Schaut man sich auf Linkedin um, was bei aller berechtigten Kritik ein sehr guter Seismograf für das ist, was die Branche umtreibt, dann gibt es in dieser Woche nur ein Thema: Wieviel KI darf es denn sein beim Schreiben von Texten und Reden?
Ich hatte das Thema KI bereits in der vergangenen Kolumne aufgegriffen. Da ging es um den Blickwinkel von Journalisten auf PR-Texte. Seitdem hat die Diskussion neue Facetten erhalten. Jetzt wird diskutiert, ob und wie stark Politiker und Journalisten selbst auf KI zurückgreifen dürfen – und ob dies zu kennzeichnen sei. Was auffällt: Oft wird aneinander vorbei diskutiert. Sehr häufig müssen missverständliche Beiträge klargestellt werden. Man wünschte sich fast, die eifrigen Linkedin-Diskutanten würden KI einsetzen, um ihre Argumente auf Sinn- und Stichhaltigkeit zu überprüfen.
Eindeutig ist nur eine Entwicklung: Als die Large Language Modelle aufkamen, wurden sie als Werkzeuge begrüßt, die kreative Geister von handwerklichen Leistungen entlasten könnten. Die Geister hätten ihren Kopf dann frei für Großes, so die naive Vorstellung. Der Wind hat sich etwas gedreht.
Heute lagern Journalisten wie Stephan-Andreas Casdorff selbst das Kreative an die KI aus. Der frühere Herausgeber und Kolumnist des „Tagesspiegel“ wurde von seinen Aufgaben entbunden, weil er mehrere Kolumnen von KI hatte schreiben lassen, ohne das zu kennzeichnen. Im Übrigen nicht nur für den „Tagesspiegel“, sondern auch für die „Jüdische Allgemeine“. Was bleibt dann noch von den vermeintlichen Vordenkern? Was ist der Daseinszweck von meist sehr gut honorierten Kolumnisten, wenn ihre steilen Thesen gar nicht von ihnen kommen, sondern von KI generiert werden? Und warum sollten Verlage für sie noch üppige Honorare zahlen? Bezahlt würde dann wirklich nur noch der Name, nicht mehr der Inhalt.
Die Sache mit der Fortschrittsfeindlichkeit
Wer diese Fragen stellt, ist mitnichten fortschrittsfeindlich und auch kein „Postkuschen-Lobbyist“. Der Vergleich wird stets bemüht, wenn sich jemand traditionell gibt. Als habe es in der Industriegeschichte keine andere Disruption gegeben als das Automobil. Jetzt verwendet Springer-Boss Mathias Döpfner genau dieses Bild. Der Unterschied: Das Auto half dem Menschen, schneller zu werden. Es ersetzte ihn nicht, wie KI es in Teilen tut.
Lesen Sie auch:
- KI in der PR: Wenn Texten zur Last wird
- Gastkommentar: Nein, KI macht uns Agenturen nicht billiger
- Frauen nutzen KI deutlich seltener als Männer
Dass der ein oder andere kritische Kopf und Fragen stellt, versteht sich für eine aufgeklärte demokratische Gesellschaft von selbst. Aber vielleicht orientieren sich die Fortschrittsfreunde, die jegliches Infragestellen als rückständig werten, ohnehin eher an den heutigen USA, wo Donald Trump und Tech-Oligarchen an einem anderen Gesellschaftsmodell arbeiten.
Bitte keine KI-Jäger!
Und natürlich kann man dann auch über die Kennzeichnungspflicht von KI-Texten diskutieren. Der Presserat hält davon nichts. Der Deutsche Journalisten-Verband sehr wohl. Doch jede klassische Nachricht – schon immer ein Produkt aus dem Maschinenraum – als KI-generiert zu labeln, ginge sicher zu weit. Und jede Inspiration zu kennzeichnen ebenso. Dann hätte so gut wie jeder Text einen Disclaimer. Das will sicher niemand. Genauso wenig wie KI-Jäger, die in Texten wühlen, wie es ihre Kollegen von der Plagiatsfront machen. „Frag den Staat“ hat hier den Anfang gemacht. Andere dürften folgen.
Auch Reden von Politikern oder Managern sind anderen Regeln unterworfen. In den Debatten um einen von der „FAZ“ gelöschten Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt und um Reden von Digitalminister Karsten Wildberger führen deren Verteidiger wie Mathias Döpfner zurecht ins Feld, dass Gastbeiträge und Reden ohnehin nur zu einem kleinen Teil das Produkt des vermeintlichen Urhebers sind und sich vielmehr Referenten und PR-Berater um solche Texte kümmerten. Und diese Helfer nutzen jetzt eben KI. In der Tat sollte man hier wohl eher das Qualitäts-Upgrade begrüßen, das dadurch möglich wird, als es zu kritisieren.
Aber warum nicht auch Interviews nur noch mit KI führen, in denen Antworten und teils sogar Fragen eh durch den textlichen Fleischwolf gedreht werden? Das Thema hatte ich kürzlich ebenfalls beleuchtet und es treibt die Branche genauso um. Hier könnte KI helfen. Sie würde manches glattgeschliffene Gespräch sicher interessanter machen. KI als Rettung des Formats Interview, auf das heute kein Journalist mehr Lust hat. Das wäre mal eine schöne Weiterentwicklung.