Falsche Geschichten als News verpackt

Kolumne

Jürgen Klopp ist für viele Sympathieträger und Kultfigur, für Journalisten aber ab und an schwer zu genießen. Klopp macht aus seiner Meinung generell keine Mördergrube und das gilt erst recht für den Berufsstand der Fußballreporter. Diese Woche gab es kein Halten mehr, als Klopp, derzeit in Diensten des Getränke- und Sportkonzerns Red Bull, auf ein angebliches Interesse von Real Madrid angesprochen wurde. Berichtet hatte das österreichische Portal OE24. „Ich weiß ja immer nicht, wann ist eine Nachricht eine Nachricht? Wenn jemand ein Blatt Papier nimmt und etwas draufschreibt oder wenn irgendetwas dran ist?“, fauchte der angeblich Umworbene. Die Antwort lautet: Das Blatt Papier reicht.

Dass Medien ungefiltert und ungeprüft Storys anderer Medien übernehmen, ist kein neuer Trend. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich wissenschaftliche Studien damit und Experten beklagen regelmäßig den Verfall der Recherchesitten. Meist wird nicht mal mehr ein pflichtschuldiger Anruf bei Verein, PR-Agent oder Unternehmen getätigt. Doch der zunehmende Wettbewerbsdruck, Zeitverdichtung und als Beschleuniger sogenannte Reichweiten-Portale wie OE24 verschärfen das Problem – erst recht, wenn die Story auch noch über die Social-Media-Kanäle des Mediums ausgespielt wurde.

Die Nachricht ist nicht, dass etwas wirklich passiert, sondern dass jemand über etwas berichtet. Bei „Bild.de“ beispielsweise ist das eine tradierte Maxime.

Als ich dort vor einigen Jahren als Chef vom Dienst arbeitete, hatte „Focus Online“ darüber berichtet, dass Thomas Gottschalk wieder „Wetten Dass ..?“ übernehmen solle, was sich aber schnell als Ente entpuppte. Die „Bild“ ist traditionell bestens mit Gottschalk vernetzt und hatte den Entertainer kontaktiert. Dann hat es sich mit der Geschichte ja erledigt, nahm ich an. Dennoch wurde ich von einem Mitglied der Chefredaktion angehalten, die Story auf der Website auf einem Aufmacher-Platz zu bringen. Schließlich habe die (falsche) Nachricht schon die Runde gemacht, da könnten wir es uns nicht leisten, sie gar nicht zu bringen.

Wo derartige Einstellungen um sich greifen, müssen sich Medien über den seit Jahren nachgewiesenen Vertrauensverlust nicht wundern. Die Verbreitung falscher News macht nicht einmal vor Todesmeldungen halt, wie der Fall der Schriftstellerin Elfriede Jelinek zeigte, als es den Verbreitern nicht die Mühe wert war, einen ganz offenkundig gefakten X-Account näher unter die Lupe zu nehmen. Völlig willfährig wird die Übernahme, wenn es sich um ausländische Exklusiv-Storys handelt. Bei „Bild“ ist das britische Revolver-Portal der „Daily Mail“ seit jeher eine Primärquelle, vermutlich auch deshalb, weil viele Leser nicht wissen, was das Portal genau ist.

Kein reines Boulevardproblem

Es trifft aber bei weitem nicht nur den Boulevard. So ging im Januar eine Story um die Welt, der Papst wolle den französischen Präsidenten Emmanuel Macron nicht empfangen. Aus der Urheberquelle, der italienischen Zeitung „Il Tempo“, wurden dann der Glaubwürdigkeit halber schnell „Medienberichte“ gemacht. Einen Tag später kam das Dementi aus dem Vatikan.

Wie abgezockt Medien mit solchen Storys umgehen, zeigte der österreichische „Standard“, der an sich einen guten Ruf hat. Er schlagzeilte am 21. Januar: „Papst verweigert Macron Audienz“, und einen Tag später dann: „Papst verweigert Macron keine Audienz“. Das Beispiel ist typisch: Da die Headlines kompakt und knackig gehalten werden, ist dort für den Einwand, dass es ja nur eine Mediengeschichte sei, kein Platz. Da wird aus einer unbestätigten Konkurrenz-News dann schnell ein Faktum. Komplette Leserverwirrung inklusive.

Gibt es Lösungen gegen diesen Fake-News-Wahn, an dem ausnahmsweise mal nicht die KI schuld ist? Eine Hoffnung könnte die zunehmende Konzentration auf Abos statt auf Reichweite sein. Abonnenten wollen in der Regel keine Masse, sondern Qualität. Wenn allerdings auch die Scoops der Konkurrenz hinter der Paywall laufen, dann stirbt diese Hoffnung nicht zuletzt.

Für Unternehmen und Marken ist die Entwicklung im Übrigen ein Riesenproblem. Denn im Gegensatz zum Papst sind sie häufig nicht so relevant, als dass das Medium sich die Blöße gibt und die Fake News einen Tag später unbedingt auflöst.

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