Unabhängig vom Ausgang: Wenn die Wahl in Sachsen-Anhalt vorbei ist, wird so mancher drei Kreuze machen, der bislang annahm, dass Linkedin ein Business-Kanal sei, und Landtagswahlen angesichts einer durch und durch freidrehenden Welt für kaum noch relevant hielt.
Erst einmal. Denn wiederum abhängig von ihrem Ausgang könnte die Landtagswahl nicht nur politisch, sondern auch medial einzigartig sein.
Bisher war das Spiel wie folgt: Die Fernsehsender überfallen für ein Wochenende eine Landeshauptstadt und machen diese für einen Tag zum Zentrum der Welt. Am Montag gibt’s noch Nachberichterstattung, wobei der Fokus dann schon nicht mehr auf Schwerin, Düsseldorf oder Mainz liegt, sondern auf Berlin. Die weiteren Entwicklungen im Bundesland wie Koalitionsverhandlungen werden schließlich zum Fall für den Nachrichtenblock. Berichterstattung über Landespolitik gibt es in der Regel nur bei ernsthaften Krisen und Skandalen.
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Diesmal könnte es anders laufen. Nach einem AfD-Sieg würde Magdeburg mit Sicherheit über lange Zeit ein Zentrum der Berichterstattung werden. Nicht nur das macht die Wahl am Sonntag medial und kommunikativ einzigartig. Es gibt gleich eine Reihe teils fragwürdiger Besonderheiten:
- Podcast schlägt Fernsehen:
Die Wahl hat dem Podcast-Genre einen starken Bedeutungsschub verliehen. Das Gespräch des selbst ernannten Kämpfers für Meinungsfreiheit, Ben Bernd („Ungeskriptet“), mit AfD-Kandidat Ulrich Siegmund kam schon nach 48 Stunden auf drei Millionen Youtube-Abrufe. Zum Vergleich: Das TV-Duell zwischen Siegmund und CDU-Ministerpräsident Sven Schulze im MDR schauten gerade einmal 700.000 Menschen. In beiden Fällen kam nur ein Bruchteil aus Sachsen-Anhalt. Und die Aufritte des möglichen AfD-Bildungsministers Hans-Thomas Tillschneider in den Podcasts von Melanie Amann (Sendung abgebrochen) und Paul Ronzheimer (Rote-Armee-Becher) kreierten bundesweit Schlagzeilen.
- Wählerbeschimpfung:
„Jammer-Ossi“ ist dieser Tage ein verbreiteter Begriff. Hat man in der Ausprägung auch noch nicht gesehen, die Diffamierung einer ganzen Region durch Medien. Der „Spiegel“ tat sich in Sachen Sachsen-Anhalt nicht nur mit seinem legendären Titel hervor, sondern auch durch Kommentator Nikolaus Blome – mit einem Anti-Ossi-Rant, der sich gewaschen hatte.
- Nachrichten ins Nichts:
Wollte Blome ernsthaft den ein oder anderen Wähler zum Nachdenken bewegen, so war das von vornherein aussichtslos. Die Abos großer West-Medien sind seit Jahren so gering, dass sie kaum noch sinken können. Beim „Spiegel“ verharrt die Quote der Ost-Leser bei rund zwei Prozent. Nun werden relevante Texte im Jahr 2026 natürlich nicht mehr nur vom Leser des jeweiligen Mediums wahrgenommen. Aber Social Media – von der Altersstruktur ist das in dem Bundesland vor allem Facebook – dient in erster Linie der Empörung, nicht der reflektierten Beschäftigung.
- Clusterbildung:
Ostdeutsche als homogene Masse zu sehen, hat nicht nur bei Blome Konjunktur. So sieht der libertäre Ulf Poschardt die Menschen aus den nicht mehr so neuen Bundesländern als „zivilgesellschaftliche Avantgarde“. Der medial so gern beklagten „gesellschaftlichen Spaltung“ wird so Vorschub geleistet. Das Ganze ist ein Henne-Ei-Problem: Empfinden sich Ostdeutsche in erster Linie als Ostdeutsche durch eine Abwehrhaltung aufgrund ihrer Stigmatisierung? Oder werden sie stigmatisiert, weil sie sich als Ostdeutsche sehen.
- It’s the picture, stupid:
Starke Bilder gehören zum PR-Standard. Aber überlegt man, bei welcher Wahl sie den Unterschied gemacht haben, fällt einem aus der jüngsten Vergangenheit erst einmal nur Trump an der Pommes-Rutsche und im Müllwagen Bis AfD-Siegmund sich zum Motorradausflug auf die Simson schwang und lachend den „Spiegel“ signierte. Beide Varianten standen CDU-Mann Schulze nicht zur Verfügung. DDR-Nostalgie verbot sich und einen „Spiegel“-Titel gönnte man ihm auch nicht. Stattdessen musste er sich mit Wahlplakaten herumschlagen, auf denen eine Frau einmal Rollstuhlfahrerin war und dann wieder stehen konnte.