Der Impact von derartigen Video-Schnipseln schlägt die Wirkung von häufig kleinteilig anmutenden Ergebnissen mühsamer investigativer Recherche auf emotionaler Ebene ohnehin um Längen. „Auf ein Bier mit…“ – so der Titel des Formats, in dem sich Hagel auf „Regio TV“ äußerte – war für die Wahl deshalb am Ende relevanter als „Frontal 21“ und die aufwändige Berichterstattung der Redaktion.

Ein Medium, das mit einem solchen Trend besonders zu kämpfen hat, ist der „Spiegel“. Dessen Chefredakteur Dirk Kurbjuweit bezeichnete jüngst im Interview mit dem Branchendienst „Medieninsider“ das Investigative als den „Kern“, an den „wir niemals rangehen würden“. Der „Spiegel“ sei traditionell ein „konfrontatives Medium“. Das führt aber aktuell aus Sicht des Chefs dazu, dass er bei der Auflage hinter der „Zeit“ deutlich zurückfällt. Der Wochenzeitung helfe der Trend zur „einfühlsamen Achtsamkeit“, wie Kurbjuweit sagt. Wieder schlägt Emotion also Investigation.

Was die nächsten Wahlen angeht, sollte man sich jedenfalls besser keinen Illusionen hingeben: Damit die große Enthüllung die Wähler wirklich bewegt, braucht es schon einen neuen Fall Barschel. Mindestens.

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