Ringkampf über zwei Runden

Autorisierungspraxis

Interviews mit Spitzenpolitikern sind für Journalisten wie Ringkämpfe über zwei Runden. In der ersten Runde geht es darum, dem Politiker im Gespräch möglichst viele interessante oder exklusive Aussagen zu entlocken, obwohl dieser das gar nicht will. Gelingt es dennoch, geht es in der zweiten Runde darum, diese Aussagen in der Autorisierung zu verteidigen. Gegen den Politiker und gegen den Pressesprecher, der oft schon in vorauseilendem Gehorsam sensible Passagen schleift oder streicht.

Den absurdesten Fall erlebte ich, als ich vor vielen Jahren einmal einen Bundesbank-Vorstand interviewte. Das Gespräch verlief bereits recht zäh. Das autorisierte Interview aber, das ich zurückbekam, war eine Frechheit. Das gesamte Interview war vollständig im Änderungsmodus, kein einziges gesprochenes Wort aus dem Interview mehr vorhanden. Stattdessen wurde offensichtlich einfach der Sprechzettel des Bundesbank-Vorstandes aufgeschrieben, der sich an Finanzexperten richtete, für den allgemeinen Leser aber völlig unverständlich war.

Doch selbst wenn das komplett neue Interview verständlich gewesen wäre, wäre solch ein Verhalten natürlich inakzeptabel. Wir schickten das Interview zurück mit der Drohung, entweder das alte Interview als Basis für einen neuerlichen Autorisierungsprozess zu nehmen oder das Interview nie zu drucken. Die Pressestelle entschied sich für Ersteres. Die weitere Abstimmung verlief dann unfallfrei.

Es gibt aber auch Autorisierungen, die gemessen am Gesprächsverlauf überraschend harmonisch verlaufen. Als ich vor einigen Jahren mit Kollegen Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister interviewte, wollte sein Sprecher das Gespräch nach drei Fragen abbrechen. Er fand die Fragen zu unverschämt. Nach einigen Diskussionen setzten wir das Gespräch fort, doch die Stimmung während des Gesprächs blieb eisig. Es ging noch ein paar Mal hin und her. Nach dem Interview gab mir der Sprecher ironisch mit auf den Weg, das werde ja bestimmt eine sehr lustige und problemlose Autorisierung werden. Interessanterweise wurde sie das dann tatsächlich, weil die Fragen gar nicht so unverschämt waren und sich das Interview im Nachhinein auf Band weniger kontrovers anhörte, als wir alle den Eindruck hatten.

Der Vorteil des deutschen Phäno­mens des Autorisierungsprozesses wird oft darin gesehen, dass durch die Abstimmung Fehler oder Missverständnisse vermieden werden, wovon sowohl der Politiker als auch der Journalist profitieren. Gleichzeitig kann auch der Interviewpartner das Interview sprachlich aufhübschen. Ich kann diese Vorteile in der beruflichen Praxis nicht bestätigen. Echte Missverständnisse kommen selten vor, und wenn es welche gibt, kann und muss ein Journalist auch ohne Autorisierung auf den Pressesprecher zugehen. Stattdessen führt der Autorisierungsprozess dazu, dass Politiker Interviews gern dahinplätschern lassen.

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren führte ich ein Interview mit dem damaligen Finanzminister Wolfgang Schäuble. Schäuble kann rhetorisch brillant sein, als Finanzminister war er aber auch berühmt für seine verquasten Schachtelsätze, die im Nirgendwo endeten. Der Tag des Interviews war so ein Tag der verquasten Schachtelsätze. Allerdings hatten wir zum Gespräch auch ein Kamerateam dabei, das ganz am Ende drei Fragen stellen sollte. Da war Schäuble dann wie ausgewechselt. Seine Antworten waren klar, knapp, pointiert. Schäuble wusste: Das, was er vor der Kamera sagt, kann er im Nachhinein nicht mehr mittels Autorisierung zurückholen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Nachhaltigkeit. Das Heft können Sie hier bestellen.