Zur Fußball-WM wird gerne das Bild der 84 Millionen Bundestrainer bemüht. „Bild“ hat es in diesem Jahr sogar als wenig originellen Werbe-Copytext verwendet. Ähnlich verbreitet wie die kritische Beschäftigung mit dem Bundestrainer ist die Rezension von TV-Experten, die alle Fußballfans über mindestens fünf Wochen begleiten. Bei dieser WM gehen die Zuschauer aufgrund der Anstoßzeiten sogar mit ihnen ins Bett oder wachen mit ihnen auf. So viel emotionale Nähe zu den Fernsehfußballtalkern gab es noch nie.
In diesem Jahr werden in den TV-Studios gleich mehrere Trends ausgelebt und auf die Spitze getrieben. Und das bezieht sich vor allem auch auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen, mit dem ich den größten Teil meiner WM-Zeit verbringe. Einiges, was ich im TV bei ARD und ZDF beobachte, wünscht man sich für die gesamte Gesellschaft, manches doch lieber nicht.
Konsens statt Diskurs
Gelegentlich wird fachlich diskutiert – etwa ob das 4-3-2-1-System zur Mannschaft nicht doch besser gepasst hätte als das 3-5-2-System. Aber im Großen und Ganzen ergibt sich ein Gefühl des gefälligen Konsenses, den man sich für die gesamte Republik wünscht.
Ein Beispiel: Die Umfragen zufolge unbeliebte Entscheidung des Bundestrainers für Torwart-Denkmal Manuel Neuer wurde überhaupt nicht hinterfragt, sondern als ganz selbstverständlich eingeordnet. Er sei schließlich „immer noch der beste Torwart der Welt“, so ZDF-Experte und Ex-Neuer-Mitspieler Christoph Kramer. Später, als es nicht mehr lief, beklagte derselbe Kramer dann, dass es immer nur Extreme gebe. Auf Hochjubeln folge Missgunst. Nun ja, ganz unbeteiligt war er daran nicht.
Generell mangelt es an Widerspruch. Er fehlt untereinander, was den Studio-Debatten jegliche Würze nimmt, und auch mit Kritik an Spielern oder Bundestrainer tun sich die verschiedenen Belegschaften im TV-Studio schwer. Da scherte auch ein Kramer nicht aus, der die deutsche Truppe erst dann kritisierte, als alles aus war. Jürgen Klopp, TV-Experte bei der privaten Konkurrenz, hatte mit seinem unbedachten Spruch, dass Julian Nagelsmann „noch“ die Mannschaft aufstelle, jede Menge Aufregung provoziert, die er schließlich mit einer etwas peinlichen Entschuldigung eindämmen musste. Derartiges Ungemach wollen die Kollegen von ARD und ZDF offenbar vermeiden. Ein Königreich für einen Günter Netzer, der 2003 den legendären TV-Auftritt von Rudi Völler bei Waldemar Hartmann – Stichwort „drei Weizenbier“ – provozierte.
Buddy-Nähe statt kritischer Distanz
Man kann vielleicht nicht mehr Diskurs und Kontroverse verlangen, wenn die TV-Experten in erster Linie ehemalige Nationalspieler sind, die mit vielen aktuellen Kickern noch zusammengespielt haben. Wer will da schon als Nestbeschmutzer gelten? Sky-Experte Didi Hamann, der immer wieder schmerzhafte verbale Nägel in den Leib der Fußball-Community hämmert, ist da eine wohltuende Ausnahme. Nur: Bei der WM ist er leider nicht am Start. Einem anderen ehemaligen Nationalspieler sind die TV-Experten aber immer noch zu scharf. Man müsse bei Kritik schließlich im Auge behalten, wie das auf die Nationalspieler wirken könne, vor allem bei den sensiblen, schrieb Ex-Kapitän Ilkay Gündoğan in seiner „Spiegel“-Kolumne. Hat sich jemand jemals so schützend vor Politiker gestellt?
Scharfe Kritik gibt es eigentlich nur an den Kritikern. Wenn Journalisten allzu harsch berichten, dann regt sich Unmut auf den Sofas.
So war Robin Gosens, ein anderer Ex-Nationalspieler unter den TV-Experten, regelrecht aufgebracht, weil das Schweizer Boulevardblatt „Blick“ von schlechter Stimmung in der Schweizer Kabine berichtete, woran Kapitän Granit Xhaka schuld sei. Woher die das überhaupt wissen wollten, fragte Gosens in der ARD. Als hätte der Boulevard nicht schon immer irgendwie mit in der Kabine gesessen – in der Schweiz wie in Deutschland. Sein eidgenössischer Vereinskollege und Nationalspieler Remo Freuler habe ihm doch etwas ganz anderes berichtet. Anekdotische Evidenz schlägt Recherche.
Entertainment statt Journalismus
Zum großen Konsens passt die Wohlfühlatmosphäre im Studio. Beim Blick ins Berliner ZDF-WM-Studio glaubt man, gleich beginne „Wetten, dass..?“. Alte Entertainment-Schule. Bei der ARD dagegen spielt man eher die freche Content-Creator-Karte. Das Publikum wird fröhlich geduzt und Moderator Malte Völz sagt auch mal locker „safe“ statt „hundertprozentig“. Die Spieler sind generell nur noch „die Jungs“.
Egoismus statt Teamgeist
Vordergründig wird gerne die Teamleistung beschworen, aber im Grunde geht es nur noch um Stars.
Ständig hat irgendwer einen historischen Rekord aufgestellt. Sei es, weil er jüngster WM-Torschütze aller Zeiten seines Landes ist, ältester „Doppelpacker“ der WM-Geschichte oder der erste 40-Jährige, der jemals in der Nachspielzeit traf.
Die Gier nach Stars und individuellen Rekorden ist unermesslich. Selbst dem einst seriösen Branchen-Sprachrohr „Kicker“ ist es wichtiger, in der Headline zu verkünden, wer „einen Doppelpack geschnürt“ hat, als zu berichten, wie das Spiel lief. Schaut man eine Ebene höher, so muss man leider festhalten, dass der heutige Fußballjournalismus den ohnehin um sich greifenden Egoismus in der Gesellschaft zusätzlich fördert. Es zählt vor allem der Einzelne.
Superlative statt Ball flach halten
Bei Adjektiven wird schnell in das oberste Regal gegriffen. Jeder halbwegs gelungene Pass ist heute „unfassbar“, jeder halbwegs talentierte Newcomer „unglaublich“. Meist kombiniert mit dem Wort „Qualität“. Früher hieß es „Klasse“. Der Wortwechsel steht sinnbildlich für einen Sport und seine Protagonisten, die zu Produkten und Marken geworden sind.
Mein Fazit: Der TV-Fußball muss zurückfinden zu einer kritischeren Grundhaltung. Sein Auftrag ist Journalismus und eine realistische Bestandsaufnahme der Wirklichkeit, die auch mal schonungslos ausfallen darf. Weniger „Wetten, dass..?“ und dafür mehr Sportstudio der achtziger Jahre wäre angesagt. Weniger „unfassbare Qualität“ und dafür mehr „solide Klasse“.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Social. Das Heft können Sie hier bestellen.