Sympathische Verlierer

TV-Dokumentationen

Zu den vielen Problemen der CDU in der öffentlichen Erscheinung kommt seit einigen Tagen auch noch eine ZDF-Dokumentation hinzu, die zumindest im „politischen Berlin“ für jede Menge Spott, gar für Erschütterung sorgt. Die zweite Staffel von „Inside CDU“ fügt der Partei ähnlichen Schaden zu wie die Amazon-Doku „All or nothing“ über die Fußball-Nationalmannschaft, die 2023 den damaligen Bundestrainer Hansi Flick zerlegte. Spricht man über dessen Amtszeit, fällt mit einem Schmunzeln gern das Stichwort „Graugänse“, das auf ein etwas peinliches Doku-Bonmot während der WM in Katar anspielt. Die Graugans war für Flick das, was für den CDU-Politiker Philipp Amthor der Strandkorb ist.

Das System ist bei beiden Dokus gleich: Eine Organisation und ihre Protagonisten werden über Wochen oder gar Monate hautnah begleitet. Sie entblößen sich vor dem TV-Team, haben keine Kontrolle über das ausgestrahlte Material. Auf der Habenseite steht die potenziell imagefördernde Bereitschaft zu völliger Transparenz, auf der Negativseite möglicher totaler Kontrollverlust. In deutschen Kommunikationsabteilungen, wo man nichts mal einfach so laufen lässt, der Worst Case. Das macht die Formate aus kommunikativer Sicht so spannend. Sie passen ganz einfach nicht zu unserer von Autorisierung geprägten Kultur.

Die Risiken sind immens und überwiegen die potenziellen Chancen.

– Demaskierung: Den Machern wird die Maske abgenommen, die sie sonst bei öffentlichen Auftritten tragen. Der Zuschauer erkennt, dass Politiker, Manager oder Bundestrainer in vielen Situationen genauso orientierungslos und hilfsbedürftig sind wie er selbst im Berufsleben. Das gibt ihm kein gutes Gefühl, da er von Entscheidungsträgern mehr erwartet. Sie sind in Dokumentationen nicht mehr souverän, wie es ihre sonstige öffentliche Erscheinung ist. Das trifft beispielsweise in der CDU-Doku auf mehrere Protagonisten zu.

– Entprofessionalisierung: Der Zuschauer erkennt verblüfft, das selbst banale Social-Media-Aufsager vor der Kamera souffliert werden müssen und holprig umgesetzt werden. Gerade bei Politikern, die vom wuchtigen öffentlichen Auftritt und von Schlagfertigkeit leben, wirkt das entzaubernd. Kernkompetenzen werden durch solche Doku-Szenen infrage gestellt.

– Zweifel: Menschen wünschen sich von Entscheidern Entschlossenheit. Die Hautnah-Dokus legen aber häufig das Gegenteil offen. Der Zweifel kann sympathisch wirken, menschlich. Er kann aber auch Zweifel beim Zuschauer hervorrufen, an der Führungskraft, an der Kompetenz, am Willen des Protagonisten.

– Willkür: Während schon die Aussagen und die Aufritte der Protagonisten in ihrer Fülle kaum zu kontrollieren sind, liefert man sich bei der Bearbeitung der Szenen vollends aus. So wurden sehr viele CDU-Szenen mit einer etwas belustigenden Musik hinterlegt, die das klare Signal sendete: „Leute, so ganz ernst zu nehmen ist das hier nicht.“

Wie eine Doku funktionieren kann, zeigte die „Bild“. Auch die erhielt über einen langen Zeitraum von Amazon Besuch, 2019 und 2020 war das. Auch dort wirkten viele, kaum zu kontrollierende Protagonisten mit. Auch hier wirkte der ein oder andere mal verpeilt. Nur ergab sich beim Zuschauer das Gefühl, dass die Schaltzentrale, sprich Chefredaktion, das Ganze im Griff hätte. Die einzelnen Reporter strahlten zudem meist die Dynamik aus, die man mit der Marke verbindet. Sympathisch kamen die „Bild“ und ihr Macher keinesfalls rüber, das hätte dem Markenkern aber wohl eher geschadet.

An Sympathie mangelt es der CDU und Hansi Flick in ihren Dokus nicht, nur wird aus Sympathie schnell Mitleid. Was beide ebenfalls eint: Sie agierten als Verlierer, es lief weder bei den Wahlen noch bei der WM. Man kann sagen: Die „Bild“ hatte nichts zu verlieren und gewinnt deshalb. Im Gegensatz zu CDU und dem Ex-Bundestrainer.

Aufgrund seiner Erfolge beim FC Barcelona konnte Flick die Gänse irgendwann abschütteln. Ob das Amthor mit seinem Strandkorb auch gelingt?

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