E-Mails von Unternehmen sind im Privaten eher selten Aufreger, es sei denn, der eigene Stromversorger setzt den Abschlag mal wieder etwas rätselhaft fest. Meist werden Produkte angeboten, es gibt Schnäppchen und derzeit schneit es Weihnachtsgrüße. Die Netflix-Abonnenten dagegen hatten diese Woche einen echten Hingucker im Postfach.
Der kundige Empfänger rieb sich die Augen. Hatte der Streaming-Marktführer doch kurzerhand seinen Kunden die Übernahme von Warner Bros. verkündet, noch bevor Behörden und Aktionäre zugestimmt hatten. Mit dem Satz „Wir müssen noch ein paar Dinge erledigen“ wurde dieser Umstand etwas lapidar konstatiert. Dumm nur, dass Konkurrent Paramount kurz darauf mit einem wettbewerbsfähigen Gegenangebot um die Ecke kam.
Doch war das tatsächlich ein kommunikativer Fail? Es gibt durchaus Stimmen, die das anders sehen. Netflix habe damit Druck aufbauen und zeigen wollen: Wir meinen es wirklich ernst. Außerdem sei es bemerkenswert, den selten für Relevantes genutzten Kanal Kunden-Mailing zu nutzen, um hier volle Transparenz zu zeigen. Nur hätte man dann der Zielgruppe nicht auch neue Produkte präsentieren müssen?
Schimpfwort „Ankündigungsweltmeister“
Netflix, bislang handfest und verlässlich unterwegs, setzt sich zumindest der Gefahr aus, unter die Kategorie „Ankündigungsweltmeister“ zu fallen.
So werden gemeinhin Menschen, Unternehmen und Organisationen abfällig tituliert, die etwas versprechen und dann nicht liefern. Der Begriff ist in den vergangenen Jahren zum Schimpfwort geworden, weil es insbesondere in der Politik an wortreichen Verheißungen nicht gefehlt hat, an Resultaten dagegen sehr wohl. Bei Unternehmen wird beispielsweise der Deutschen Bahn der Vorwurf gemacht, weil sie unter anderem bei der Generalsanierung der Riedbahn mehr Verbesserung versprochen habe, als sie derzeit einzuhalten vermag.
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Für Kommunikatoren ergibt sich ein Dilemma: Es wird allenthalben Transparenz und Offenheit gefordert. Man müsse die Stakeholder von Beginn an mitnehmen, heißt es gerne. Und das mit möglichst klaren und konkreten Informationen. So in etwa klingt es in Lehrbüchern zur Kommunikation. Nur kann kein Absender, die Bahn schon gar nicht, garantieren, dass die hehren Ziele eins zu eins und im entsprechenden Zeitrahmen erreicht werden. Und schon gar niemand wird sich bei der Verkündung seiner Pläne verzagt geben. „Mal gucken, ob das Projekt wirklich etwas verändert. Wir hoffen es jedenfalls.“ So wird hoffentlich niemand kommunizieren. Nein, wenn Unternehmen etwas planen und verkünden, sollten sie Ambitionen, Klarheit und Selbstbewusstsein versprühen.
Unterverkaufter Best Case
Wozu Understatement führen kann, zeigt ein Fall aus der Autobranche: Als Volkswagen im Sommer sein erstes autonomes Taxi in Hamburg vorstellte, war das ein Best Case, der es von der Relevanz her mit einer großen Streckensanierung im Schienenverkehr locker aufnehmen kann. Endlich eine wirkliche Innovation der angeblich so hinterherfahrenden deutschen Autoindustrie!
Den Big Bang gab es dennoch nicht. Kein Trommelwirbel vorab. Die Berichterstattung konnte mit der Tragweite des Events nicht mithalten. „Autonomes Fahren: VW stiehlt Tesla die Show“, schrieb die Deutsche Welle. Auch von Überholen war die Rede. Eigentlich eine Sensations-Headline, die aber garantiert in keinem Jahresrückblick auftauchen wird.
Daher an alle Kommunikationsverantwortlichen: Verkündet mit Verve! Versprecht vielleicht nicht, aber stellt in Aussicht! Und nicht ungefähr, sondern so konkret wie möglich.
Aber bitte nicht so langfristig wie Ex-Verkehrsminister Volker Wissing, der den Deutschland-Takt der Bahn, also die halbstündige Verbindung aller Städte der Republik, gleich auf das Jahr 2070 verschob. Später stellte er zwar klar, dass in dem Jahr das Projekt komplett vollendet sein solle, aber die Aussicht, dass zumindest eine Städteverbindung erst in geschlagenen 46 Jahren in den Genuss des Halbstundentakts kommt, wirkte doch etwas absurd. Möglicherweise lassen wir uns dann eh längst von A nach B beamen.