KOM: Nach welchen Kriterien wählen Journalisten Zitate für Headlines aus?
„Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“ – so lautete die Headline eines Interviews des „Spiegel“ mit Friedrich Merz. Prinzipiell kann jeder Satz aus einem Interview zur Überschrift werden. Am schönsten ist es natürlich, wenn alle Sätze im Gespräch so gefallen sind, wie sie später im Text stehen. In der Realität gibt die Autorisierung dem Interviewten noch die Chance, Einfluss darauf zu nehmen, welche Zitate am Ende als Überschrift über dem Gespräch stehen könnten.
Das wichtigste Kriterium für mich bei der Überschriftenauswahl ist: Welches Zitat verkauft das Gespräch am besten?
Je weniger Auswahl ich habe, desto einfacher fällt mir die Wahl. Doch Vorsicht: Wenn Sie ein Interview als Kommunikationsverantwortlicher in der Autorisierung bis auf eine schöne Stelle glattschleifen, verzichten Journalisten im schlimmsten Fall darauf, das langweilige Ergebnis überhaupt zu veröffentlichen.
Sicherlich haben Sie eine Botschaft mit in das Gespräch genommen. Hier können Sie den Journalisten einige Brücken bauen. Die Kernaussage sollte in einem einfachen Hauptsatz ohne Nebensätze stehen. Verzichten Sie auf Adjektive, Einschübe, Relativierungen und sonstigen Firlefanz. Das streichen Journalisten ohnehin, wenn es der Satz in die Überschrift schafft. Die Headline muss kurz sein.
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Spannend finde ich Urteile von Fachleuten zu aktuellen Debatten. Etwa: „Gegen Blaumacher können wir wenig tun“ als Überschrift zu einem Gespräch mit dem Ärztepräsidenten. Die Experten können Probleme scharf benennen. Oder sie bestätigen, was wir ohnehin vermuten, oder sagen etwas, was unseren Annahmen komplett widerspricht.
Wenn mächtige Manager etwas fordern, hat das Nachrichtenwert. Ein Beispiel wäre die Überschrift „TUI-Chef im Gespräch: ‚Mutig wäre eine Legislaturperiode ohne neue Gesetze‘“.
Bei Prominenten – auch aus Wirtschaft und Politik – machen witzige Anekdoten oder persönliche Einblicke neugierig auf das Gespräch. Zum Beispiel auf das mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir in der „Zeit“: „Die Prognose war, dass ich nie richtig Deutsch lernen werde.“
Lehrbuchregeln, nach denen eine Überschrift einen Gesprächsverlauf abbilden muss, sind nett, aber irrelevant. Wenn der Kontext im Interview das Zitat in ein anderes Licht stellt, ist das kritikwürdig. Mit der Kritik leben Journalisten aber gerne, solange der Text gut läuft. Häufig werden Headlines nachjustiert, wenn sie online nicht performen.
Prägnante Zitate verbreiten sich unabhängig von Ihren Wünschen sowieso. Zitate extra sperrig zu formulieren, ist für Journalisten ärgerlich, schützt aber vor Zuspitzung nicht. Sie können für Überschriften und Pull Quotes umgestellt werden. Aus „Ich glaube nicht, dass die Bundesregierung den Ernst der Lage verstanden hat“ wird ohne Probleme die Überschrift „Die Bundesregierung hat den Ernst der Lage nicht verstanden“. Schon ist es ein Fakt.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Social. Das Heft können Sie hier bestellen.