Wenn Kontrolle übergriffig wird

Media Relations

Klaus Max Smolka (wir haben bei der „Financial Times Deutschland“ zusammengearbeitet) ist ein Journalist mit Prinzipien. Der „FAZ“-Mann verweigert die Autorisierung von Zitaten, weshalb er keine klassischen Interviews mehr führt. Er stellt damit eine Ausnahme in der Branche dar. Dass Aussagen in der Autorisierungsphase frisiert werden, ist in Deutschland schon seit vielen Jahren Standard – zur Freude von PR-Abteilungen, oft zum Leidwesen von Journalisten, die Interviews im Nachhinein nicht mehr wiedererkennen und Gespräche vor sich haben, die so nicht im Ansatz geführt wurden.

Während die Autorisierungspraxis generell mittlerweile kaum noch Aufreger-Status hat, entdeckte Smolka nun etwas, das dem Bestreben, journalistische Arbeit zu kontrollieren, eine neue Qualität verleiht: Auf einer Konferenz der Private-Equity-Branche, die demnächst in Berlin stattfindet, sollten Journalisten vorab bestätigen, dass sie jedes Zitat, das in einem öffentlichen Panel oder Vortrag fällt, vor Veröffentlichung mit dem Urheber abstimmen. Es geht hier nicht um Treffen im Kaminzimmer oder um eine private Veranstaltung, sondern um eine Konferenz mit angeblich 6.000 Teilnehmern. Man stelle sich einmal vor, man müsse jedes OMR-Zitat von Scott Galloway oder Philipp Westermeyer mit ihnen abstimmen.

Stärkt das die Demokratie?

Diese ungewöhnliche und geradezu unverschämte Aufforderung markiert ein neues Level in einem seit Langem zu beobachtenden, besorgniserregenden Trend. Während Unternehmen und Organisationen zum einen bei jedem Anlass betonen, wie wichtig es sei, „unsere Demokratie“ zu stärken, tun sie selbst auf der anderen Seite immer mehr, einen wichtigen Eckpfeiler dieser Demokratie auszuhöhlen: die freie Arbeit von Journalisten. Das passt nicht zusammen.

Die Kontrolle über die eigenen Botschaften behalten zu wollen, gehört zum Standard-Vorhaben professioneller PR. Das geht aber mittlerweile so weit, dass man sich fragt, ob Pressearbeit hier und da nur noch als lästige Notwendigkeit angesehen wird.

Drangsalierende Maßnahmen gibt es vor allem bei Interviews mittlerweile viele. Der Einfallsreichtum kennt kaum Grenzen. Ein paar Beispiele:

  • Interviews werden auf Minuten-Slots reduziert.
  • Selbst bei Fragerunden mit mehreren Personen und Journalisten müssen Zitate autorisiert werden.
  • Trotz dieses doppelten Bodens sollen Fragen vorher eingeschickt werden.
  • Der Frage-Korridor wird so eng abgesteckt, dass überhaupt keine Chance mehr auf ein wirkliches Gespräch besteht.

Love Brands sind nicht erwartbar

All das schadet nicht nur der journalistischen Arbeit selbst, sondern auch der anderen Seite: den Unternehmen oder politischen Akteuren. Wo die Daumenschrauben dermaßen eng angelegt werden, entsteht nur noch Erwartbares, und das liest sich dann auch so oder hört sich genau so an.

Kein Format hat so an Beliebtheit bei Journalisten verloren wie das Interview. Aus gutem Grund laden erfolgreiche Podcaster wie Paul Ronzheimer kaum noch Politiker ein, weil sie wissen, dass unbefangene Gespräche mit überraschenden Aussagen da nicht zu erwarten sind. Bei textlichen Interviews kommt die Autorisierung noch hinzu.


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Manager wiederum, die in engen Aussagenkorridoren gefangen sind, werden dem Leser, Zuschauer und Hörer kaum neue Facetten ihres Unternehmens eröffnen, mit Anekdoten glänzen, die hängen bleiben, und Love-Brand-Punkte sammeln. Es wird in diesen Gesprächen wenig geben, das nicht bereits so ähnlich in auf die Unternehmensbotschaften abgestimmten Pressemitteilungen gestanden hat.

Kurzum: Medien und Manager und Politiker können sich das Interview sparen. Und das machen Journalisten, deren Zeit ohnehin immer mehr verdichtet wird, auch zunehmend.

Wenn selbst Aussagen, die auf öffentlichen Bühnen fallen, autorisiert werden müssen, wird die Wirklichkeit möglicherweise auch noch falsch dargestellt. Was denkt zum Beispiel der Zuschauer aus dem Konferenz-Saal, wenn er im „FAZ“-Text ganz andere Aussagen liest, als er sie vom Panel in Erinnerung hat? Wir werden es, Smolka sei Dank, nie erfahren.

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