Nachfass in der Redaktion, der Klassiker: „Haben Sie meine E-Mail gesehen?“ Antwort: „Ja, aber welche meinen Sie?“ Es ist der typische Auftakt eines Telefongesprächs zwischen PR-Verantwortlichen und Journalisten im Jahr 2025.
Deutschlands Journalist:innen, so legt eine Umfrage der dpa-Tochter „News Aktuell“ nahe, ertrinken in einer Flut belangloser E-Mails. Demnach sehen 56 Prozent der befragten Redakteur:innen irrelevante PR-Mails als persönliche Herausforderung im Job. Das ist der höchste Wert überhaupt. Das Problem ist so groß, dass es sogar zeitgemäße Phänomene wie einen hohen Arbeitsdruck und knappe Personalressourcen (51 Prozent) sowie die Herausforderung ständig wachsenden digitalen Kompetenzbedarfs (35 Prozent) locker in den Schatten stellt.
Während Redakteurinnen und Redakteure ihren KI-Avatar entwickeln, laufen im Hintergrund die Postfächer voll. Ein Teil des Problems trägt den Namen „Zimpel“. Solche Datenbanken sorgen für eine wenig passgenaue Ansprache, weil die Verteiler zu unspezifisch sind.
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Da wird dann schon mal der Feuilleton-Chef mit der neuesten Produktinnovation eines Mittelständlers konfrontiert. Das führt mittlerweile zu akuter Verstopfung. So gehen selbst relevante Themenangebote im Postfach unter oder fallen der ebenfalls als hochproblematisch angesehenen Zeitnot zum Opfer, worauf diverse erfolgreiche Nachfass-Mails des Autors schließen lassen. Dialog: „Etwa kein Thema?“ Antwort: „Doch, ist interessant. Ich bin nicht dazu gekommen zu antworten.“ Das macht den PR-Profi etwas ratlos: Wenn nicht reagiert wird, heißt das noch lange nicht Desinteresse. Was den häufig verspotteten Nachfass-Klassiker noch notwendiger macht.
Einen Gutteil der Schuld an ihrer E-Mail-Pein tragen aber auch die Journalist:innen selbst. Viele Redaktionen sind mit der Herausgabe von Telefonnummern – wohlgemerkt von Arbeits-Apparaten – sehr sparsam. Von der Zentrale durchgestellt zu werden, ist für PR-Leute kaum noch möglich.
Viele Journalist:innen betonen, generell lieber per E-Mail angesprochen zu werden. Es drängt sich der Eindruck auf, klingelnde Telefone führten in Redaktionen mittlerweile zu Angst und Schrecken. Bei den E-Mails aber verstärkt jeder Nachfass die Verstopfungsgefahr – ein Dilemma. Gut, dass die meisten Medienhäuser mittlerweile ihre Fax-Geräte abgeschaltet haben.
Prinzipiell können viele Medien eher froh sein, überhaupt noch gefragt zu sein. Jede E-Mail ist schließlich ein kleiner Beleg für die eigene Wirkmächtigkeit. Und in der „News Aktuell“-Umfrage wird von den Redakteur:innen der Bedeutungsverlust traditioneller Medien als eines der größten Probleme angesehen.
Was sind dagegen schon 1.000 ungelesene E-Mails?
Dass PRler öfter zum Hörer greifen wollen, hält der Journalist Jan Schulte für keine gute Lösung. Er macht einen Gegenvorschlag. Lesen Sie hier seine Replik.

