Lieber Inhalte als ein großes Maul

Introvertierte Redner

Das Reformations-Jubiläum ist vorbei, doch Martin Luther bleibt uns wohl auch in Zukunft noch erhalten. Nicht nur, aber auch als Zitatgeber und Vorbild für Kommunikations-Gurus. „Tritt fest auf, mach’s Maul auf“, soll der revoltierende Mönch einst gesagt haben: Überzeugen durch bestimmtes Auftreten.

Manche Rhetoriktrainer machen sich diese Regel zu eigen und preisen den Redner und Statement-Geber gerne als kommunikative Rampensau. Wer in die Medien kommen will, muss überspitzen, trampeln, laut sein – Hauptsache auffallen. Donald Trump verliert nichts von seinem Charme als Paradebeispiel für solche Art Porzellanladen-Elefant. Doch auch mancher Parteisoldat und Sondierer in der deutschen Politik (ob Bajuware oder Fischkopp) kennt diese Mechanismen und weiß sie reichhaltig anzuwenden. Lieber einmal zu viel extrovertiert das Maul aufmachen (um Luther zu zitieren), als einmal zu wenig inhaltliches Vakuum absondern.

Jedes Team braucht Intros und Extros

Was aber macht im Gegensatz dazu der introvertierte Redner, der nur wider die eigene Natur laut, harsch und bestimmt auftreten mag? Die zurückhaltende Interviewpartnerin? Die Ruhigen und Besonnenen im Scheinwerferlicht? Wie können sie überzeugen? Oder sind Intros per se für Kommunikation nicht zu gebrauchen?

Mitnichten, sagt da zum Beispiel die Intro-Expertin Sylvia Löhken. „Ich brauche in jedem Team Intros und Extros, weil sie sich prima ergänzen“, betonte sie bei einer Veranstaltung im vergangenen Jahr. Redner zu sein, einen Vortrag zu halten, Bilanzen zu präsentieren, politische Positionen zu erläutern oder um Unterstützung zu werben, heißt also nicht zwangsläufig, vom kommunikativen Schlage eines Donald Trump zu sein.

Aber vielleicht ist ja auch der US-amerikanische Präsident sehr introvertiert. Er sei wie ein kleines Kind, das seinen Willen durchsetzen wolle, schreibt der Journalist Michael Wolff in seinem durchaus umstrittenen Buch über die Zustände im Weißen Haus. Ist ein quengelndes Kind automatisch extrovertiert?

Auch introvertierte Redner können punkten

Wer als Redner auftritt, Vorträge hält (oder auch Kolumnen schreibt) – kurzum, wer mit Sprache umgehen und überzeugend auftreten kann, kann aber auch sehr introvertiert sein, sagt Sylvia Löhken. Hauptsache ist, die Menschen sind authentisch. Wer sich eine Maske überstülpt – oder von seinen Beratern übergestülpt bekommt – der spielt bestenfalls eine Rolle. Vielleicht spielt er sie auch gut. Aber wirklich überzeugend?

Ich kann mich an Anwälte und Richter erinnern, die ich während meiner Zeit als Gerichtsreporter kennengelernt habe. Krawallmacher und leise Hascherl, schnittige, smarte und tollpatschige, laute und leise, sympathische und unsympathische. Am meisten überzeugt haben aber die, die offensichtlich selbst überzeugt waren von dem, was sie sagen.

Auch introvertierte Redner können punkten, wenn sie glaubwürdig und authentisch sind. Wenn man ihnen die eigene Überzeugung abnimmt. Oder wenn sie eine Geschichte zu erzählen haben. Storytelling ist nicht nur im Journalismus eine Wertmarke, sondern auch in der Rhetorik, beim Reden schreiben und Reden halten.

Mehr Inhalte als Show – das wäre schön

Gerade für die Rede gilt: Sie muss immer zum Anlass und zum Publikum passen und zum Redner. Professionelle Redenschreiber fragen daher immer beim Briefing neben Inhalten und Botschaften auch die Persönlichkeit des Redners respektive der Rednerin ab. Zu ihr müssen die dann folgenden Rede-Ideen passen. Die desaströsen Schenkelklopfversuche des einstigen FDP-Nachwuchses Philipp Rösler haben uns gezeigt, was passiert, wenn der Ruhige sich als Bierzeltgaukler versucht.

Wer eher introvertiert ist, sollte erzählen (siehe oben: Storytelling). So, wie er oder sie ist und redet. Bloß keine fertigen Redetexte komplett ablesen! Das klingt und wirkt langweilig. Redner und Statementgeber überzeugen nicht allein durch die Person, sondern manchmal auch mit Inhalten. Das wäre gegenüber den bundespolitischen oder US-amerikanischen Porzellanladen-Elefanten ein großer Vorteil. Mehr Inhalte statt mehr Show – das wäre schön. Dann klappt’s mit Intros und Extros gleichermaßen.