Wenn es um „unsere Demokratie“ geht, monieren deutsche Medien schon länger die fehlende Streitkultur im Land. Der Unwillen oder die Unfähigkeit, miteinander vernünftig in einen Diskurs zu gehen, wird als eines der Grundübel angesehen, die für die derzeit eher finstere Stimmung im Land sorgen. Es sei mal dahingestellt, ob es Sinn hat, mit AfD-Anhängern über Klimawandel zu diskutieren, wo laut Umfrage gerade mal ein Prozent von ihnen das überhaupt als Problem sieht. Oder mit Höcke-Fanboys über die Vorteile von Migration zu reden. Aber es kann eben beruhigend wirken, anzunehmen, das Volk müsse nur wieder lernen, vernünftig zu streiten, dann werde sich seine Spaltung schon erledigen.
Die „Zeit“ hat schon vor einigen Jahren das Format „Deutschland spricht“ ins Leben gerufen und so mittlerweile Tausende Bürger unterschiedlicher Lager ins Gespräch gebracht. Die ARD versucht Selbiges mit „Was Deutschland verbindet“. „Reden statt spalten“, so das Credo. Solche Formate folgen keiner primär journalistischen Motivation. Die Debatten sind kaum so relevant oder interessant, dass sich im Einzelnen darüber berichten ließe. Nein, Medien agieren aktivistisch, betreiben Haltungs-Journalismus, wollen ihren Teil zur Verteidigung der Demokratie beitragen. Gebracht hat es bislang jedoch nichts. Ohne den Medien zu unterstellen, es läge an ihrem öffentlich ausgelebten Diskurs-Drang: Die Stimmung im Land hat sich im Gegenteil vielmehr verfinstert.
Dennoch kommt der „Spiegel“ jetzt mit dem nächsten Streit. Das Magazin lädt zwei Promis ein, die gegensätzliche Ansichten haben, und nennt es allen Ernstes „Mediation“. Ganz so, als hätte man ein scheidungswilliges Paar zu Gast. In der ersten Folge waren es die weltanschaulich wahrscheinlich schon von Geburt an geschiedenen Luisa Neubauer und Sepp Müller. Sie Klimaaktivistin, er CDU-Politiker. Entsprechend lief das Gespräch. Der „Spiegel“ gab sich zufrieden. „Sie nähern sich an“, lautete sein – Achtung, Unterstellung – vorgefertigtes Fazit. Immerhin gesteht Müller, mal bei „Fridays for Future“ mitgelaufen zu sein und Neubauer lobt zwei andere CDU-Politiker.
Die anmaßende Annahme des „Spiegel“
Solch aufgesetzte Formate machen weder Lust auf Debatte, noch lösen sie irgendwelche übergeordneten Probleme. Genau das aber suggeriert der „Spiegel“ mit einem weiteren neuen, ebenso fragwürdigen Format: „Spiegel Solutions“. „Lösungsorientierter“ Journalismus also.
Immerhin maßt sich der „Spiegel“ nicht an, selbst Lösungen zu finden, er will vielmehr über Dinge berichten, die „gelingen“. Beobachter wandelten den berühmten Leitspruch des Gründers Rudolf Augstein denn auch schnell in „Sagen, was gelingt“ ab.
Die neue Constructive-News-Offensive wirkt allerdings verdächtig: Sollte es nicht schon immer, ganz im Sinne des berühmten „Sagen, was ist“, Aufgabe des „Spiegel“ und aller Medien sein, auch über Dinge zu berichten, die funktionieren? Und ist es nicht anmaßend von dem Magazin, zu suggerieren, dass die ewige negative Berichterstattung zur schlechten Stimmung im Land beitrage? Denn die Masse der AfD-Anhänger (und damit der Stimmungskiller im Land) vertraut klassischen Medien ohnehin nicht und liest sie höchstens, um sich danach über ihre Verkommenheit empören zu können.
Wenn Medien überhaupt „unserer Demokratie“ einen Dienst erweisen sollten, dann bitte den, nicht jedem Hinterbänkler eine Plattform zu bieten, der meint, sich mit Kritik oder gar Infragestellung von längst Beschlossenem auf sich aufmerksam zu machen. Oder so lange Ökonomen abzutelefonieren, bis einer die nächste Reform in Grund und Boden redet. Das verstärkt den Eindruck, in diesem Land werde nichts auf den Weg gebracht und alles zerredet. Das wäre ein Anfang – und der benötigt nicht mal einen „Mediator“.