Im Kampf gegen Mythen: Über die Pressearbeit eines Sexarbeiterverbands

Frau de Rivière, worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Pressesprecherin?

Undine de Rivière: Als Sprecherin des Verbands geht es mir zunächst darum, unsere politischen Forderungen publik zu machen und ein Mitspracherecht bei rechtlichen Regulierungen, die Sexarbeit betreffen, einzufordern. Lobbyarbeit ist aber nur der eine Teil. Zum anderen möchten wir durch unsere Öffentlichkeitsarbeit über die Mythen, die sich um das Thema Sexarbeit ranken, aufklären. Die Vorurteile reichen von „Keine macht so etwas freiwillig“ bis „In einem Verband finden sich nur Dominas oder besser bezahlte Prostituierte zusammen“. Das stimmt natürlich nicht.

Was machen Sie, um die Gerüchte auszuräumen?

Wir geben Interviews, schreiben Texte für Magazine und stehen für Vorträge zur Verfügung. Ende September haben wir einen Sexarbeitskongress in Berlin organisiert. Es ist uns ein großes Anliegen, ganz persönlich für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Viele Klischees halten sich nur, weil die Menschen noch nie Kontakt zu einer Sexarbeiterin hatten, die ihnen einen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit gegeben hat.

Liberalisiert sich unsere Gesellschaft in Bezug auf Sexarbeit oder haben Sie das Gefühl, für ein Tabuthema zu sprechen?

Es gibt da gerade ziemlich gegenläufige Strömungen. Positiv ist, dass das Prostitutionsgesetz von 2002 die Sittenwidrigkeit unserer Branche abgeschafft hat. Heute kann eine Sexarbeiterin ihr Honorar einklagen, wenn der Kunde nicht zahlen will, das war ein wichtiger Schritt. Die Umsetzung wird von den konservativeren Kommunen aber immer noch verweigert, da schlägt uns viel Repression entgegen. Ich habe das Gefühl, es gibt im Moment gesellschaftlich und politisch eher einen weltweiten konservativen Backlash.

Wer ist die größte Opposition des Verbands, „gegen“ die Sie kommunizieren?

Da gibt es leider eine recht unheilige Allianz aus konservativen und radikalfeministischen prostitutionsfeindlichen Kräften, die sich in diesem Punkt zusammengeschlossen hat. Wobei ich betonen möchte: Nicht alle Feministinnen haben ein Weltbild wie Alice Schwarzer, es gibt auch viele Strömungen, die uns sehr unterstützen, und Kolleginnen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen.

Woran arbeiten Sie momentan?

Wir haben gerade eine Unterschriftenkampagne gegen die von der regierenden Koalition geplante Zwangsregistrierung von Sexarbeitern abgeschlossen. Eine solche polizeiliche Erfassung hat es zuletzt in den 1940er Jahren gegeben. Das sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“ führt unserer Meinung nach zu Entmündigung, nicht zu Empowerment. Dabei geht es natürlich nicht um die Steuern – die zahlen wir selbstverständlich.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Randgruppen-PR. Das Heft können Sie hier bestellen.