Presse-Infos? Bitte mehr davon!

Zuckerbrot und Peitsche

„Sehr geehrter Herr Evert …“ Jeden Tag schreiben sie mir: Pressestellen, PR-Agenturen, Kommunikationsexperten. Und jeden Tag mit dabei: die AfD-Fraktion Berlin. Ihre Abgeordneten fordern gern und viel („Mehr Anpassungsdruck auf legale Migranten“). Oder sie kleiden ihre Abscheu in starke Worte („A100-Sperrung: Amoklauf gegen Mobilität“).

AfD-Mitteilungen sind wie ein schnarrendes Meckern im E-Mail-Fach. Einerseits ist das hilfreich, denn ich begreife sofort die Botschaft. Aber es bringt mich andererseits auch um Ruhe und innere Einkehr – wofür ich mich dann anderen Pressemitteilungen zuwenden muss. Jenen kontemplativen PR-Texten etwa, die nicht wutbürgern, sondern mich rätseln lassen: „FairMate LeadTracking: Neueste Version mit Schnittstelle zu CRM-Systemen“.

Wir Journalisten reagieren auf Pressemitteilungen häufig genervt und ungehalten. Wir würden sie gern anraunzen, die „Kommunikationsexperten“, die uns den Kram schicken. Womit belästigt ihr mich da? Wieso verstopft ihr meinen Posteingang? Haltet ihr das für die richtige Ansprache an einen kritischen Geist, an einen selbstbewussten Vertreter der vierten Gewalt? Erwartet ihr darauf wirklich eine Reaktion? Und welcher Praktikant unterläuft bei euch ständig die Anweisung zur Pflege des Verteilers?

So ähnlich habe ich jahrelang geflucht. Mal lautlos beim Aufräumen des Mailfachs, mal lautstark im Chor mit Kollegen. Wenig schweißt Journalisten so eng zusammen wie die kollektive Häme über die Flut an Pressemitteilungen.

Tröstlicher Anker in der digitalen Transformation

Seit einiger Zeit jedoch weiß ich, dass das falsch war, dass ich etwas ganz Entscheidendes übersehen hatte. Seitdem mir das bewusst ist, blicke ich zartfühlend auf Mail-Betreffzeilen wie diese: „‚Human first‘: Empathie als Anker in der digitalen Transformation“. Nichts anderes sind nämlich die Pressemitteilungen, die uns Tag für Tag erreichen: ein tröstlicher Anker im Mahlstrom der wilden, digitalen Transformation, die Journalisten an ihrer Rolle zweifeln lässt.

Der Gatekeeper, der die Nachrichtenflut gewichtet, leidet wie sein Reporterkollege, der draußen herumrennt und recherchiert. Bilden Medienhäuser mit ihren Publikationen den Lauf der Welt ab (und bestimmen ihn manchmal auch mit)? Und wann wurde zuletzt der Inhaber eines traditionellen Medienhauses ehrfurchtsvoll „Medienmogul“ oder „Pressezar“ genannt?

Wer immer seine Botschaften unter die Leute bringen will, kann das heutzutage kostengünstig ganz einfach selbst tun – in Text, Ton, Bild und Video. Werden Journalisten also noch gebraucht? Natürlich, liebe Kollegen! Schaut in eure E-Mails und dankt der PR-Branche! Sie zeigt uns: Lieber Journalist, wir haben dich nicht aufgegeben. Du bist für uns noch immer wichtig – trotz Facebook, Google, Twitter.

Deswegen sollten wir Journalisten über jeden Tag, der mit verstopften Mailfächern beginnt, froh sein. Und wir sollten zumindest einen kurzen Moment innehalten, bevor wir Nachrichten wie diese löschen: „Einladung zur Preisverleihung ‚Kreativster Stromkasten 2018‘“.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe SPASS. Das Heft können Sie hier bestellen.