Reine Klima-PR oder Kurswechsel bei Elsevier?

5.000 Klima-Dokumente kostenlos

Einen sonderlich guten Ruf genießt Elsevier in der globalen Forschungswelt nicht – um es vorsichtig zu formulieren. Der  niederländische Wissenschaftsverlag gilt, wie Die Zeit es 2017 ausdrückte, unter Forschern „als eine Art Lord Voldemort: gierig, rücksichtslos, allmächtig.“ Elsevier agiere wie eine Hydra und nutze Wissenschaftler rücksichtslos aus.

Umso bemerkenswerter der jetzige Schritt: Elsevier veröffentlicht zum Themenkomplex Klimawandel mehr als 5.000 aktuelle wissenschaftliche Arbeiten.

Kostenloser Zugang zu Klimawandel-Arbeiten

Die Sammlung umfasse alle 2018 oder 2019 in dem Verlag erschienen Artikel, bei denen „climate change“ entweder im Titel, im wissenschaftlichen Abstract oder in den ausgewiesenen Schlagworten auftauche. Darunter seien Arbeiten aus 412 Elsevier-Fachjournalen mit wissenschaftlichem, medizinischem oder technischem Schwerpunkt.

Über die Forschungsplattform Mendeley – sie gehört seit 2013 ebenfalls zu Elsevier – können die Dokumente bis zum 31. Dezember 2019 heruntergeladen werden. Kostenlos. Das Teilen und Verbreiten der Arbeiten bleibt jedoch untersagt.

Ist das der erste Schritt einer Abkehr Elseviers von seiner weltweit scharf kritisierten Publikations- und Preispolitik oder doch nur eine Public-Relations-Aktion im Umfeld der Klimadiskussion?

“Renditen wie im Waffen- oder Drogenhandel”

Der Verlag gehört zu den weltweiten Marktührern bei Wissenschaftspublikationen und erzielte eigenen Angaben zufolge 2018 einen Umsatz von über 2,8 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite war wieder einmal exorbitant: 37,1 Prozent, auf Vorjahresniveau und nur knapp unter den Rekordwerten früherer Jahre. Der österreichische Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich sprach in diesem Zusammenhang von Gewinnraten wie „im Waffen- und im Drogenhandel.”

Seit 1993 ist Elsevier  mit seinen rund 7.500 Mitarbeitern Teil des britischen Medienkonzerns Relx (bis 2015 Reed Elsevier), der unter anderem mehr als 3.000 Webseiten betreibt und einer der weltweit größten Anbieter von Online-Datenbanken ist.

Elseviers Gebührenpolitik gegenüber publizierenden Wissenschaftlern wird immer wieder scharf kritisiert, ebenso seine rigiden Richtlinien für Nutzungsrechte an wissenschaftlichen Arbeiten.

Vor allem jedoch hat der Verlag den Ruf, außerordentlich profitorientiert zu agieren, die Open-Access-Bewegung für wissenschaftliche Arbeiten zu torpedieren und damit die Verbreitung wichtiger Forschungsergebnissen zu behindern. Abonnements wichtiger Elsevier-Fachzeitschriften kosten im Normalfall mehrere tausend, oftmals auch mehrere zehntausend Euro jährlich.

Universitäten boykottieren Elsevier

Zahlreiche Universitäten, darunter im Jahr 2017 mehr als 200 deutsche Hochschulen und Institute sowie jüngst im März 2019 die University of California in Berkeley, haben die Zusammenarbeit mit Elsevier wegen dessen Preispolitik eingestellt.

Allein Berkeley zahlte zuletzt rund 11 Millionen US-Dollar Gebühren an Elsevier – jedes Jahr. Universitätsbibliotheken können sich angesichts schrumpfender Budgets die exorbitanten Abonnementkosten für wissenschaftliche Journale des Verlags nicht mehr leisten. Zahlreiche renommierte Wissenschaftler legten aus Protest sogar ihre Herausgeberschaft für Elsevier-Fachjournale nieder.

Doch im Gegensatz zu anderen großen Science-Publishern wie etwa Springer Nature (Deutschland), Wolters Kluwer (Niederlande) oder Wiley (USA) zeigte Elsevier bislang keine Kompromissbereitschaft in den Verhandlungen über ein neues Vertragswerk (“DEAL”) mit Forschungseinrichtungen und Bibliotheken. Seit Sommer 2018 sind die Gespräche zwischen dem Verlag und deutschen Forschungseinrichtungen ausgesetzt.

Verlag spricht von “Pilot-Initiative”

Elsevier betont in den FAQ zu seiner ungewöhnlichen Klimadokumente-Aktion, es handele sich um eine „Pilot-Initiative“. Man werde das Nutzerverhalten und die Rückmeldungen dazu analysieren und gegebenenfalls weitere Initiativen dieser Art starten.

Ob der hart kritisierte niederländische Großverlag also tatsächlich beginnt, seine rigide Preispolitik zu überdenken und sich der Open-Access-Bewegung zu öffnen oder das brisante Thema Klimawandel lediglich dazu nutzt, das eigene, arg ramponierte Image aufzupolieren: Das bleibt einstweilen offen. Auf eine Anfrage des pressesprecher hat Elsevier bislang nicht reagiert.