Der Fußballer Toni Kroos macht an sich stets einen kontrollierten und gelassenen Eindruck – nicht nur auf dem Platz. Von daher war es umso bemerkenswerter, als der Weltmeister und ehemalige Real-Madrid-Spieler nach dem gewonnenen Champions-League-Finale 2022 einen Reporter zusammenfaltete. ZDF-Mann Nils Kaben hatte es sich erlaubt, im Moment des Triumphs auf dem Spielfeld eine kritische Frage zu stellen. Kroos hätte dem Publikum lieber von seinen Kindern erzählt.
Man muss Verständnis für ihn haben: Kritische Fußballfragen sind im Fernsehen selten geworden. Da muss man es erstmal verarbeiten, wenn man sich rechtfertigen muss. Von daher wird das neue Angebot des DFB keinen Gralshüter des Journalismus ernsthaft umtreiben. Unkritischer als jetzt kann die TV-Fußballberichterstattung kaum noch werden.
Es ist ein bemerkenswerter Move des DFB. Ein Verband produziert Paid Content für den Endverbraucher. Schon das ist revolutionär. Für 5,99 Euro im Monat und 59,99 Euro im Jahr können Fußballfans vom 22. Mai an jede Menge Liveübertragungen schauen. Von den Junioren-Nationalteams, der 2. Frauen-Bundesliga und Beachsoccer – also nicht von der ganz großen Bühne. Dazu gibt es aber auch Dokus und Hintergrundberichte von der Männer-Nationalmannschaft. Pünktlich zur heißen Phase der WM-Vorbereitung geht es los.
Wann kommt Bundesliga.TV?
DFB.TV nennt sich das Ganze. Betriebswirtschaftliche Logik und gesicherte Einnahmen von etwa 1,1 Milliarden Euro pro Saison mal beiseitegeschoben: Der Bundesliga-Betreiber DFL sollte sich ein Beispiel am Verband nehmen und jetzt Bundesliga.TV aufziehen. Die Liga könnte alles selbst produzieren und die ständig wiederkehrende Frage obsolet machen, welche Streaming-Anbieter in der neuen Saison wann welche Spiele zeigen. Die Bilder kommen schließlich schon lange von der Liga selbst. Die Verwirrung der TV-Zuschauer angesichts der Unübersichtlichkeit der Anbieter ist groß. Die Kosten sind stattlich, wenn man inklusive Champions League gut versorgt sein will.
Anders als die Verbände behandeln schließlich auch ihre Rechte-Partner den Profi-Fußball nicht. Sie sehen ihn in erster Linie als Produkt, das es zu vermarkten gilt. Und das geht nicht über dröge bis negative Inhalte. Für schlechten Fußball wollen nur Hardcore-Fans Geld zahlen. Da muss von DAZN, Amazon Prime und Sky zumindest suggeriert werden, dass das Spiel, wenn es schon nicht hochklassig ist, doch zumindest irgendwie „intensiv“ oder taktisch interessant sei. Selbst recht gewöhnliche Treffer werden zu Traumtoren hochgejubelt. Ein Vergnügen für jeden PR-Berater sind generell Dokus über Spieler, meist verbunden mit Home Stories.
Werbe-Buddys und Ex-Mitspieler
Bei Live-Spielen übernehmen zunehmend ehemalige Spieler als Experten das Ruder und degradieren die eigentlichen Kommentatoren zu Statisten. Was sie naturgemäß mitbringen: Sachkenntnis und Insights. Was nicht: Distanz. So wurden die jüngsten Leistungen von Bayern-Torwart Manuel Neuer in den Spielen gegen Real Madrid im TV vor allem von ehemaligen Mitspielern kommentiert. Logisch, dass der Ball da nicht flach gehalten wird.
Befremdlicher wird es, wenn Moderatorinnen wie Laura Wontorra dauerpräsente Werbefiguren sind und gar zusammen mit Fußballern Werbung machen wie im aktuellen Fall mit Thomas Müller für den Schuhverkäufer Deichmann. Müller spielt zwar nicht mehr für Bayern München und in der Nationalmannschaft, sondern für Vancouver und damit abseits der ganz großen Bühne, aber das zeigt, in welche Richtung es geht. Journalismus braucht Distanz. Entertainment nicht. Fernsehfußball ist mittlerweile vor allem Zweites: reine Unterhaltung. Die kann dann aber auch ein Verband mit entsprechend professioneller Hilfe liefern.
Wie wenig distanziert das Verhältnis zu den Rechtenehmern ist, zeigt auch, dass DFB.TV unter anderem über DAZN vertrieben werden soll. Einen deutlicheren Beleg für fehlende Grenzen zwischen Marketing und Berichterstattung gibt es gar nicht. Warum sollen DFB und DFL dann nicht auch alles gleich selbst produzieren? Dann herrscht wenigstens Klarheit. Aber bitte Didi Hamann als Experten behalten!