It’s the picture, stupid

Kolumne

„Was ist unser Bild?“ Eine klassische Kundenfrage. Sie ist auch berechtigt. Was nützt schließlich das perfekt inszenierte Event ohne eine starke Optik, die hängenbleibt und am Ende für das große Ganze steht?

Die Auslosung der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Hamburg beispielsweise punktete nachhaltig durch jede Menge Container, die die einzelnen Gruppen darstellten. Die Produkt-Präsentationen des früheren Apple-CEOs Steve Jobs lebten auch davon, dass sie ikonische Bildmomente kreierten – wie beim ersten iPhone.

Ein starkes Bild zählt gerade in der Krise, wenn das Motiv im besten Fall in der Lage ist, Hoffnung und Mut zu vermitteln, den handelnden Akteur in ein gutes Licht zu rücken und operative Mängel in den Hintergrund treten zu lassen. Ein Beispiel aus der Unternehmenswelt: Lufthansa-Chef Carsten Spohr bewegte mit öffentlichen Tränen nach dem durch einen Co-Piloten verursachten Flugzeugabsturz der Konzern-Tochter Germanwings, der 150 Menschen zum Opfer fielen. Der sichtlich erschütterte Ex-Pilot strahlte Anteilnahme und Verantwortung aus.

Das kann man Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner nicht attestieren, als er nach dem verheerenden Stromausfall im Südwesten der Hauptstadt reichlich spät an die Öffentlichkeit trat. Über seine kommunikativen und offensichtlich auch operativen Mängel ist bereits hinlänglich geschrieben worden. So viel, dass Wegners Umgang mit der Krise mittlerweile wichtiger zu sein scheint als die Frage, wie das Berliner Stromnetz resilienter gegen Angriffe wird.

Diese Angriffsfläche hätte Wegner vermeiden können, wenn er den alten Grundsatz „It’s the picture, stupid“ beherzigt hätte.


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Ein Bild, das seit Tagen die Runde macht, und ein Symbol des Blackouts ist, zeigt Wegner gehetzt und zerfahren während einer Pressekonferenz inmitten zweier Senatorinnen, die wie Aufpasserinnen wirken, die ihn erschöpft vom Tennisplatz eskortierten. Dabei gab es auch ein Dokument der Empathie während der Krise: Wegner an der Pritsche einer 97-jährigen Seniorin, die Zuflucht in einer Turnhalle suchen musste. Das Foto ist anrührend, aber das öffentliche Bild war bereits gesetzt: Es zeigt den zerfahrenen Wegner, nicht den mitfühlenden.

Es ist dieser Tage viel über den fehlenden „Gummistiefel-Moment“ geschrieben worden, der teils gar nicht mehr erklärt wird. Dabei liegt er schon mehr als 20 Jahre zurück. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder besuchte das Hochwasser am Oderbruch – in Gummistiefeln und Regenjacke. Anpackende Ausstrahlung und ganz nah bei den Leuten.

Es ist ein Foto wie aus dem PR-Lehrbuch. Was Schröder damals gesagt hat, weiß kein Mensch mehr. Ob er irgendeinen Verdienst bei der Bewältigung der Flutfolgen hatte, genauso wenig. Wie lief das eigentlich noch mal genau?

Was man weiß oder zu wissen meint: Der Einsatz beziehungsweise die Fotos davon haben ihm die hauchdünne Wiederwahl bei der Bundestagswahl 2002 beschert. Wegner dürfte es schwerfallen, den Erfolg bei den im September anstehenden Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus zu erreichen.

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