Die Macht der Rankings

„Wrapped“

Gegenüber von unserem Agenturstandort in Berlin hängt ein riesiges Plakat. Es zeigt den Musiker Zartmann und feiert die zig Millionen Abrufe, die der Indie-Popper mit seiner „Schönhauser EP“ dieses Jahr auf Spotify erzielt hat. Das Plakat prangt über der Schönhauser Allee, die Zartmanns Mini-Album seinen Titel gegeben hat. Aber um ausgetüftelte OOH-Konzepte soll es hier nicht gehen, sondern um das Phänomen „Wrapped“ und darum, was Rankings und Studien allgemein zu PR-„No Brainern“ macht.

Für die kleine Randgruppe der Unkundigen: „Wrapped“ sind die Jahrescharts der Musik-Plattform Spotify. Die gibt es personalisiert für jeden Abonnenten wie auch gebündelt für die Masse. Zum einen geht es also um Community, zum anderen um einen gigantischen PR-Erfolg. Denn von Jahr zu Jahr wird das Grundrauschen rund um die zum Jahresende präsentierten Spotify-Charts lauter. Waren früher die Media Control Charts die oberste Instanz für den Musikkonsum, ist es heute „Wrapped“. Und danach hat eben jener Zartmann mit „Tau mich auf“ den größten Hit des Jahres in Deutschland abgeliefert. Das gilt auch für Brandenburg, während in Berlin der Rapper Pashanim als Top-Hit rankt.

Es gibt kein Entkommen

„Wrapped“ ist überall. Jetzt also sogar überlebensgroß mitten in der Hauptstadt. Die globale Marketingkampagne läuft in 31 Märkten. Die Zahl der Clippings scheint dieses Jahr in neue Dimensionen vorzustoßen, denn Spotify versteht seinen Riesen-Datenschatz perfekt zu heben. Musik-Charts, Podcast-Charts, Single-Charts, Album-Charts, Gesamt-Musikercharts, regionale Charts, Deutschland-Charts – mit „Wrapped“ kann jede Zeitung mindestens eine komplette Seite füllen. Das Unternehmen stellt dafür im Presse-Bereich auf seiner Website eine riesige Auswahl an Fotomaterial bereit. Spotify ist ein Best Case für jeden, der PR mit einer Studie oder einem Ranking machen will.


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Spotify setzt damit auf etwas, das beim Musikgeschäft seit jeher dazu gehört, aber auch in anderen Branchen funktioniert: die Lust der Menschen auf Rankings.

Rankings haben schon andere Marken groß gemacht. Beispielsweise das US-Magazin „Forbes“, das viele Menschen allein durch seine Milliardärslisten kennen. So krass ist es bei Spotify und „Wrapped“ natürlich nicht, aber auf die Marke zahlen die Streamingcharts natürlich ein. Spotify ist Musik, ihr hört sie über Spotify und Spotify sagt euch, was ihr hört. Kein Hit ohne Spotify – so die komprimierte Botschaft des schwedischen Streaming-Riesen.

Endlich mal nicht zweifeln

In einer Zeit permanenter Krisen, fortwährender Unsicherheit und alternativer Fakten sehnen sich Menschen nach Ordnung und Verlässlichkeit. Und ganz einfach nach Wahrheit. Während heute so gut wie alles infrage gestellt wird und es zu jedem Thema Gegenreden gibt, besteht kein Zweifel daran, was mein beliebtester Song des Jahres auf Spotify war. Das macht Rankings so beliebt und deshalb funktionieren sie in der PR meistens gut.

Beispielsweise die aktuelle Statistik, in welchem Bundesland die Menschen am längsten schlafen. Die ließ der weitgehend unbekannte Berliner Matratzen- und Bettenhersteller Belama durchführen und landete einen mächtigen Clipping-Erfolg. Ob sich die Millionen Menschen, die die Nachricht gelesen haben, den Namen Belama gemerkt haben, sei mal dahingestellt. Dass die Berliner Langschläfer in der Studie auf Platz eins landeten, ist für das Geschäft aber sicher nicht schädlich.

So sicher der Erfolg von solchen Rankings ist, so unsicher ist, wie Redaktionen mit dem Absender umgehen. Das Institut, das die Studie durchgeführt hat, wird genannt, der Auftraggeber wird hier und da schon mal verschwiegen. Ein klassisches Ärgernis von PR-Schaffenden, das schon zu manchem Anruf (oder besser Mail) in Redaktionen geführt hat. Aber keines, das Spotify umtreiben wird – selbst wenn die Plattform nicht genannt würde. „Wrapped“ hat es längst zur eigenen Marke gebracht.

 

Grafik zur Konferenz CEO Kommunikation mit vier Sprechern und dem Datum 11. Februar 2026 in Berlin.

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