Große Aufregung um fast nichts

Merz-Posting

Es war sicher gut gemeint – und eine realistische Bestandsaufnahme der deutschen Fußball-Misere ist vom Bundeskanzler ohnehin nicht zu erwarten. Aber natürlich hat sich jeder gefragt, welches Spiel der Kanzler wohl gesehen hat, als er nach der Niederlage Deutschlands gegen Paraguay twitterte: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Die Häme allerdings, die nach seinem missglückten Posting zum WM-Aus über Friedrich Merz ausgeschüttet wurde, ist vor allem der derzeitigen Gesamtstimmung und der für ihn bedenklichen Umfragewerte geschuldet. Dass diese Nation jegliches Maß verloren hat, konnte jeder an den Reaktionen auf des Kanzlers Fußball-Kommentar gut ablesen: „Bild“ räumte dem Thema online gleich doppelten Aufmacher-Status ein, während das sportliche Debakel bereits vor dem Mittagessen in die zweite News-Liga abgestiegen war. „Merz macht sich mit Posting lächerlich“, lautete eine „Bild“-Headline. Diverse Redaktionen fühlten sich genötigt, den Vorgang schon zu kommentieren, als die Hintergründe für das Posting noch gar nicht klar waren.

Die Tatsache, dass ein Mitarbeiter offenbar zur falschen Vorlage gegriffen hatte, ist für die Abläufe im Bundespresseamt peinlich. Sie bedeutet aber nicht (wenn es denn stimmt), dass der Kanzler seine Ansprüche mittlerweile so weit heruntergeschraubt hat, dass er auf eine armselige Darbietung der Nationalmannschaft stolz ist. Und genau das war der Kern der Kommentare. Sein WM-Posting wurde als Beleg für Deutschlands Anspruchslosigkeit und Durchschnittlichkeit gewertet. Kleiner geht es nicht mehr. Wenn es darum geht, nachzuweisen, wie wenig die Nation und ihr Kanzler mittlerweile von sich erwarten, und um noch ein wenig Öl ins defätistische Feuer zu gießen, ist inzwischen jeder vermeintliche Beleg recht.

Unverhältnismäßig

Auf der anderen Seite des Atlantiks haut ein Kollege von Merz jeden Tag die hanebüchensten Dinge auf Social Media raus. Beschimpfungen, Lügen, wahnwitzige Vorhaben und Superlative ohne jede Basis und Substanz. Doch mit Blick auf die eigene mentale Gesundheit blenden viele hierzulande das Dauerfeuer von Donald Trump auf allen Kanälen inzwischen weitgehend aus. Das kann man so machen, weil ohnehin nur ein Bruchteil davon ernst zu nehmen ist. Allerdings verdeutlicht die Aufregung um den Merz-Stolz, dass wir uns in einer gefährlichen Wahrnehmungs-Schieflage befinden. Die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr.

Titel der taz mit dem Text: "Was für ein Reformpaket!" und Bildern von drei Personen in einem politischen Kontext.
Titel der taz vom 3 Juli 2026

Eine pointierte Einordnung lieferte die gute alte „taz“: Ihre ironische Verknüpfung der beiden Merz-Leistungen dieser Woche führt die ganze Peinlichkeit der Kommentare zu seinem Tweet dann irgendwie noch zum versöhnlichen Ende. Die schwarz-rote Koalition hat sich auf ein Reformpaket geeinigt, das dann doch das wichtigere Thema als ein missglückter Tweet ist.

Hinweis: Die Agentur fischerAppelt und Dirk Benninghoff waren im Bundestagswahlkampf für die CDU tätig.