Die Geschichte des seit Wochen in der Ostsee liegenden Buckelwals Timmy hat sich zu einem Drama mit allerhand absurd-zynischen Episoden entwickelt. Ein Elektronikmarkt-Millionär, der sich zum Retter aufschwingen will, eine Tierärztin, die retten will und selbst in die Klinik muss, ein eskalierender Umweltminister, der dem noch lebenden Tier schon ein Denkmal bauen lassen will, ein aus Island eingeflogenes „Free Willy“-Rettungsteam, jede Menge Scharlatane, die wissen, wie man Timmy retten kann, während andere nur dafür beten, das dahinsiechende Tier doch würdevoll sterben zu lassen. Selbst der Bundespräsident kümmert sich um die Sache.
Da kann Medien-Eskalation nicht ausbleiben. Bild.de berichtet seit Tagen über nichts anderes so intensiv wie über den armen Ostsee-Wal, Liveticker inklusive. Eine Top-Schlagzeile gestern Abend: „Timmy öffnet Maul für Abendessen!“ Und dann steht der Wal auch noch sinnbildlich für die Spaltung unseres Landes: Befürworter und Gegner seiner Rettung halten sich laut RTL/ntv-Umfrage die Waage.
Riesiges Interesse am Wal
Das kann man alles für irrsinnig und übertrieben halten und liegt nicht völlig daneben. Wer aber spottet oder sich gar empört, nach dem Motto „Haben die keine anderen Themen?“, wie es dieser Tage häufig vorkommt, hat Medien nicht verstanden (schon gar nicht Boulevard-Medien) und ist schlichtweg ignorant. Nicht nur die irrsinnig hohen Klickzahlen bei Bild.de zeugen von einem riesigen Interesse der Menschen.
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Timmy ist alles andere als eine positive Geschichte. Aber nicht nur der Name „Hope“, den ihm optimistische Tierschützer gegeben haben, verdeutlicht: Immerhin gibt es noch Hoffnung auf ein Happy End. Eine Hoffnung, die viele in Bezug auf andere Themen längst aufgegeben haben: Ukraine, Naher Osten, Extremismus, Standort Deutschland. Auch das macht das Drama in der Ostsee so wertvoll: Vielleicht geht ja mal was gut aus. Abgesehen davon, dass Tiere generell starke Emotionen in uns auslösen. Sie werden als unschuldig, verletzlich und loyal wahrgenommen. Herzlos, wer das verspottet.
Wollen wir jedes Trump-Posting medial adeln?
Und überhaupt: Ist die Berichterstattung über all die schlimmen Krisen der vergangenen Jahre nicht intensiv genug? Erwarten wir wirklich, dass Ukraine-Krieg, Iran oder Deutschlands Wirtschaftsabsturz Dauer-Aufmacherplätze einnehmen? Wie düster wäre die Stimmung dann, wie verfinstert unsere Wahrnehmung der Welt? Muss nicht sein, zumal auch nicht täglich wirklich Neues geschieht. Wollen wir wirklich intensiv über jeden Drohnenangriff der Russen informiert werden und müssen wir jedes Trump-Posting mit Aufmacherplätzen adeln?
Natürlich nicht. Und deshalb ist es gut, dass es Timmy gibt.
Aus der Mottenkiste übrigens der gern genommene „Schon Sommerloch?“-Vorwurf: Wer in Zeiten globaler Multikrisen meint, dass im Sommer News-Not herrscht, bloß weil der Bundestag pausiert, hat sein Medienverständnis seit den Achtzigern nicht mehr upgedated.